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Campus Göttinger Forschungsteam beleuchtet geistiges Erbe von Paul de Lagarde
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Göttinger Forschungsteam beleuchtet geistiges Erbe von Paul de Lagarde

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10:00 14.09.2020
Lagarde Anfang der 60er Jahre des vorigen 19. Jahrhunderts, nach einer im Besitz der Göttinger Universitätsbibliothek befindlichen Fotografie. Quelle: r
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Göttingen

Paul Lagarde hat von 1827 bis 1891 gelebt. Doch wer war der Göttinger Orientalist – dieser Frage hat sich ein Forschungsteam des Seminars für Ägyptologie und Koptologie der Universität Göttingen und dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam (MMZ) angenommen und das geistige Erbe von Lagarde durchleuchtet. Insbesondere die politisch-weltanschaulichen Aspekte der Arbeiten des Wissenschaftlers und Lagardes Antisemitismus standen für die Wissenschaftler im Vordergrund. Die Ergebnisse der Studien sind in der Reihe der europäisch-jüdischen Studien beim Verlag De Gruyter publiziert worden, heißt es in einer Mitteilung.

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Nachlassmaterialien und Publikationen Lagardes wurden von den Teilnehmern eines Workshops, der im Januar 2018 in Göttingen stattfand, ausgewertet. Erörtert wird zum einen die Fachgeschichte deutscher (Alt-) Orientalistik und der durch Lagarde geprägten Septuaginta-Forschung (die Septuaginta ist die altgriechische Übersetzung des hebräischen Alten Testaments). Darüber hinaus sei dadurch eine zeitgeschichtliche Einordnung vor den Hintergründen völkischer Ideologie und akademischer Netzwerke im 19. Jahrhundert möglich geworden.

Stationen seiner Karriere

Prof. Dr. Heike Behlmer. Quelle: r

Dazu Prof. Dr. Heike Behlmer von der Göttinger Ägyptologie und Mitorganisatorin des Workshops: „„Die Arbeiten Lagardes zur ägyptisch-koptischen Sprache und koptischen Bibel markieren in repräsentativer Weise Stationen seiner Karriere. Er erkennt und benennt zentrale Desiderata der Forschung. Mit seinen Plänen war Lagarde durchaus seiner Zeit voraus. Die angestrebte Ausgabe der sahidisch-koptischen Bibel wird erst heute mit digitalen Methoden umgesetzt.“

Die Historikerin Prof. Dr. Ina Ulrike Paul stellt parallel zu Lagarde wissenschaftlichem Werdegang in einem Beitrag fest: „Lagardes Haltung zu ‚den Juden‘ radikalisierte sich vom pietistisch fundierten theologischen Antijudaismus der 1850er Jahre bis zu einem mit rassistischem Vokabular formulierten radikalen Antisemitismus in den 1880er Jahren.“

Lagarde ein bekennender Judenfeind

Den Autoren ginge es aber nicht darum, Lagardes Persönlichkeit zwischen seinen orientalischen Studien und seinen kulturkritischen Schriften sowie seiner unbestreitbar antisemitischen Gesinnung aufzuspalten. „Lagarde war jemand, der sich als Wissenschaftler einen Namen gemacht hat, aber eben auch ein bekennender Judenfeind“, schreibt MMZ-Gründungsdirektor Prof. Dr. Julius Schoeps in seinem Geleitwort. „Gerade deswegen sollten wir uns mit seiner Person und seinen Werken weiterhin kritisch auseinandersetzen, denn die Beschäftigung mit Lagardes geistigem Erbe hilft uns zu verstehen, warum Menschen antisemitisch denken, welchen Ausdruck dieses Denken findet und welche Folgen bloße Gedanken haben können.“ Dabei stünden zuallererst die Orientalisten in der Pflicht, nicht zuletzt, um dadurch auch die gesellschaftliche Relevanz ihrer Forschung deutlich zu machen, heißt es weiter.

Von vw/r