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Studium & Beruf Die verlorene Zeit der Pendler
Campus Studium & Beruf Die verlorene Zeit der Pendler
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00:08 29.09.2012
Von Melanie Huber
Entspannter pendeln: Experten raten, statt mit dem Auto mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.iStockphoto/Eric Hood
Experten raten, statt mit dem Auto mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Quelle: iStockphoto/Eric Hood
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München

Ihr Morgen ist durchgetaktet: Um 6 Uhr klingelt bei Kerstin Götz in Poppenricht in Bayern der Wecker. Um 6.25 Uhr fährt sie mit dem Auto zum Bahnhof. Dann noch schnell zum Bäcker und einen Kaffee holen. Um 6.47 Uhr geht ihr Zug nach Regensburg, ein kurzer Fußmarsch und um 7.45 Uhr ist sie bei der Arbeit. Götz macht diese Tour an fünf Tagen in der Woche. Eine Strecke ist 75 Kilometer lang. Sie genießt es, auf dem Dorf zu wohnen und trotzdem nach ihrem Studium nicht auf einen guten Job verzichten zu müssen. Dennoch sagt sie: „Man ist schon immer ganz schön fertig.“

Diese Probleme kennen alle, die täglich lange Strecken zur Arbeit fahren. „Die Pendelbereitschaft steigt mit höherem Einkommen und höherer Qualifikation. Dieser Trend verschwimmt aber immer mehr“, sagt Annette Haas vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Auch Bevölkerungsgruppen mit geringerem Einkommen müssten immer mobiler sein.

Den Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge sind Fernpendler pro Strecke im Schnitt 74 Minuten unterwegs. Als Fernpendler gelten alle, die mindestens 60 Minuten für Hin- und Rückweg unterwegs sind. Die meisten von ihnen fahren an fünf Tagen in der Woche die Strecke. Zwischen Wohnort und Arbeitsort liegen im Durchschnitt 55 Kilometer. Über die Hälfte der Fernpendler fährt mit dem Auto. Etwas weniger (43 Prozent) nehmen die öffentlichen Verkehrsmittel.

Kerstin Götz hat sich für die Bahn entschieden, weil sie sich den Stress bei der Autofahrt ersparen wollte. Damit hat sie laut dem Pendlerforscher Steffen Häfner genau richtig gehandelt: „Das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist gesünder und nervenschonender“, sagt er. Am besten sei es, eine Verbindung zu nehmen, bei der Beschäftigte möglichst wenig umsteigen müssen. Immer wieder einen Sitzplatz suchen zu müssen, empfinden viele als stressig. Außerdem könnten Pendler die Zeit in Bus und Bahn auch viel besser nutzen. Das gelte vor allem für längere Fahrten. „Man kann lesen, arbeiten oder sogar schlafen“, sagt Verkehrsforscher Bastian Chlond.

Um die Fahrt angenehmer zu machen, sollten sich Pendler eine Beschäftigung suchen. Egal, was der Einzelne konkret macht: Laut Steffen Häfner ist nur wichtig, der Fahrzeit überhaupt einen Sinn zu geben. Dann werden die Stunden weniger als verschwendet wahrgenommen und in der Folge treten weniger psychische Probleme auf.

Kerstin Götz macht das so: Sie hat immer etwas zu lesen dabei. Meist versucht sie, Italienisch zu lernen - das braucht sie bei ihrer Arbeit. „Ich habe allerdings gedacht, ich schaffe viel mehr. Meistens bin ich einfach viel zu erledigt“, sagt sie.

Doch nicht nur darüber klagen Pendler. Viele litten auch unter Magen-Darm-Problemen, Rücken- und Kopfschmerzen sowie Schlafstörungen, sagt Häfner. Auch treten psychische Erkrankungen häufiger auf. Das geht etwa aus dem Fehlzeitenreport der Krankenkasse AOK für das Jahr 2012 hervor. „Wir konnten feststellen, dass Beschäftigte, bei denen der Arbeitsplatz mehr als 50 Kilometer vom Wohnort entfernt ist, öfter wegen psychischer Erkrankungen fehlen“, sagt Helmut Schröder, Herausgeber des Fehlzeitenreports.

Und es besteht noch eine andere Gefahr: „Viele Pendler leiden auch unter Gewichtsproblemen. Denn die Verlockung, hastig schnell am Bahnhof etwas zu essen, ist groß“, weiß Häfner. Um die gesundheitlichen Folgen des Pendelns in den Griff zu bekommen, rät der Experte, in der Freizeit etwas Sport zu treiben. Auch sollten die Wochenenden nicht zu vollgepackt werden. Denn Pendler müssen sich in der Freizeit noch stärker als andere Arbeitnehmer von den Strapazen der Woche erholen.

Kerstin Götz hat sich inzwischen an das Pendeln gewöhnt. Häufig wird sie schon beim Einsteigen angesprochen. „Ich kenne die Hälfte aller Mitfahrer mittlerweile, das sind schon so richtige Grüppchen.“ Während der Fahrt seine Ruhe zu haben, sei deshalb manchmal gar nicht so leicht. Wenn ihr nicht nach Reden zumute ist und sie sich zurückziehen will, hilft deshalb oft nur eins: Kopfhörer aufsetzen.