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Kassel Kasseler Liste: Diese 120.000 Bücher wurden verboten
Campus Kassel Kasseler Liste: Diese 120.000 Bücher wurden verboten
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17:21 06.05.2019
Documenta 2017: Parthenon of Books Quelle: r
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Kassel

Das weltweit größte Verzeichnis von zensierten Büchern ist online gegangen. Die so genannte Kasseler Liste verzeichnet rund 120.000 Titel aus allen Zeiten und Ländern, die auf einem Index stehen oder standen.

Mit dem Verzeichnis hatten Germanisten der Universität Kassel im Vorfeld der documenta 14 begonnen, um das ikonische Kunstwerk Parthenon of Books zu unterstützen: Diesen Nachbau des Athener Parthenons verkleidete die argentinische Künstlerin Marta Minujin 2017 mit Ausgaben verbotener Bücher.

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Zur Validierung nutzte sie eine Liste, die das Team um Prof. Nikola Roßbach, Literaturwissenschaftlerin der Universität Kassel, und den Gastprofessor Dr. Florian Gassner von der University of British Columbia, Vancouver, erstellt hatte. Diese Liste ist inzwischen auf 120.000 Titel erweitert und nach Angaben der Hochschule ab sofort abrufbar unter www.kasselerliste.com.

Virtuelles Mahnmal

Auf der Liste finden sich Werke von Bertolt Brecht oder Erich Maria Remarque, im Nationalsozialismus verboten, ebenso wie überraschende Einträge, etwa die spanische Fassung von „Der kleine Prinz“. Zahlreiche gegenwärtig verbotene Titel machen die Liste zu einem hochaktuellen, virtuellen Mahnmal gegen Zensur und Unfreiheit. „Unser Ziel ist es, die globale Zensur zu dokumentieren und die Meinungsfreiheit zu verteidigen“, so Roßbach.

Die Liste ist nicht abgeschlossen: Zensierte Bücher, egal ob aus früheren Zeiten oder aktuelle Fälle, können auf der Website gemeldet werden.

Kunstwerk auf dem Friedrichsplatz

Im April 2017 wurden die ersten Exemplare am „Parthenon der Bücher“ aufgehängt. Bis dahin hatten Arbeiter das Gerüst auf dem Kasseler Friedrichsplatz montiert, das die Athener Akropolis nachbildet. Das Anbringen der Bücher dauerte bis September.

42 000 Bücher wurden gleich zu Beginn für die Installation der argentinischen Künstlerin Marta Minujin gespendet. Die Künstlerin wollte ein Zeichen gegen das Verbot von Texten und die Verfolgung ihrer Verfasser setzen. Zahlreiche private Spender unterstützen 2017 das Projekt, auch deutsche und internationale Verlage beteiligten sich. Um die Bücher am Tempel vor Umwelteinflüssen zu schützen, wurden sie in Plastikhüllen verpackt.

Vollendet für einen Tag

Am 9. September 2017 kam Künstlerin Minujin nach Kassel, um das letzte der 67000 Bücher anzubringen. Es war das Werk „Primavera Romana“ des US-Autoren Tennessee Williams (deutscher Titel: „Der römische Frühling der Mrs. Stone“).

Vollendet war der Parthenon nur für diesen Tag. Am nächsten begann der Abbau.

Hunderte Besucher standen Schlange, um sich Bücher vom Tempel abzureißen und als Erinnerung an das Kunstwerk und die documenta mitzunehmen. Minujín störte das nicht: Sie forderte die Leute auf, sich Bücher zu nehmen und fotografierte den Andrang.

„Dieser Parthenon wird für immer in den Erinnerungen vieler, vieler Menschen sein“, hatte die Künstlerin zuvor gesagt. Mit dem Projekt der Universität Kassel hat das Kunstwerk nun ein bleibendes Verzeichnis erhalten, das Minujíns Idee in anderer Form umsetzt.

Von Angela Brünjes

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