Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Campus Göttinger Angstforscher: Furcht vor Blamage möglicher Grund für Kochsalzspritzen
Campus

Göttinger Angstforscher: Furcht vor Blamage möglicher Grund für Kochsalzspritzen

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:30 26.04.2021
Borwin Bandelow
Borwin Bandelow Quelle: imago
Anzeige
Göttingen

Die Krankenschwester, die im Impfzentrum Friesland sechs Spritzen statt mit Biontech-Impfstoff mit einer Kochsalzlösung gefüllt haben soll, könnte dem Angstforscher Borwin Bandelow zufolge eine übergroße Angst vor Blamage und Kritik gehabt haben. "Es könnte eine dahinterstecken", sagte der Göttinger Professor für Neurologie und Psychiatrie am Montag dem Evangelischen Pressedienst. Der Fall war am Wochenende bekanntgeworden. Der etwa 40-jährigen Frau soll im Impfzentrum in der Stadt Schortens bei Wilhelmshaven eine Ampulle mit Vakzin zerbrochen sein, ohne dass sie unmittelbar danach jemanden informiert habe.

Die Frau habe offenbar keine richtige Risikoabwägung vorgenommen, sagte Bandelow. "Die Angst vor einer Blamage war für sie stärker als der Gedanke, Menschen zu gefährden." Die Kochsalzlösung selbst sei zwar nicht gefährlich, aber da sich nicht feststellen lasse, welche sechs Personen diese statt des Biontech-Impfstoffs bekommen haben, sollen laut dem Landkreis Friesland alle 200 während der Dienstzeit der Krankenschwester Geimpften einem Antikörpertest unterzogen werden.

Er könne die Situation der Krankenschwester zum Teil nachvollziehen, sagte Bandelow. Vor drei Monaten habe er sich freiwillig als Impfarzt gemeldet Auch er habe Druck verspürt, wenn er den Impfstoff umhergetragen habe, weil er wusste, dass dieser nicht erschüttert werden dürfe. "Was ist, wenn ich stolpere? Dann können sechs Menschen nicht geimpft werden." Andererseits sei so ein Missgeschick längst nicht mehr so dramatisch wie in den Anfangstagen der Impfungen, als die Dosen extrem knapp waren. Wenn die Frau den Schaden gemeldet hätte, wäre wohl all das, wovor sie offenbar große Angst hatte, nicht eingetreten: die Kündigung, die öffentliche Blamage und nicht zuletzt Ermittlungen wegen einer Straftat.

Polizei und Staatanwaltschaft ermitteln gegen die examinierte Krankenschwester wegen einer möglichen Körperverletzung. Bei ihrer Vernehmung am Sonnabend habe die Frau umfänglich ausgesagt und den Vorfall eingeräumt. Sie habe am vergangenen Mittwoch in dem Impfzentrum die Aufgabe gehabt, den in konzentrierter Form angelieferten Impfstoff gemäß der Vorgaben mit einer Kochsalzlösung zu verdünnen und anschließend auf Spritzen aufzuziehen. Dabei sei ihr eine Ampulle mit dem Vakzin zerbrochen. Weil sie dabei alleine war, habe sie das Missgeschick zunächst vertuschen können. Eine Kollegin, der sie davon im Vertrauen erzählt hatte, meldete den Fall jedoch bei ihren Vorgesetzten.

Individualsport ist auch während der Corona-Pandemie möglich - Hochschulsport der Universität Göttingen: Mehr als 100 Sportarten zum Ausprobieren
14.04.2021