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275 Jahre Universität Göttingen Ein wissenschaftlicher Magnet unter den Professoren
Campus Themen 275 Jahre Universität Göttingen Ein wissenschaftlicher Magnet unter den Professoren
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15:40 23.03.2012
Von Christiane Böhm
Der Alte Botanische Garten Göttingen 1747 auf einem Kupferstich von Georg Daniel Heumann.
Der Alte Botanische Garten Göttingen 1747 auf einem Kupferstich von Georg Daniel Heumann. Quelle: Städtisches Museum Göttingen
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Göttingen

Alter Botanischer Garten, Accouchierhaus, Reformierte Kirche: das Wirken des Schweizer Mediziners, Botanikers und Dichters Albrecht von Haller in Göttingen ist auch heute noch augenfällig.  1736 kam er in die Universitätsstadt  als Professor für Anatomie, Botanik und Chirurgie. Seine Verpflichtung durch den Kurator  Gerlach Adolph von Münchhausen war einer der Gründe für den Aufstieg der jungen Universität. Zum einen galt Haller bereits damals als Berühmtheit, zum anderen entwickelte er sich in den 17 Jahren seines Schaffens in Göttingen zu einem wissenschaftlichen Magneten unter den Professoren,  wie Dr. Ulrich Hunger, Universitätsarchiv Göttingen, in einem Aufsatz zu Haller schreibt. 

Methodischer Grundsatz

Haller, geboren 1708 in Bern, hatte in Tübingen und dem niederländischen Leiden Medizin studiert. In Leiden war Herman Boerhaave sein Lehrer, einer der führenden Mediziner seiner Zeit. Von Boerhaave hatte Haller die Erkenntnis nach Göttingen mitgebracht, dass die Naturwissenschaften nur durch die Umstellung von der spekulativen auf die empirische Methode erfolgreich werden könnten. Laut Hunger ist es vor allem Hallers Verdienst diesen für die Universität Göttingen bedeutsam werdenden methodischen Grundsatz eingeführt und als wissenschaftliches Credo etabliert zu haben.

Als Anatom führte Haller in Göttingen fast 400 Leichenschauen durch. Dadurch konnte er seine anatomischen Forschungen immens verfeinern. An der Reformuniversität Göttingen war man bemüht, dem Schweizer auch in diesem Bereich möglichst optimale Bedingungen zu verschaffen. So konnte Haller anders als es an den meisten Universitäten üblich war, nicht nur die Leichen hingerichteter Verbrecher mit seinen Studenten präparieren, sondern bekam auch die Leichen armer Unbekannter aus Hospitälern und insbesondere die Leichen unehelicher Kinder und ihrer Mütter aus einem Umkreis von sechs Meilen.

Wie weise Gott war

„Antriebsfeder seiner Forschung ist eine bestimmte Frömmigkeit gewesen“, erklärt Prof. Thomas Kaufmann von der theologischen Fakultät der Universität Göttingen. Der Schweizer, ein überzeugter Calvinist, habe trotz seiner empirischen Forschung Gott als Schöpfer nie in Frage gestellt. Mit seinen Untersuchungen habe er die Wunderbarkeit dieser Schöpfung nachzeichnen wollen. Mit der Erforschung jedes noch so kleinen Details, sollte bewiesen werden, wie weise Gott war, sagt Kaufmann. Grundlegende Zweifel am Glauben, die ihm später oft nachgesagt wurden, sieht Kaufmann nicht. Ein gewisse Spannung zwischen Zweifel und Zuversicht sei elementarer Bestandteil seiner Religionskultur gewesen.

Für die Reformierte Gemeinde förderte Haller den Neubau eines Gotteshauses. 1753 konnte die reformierte Kirche, erbaut vom  Universitätsbaumeister Johann Michael Müller, eingeweiht werden. Auch dies sei wohl ein „Attraktionsfaktor“ der Universität gewesen, erklärt Theologe Kaufmann. In Jena beispielsweise konnte ein reformierter Student keinen  Gottesdienst besuchen. In Göttingen habe es damals relativ viele Studenten aus der Schweiz, Frankreich und den Niederlanden gegeben.

Botanischer Garten

Ebenfalls auf Hallers Veranlassung entstand der Botanische Garten in Göttingen. Bereits 1736 wurde er als „hortus medicus“ gegründet. Die Botanik gehörte im 18. Jahrhundert noch zur Medizin  und wurde von Ärzten und Apothekern betrieben. Haller sammelte in den Alpen und im Harz Pflanzen für den Botanischen Garten und ließ wenige Jahre nach der Gründung auch einen ersten „Gewächs-Saal“ errichten.

Die Bemühungen des Wissenschaftlers um den Bau eines allgemeinen akademischen Krankenhauses schlugen laut Hunger zwar fehl. Es gelang ihm aber, die Regierung von der Notwendigkeit einer Gebärklinik zu überzeugen, die 1751 durch den Umbau des baufälligen Armenhospitals St. Crucis am Geismartor geschaffen wurde. Dieses Accouchierhaus war die erste Frauenklinik im deutschsprachigen Raum.

 Dass er für seine Zeit sehr modern über Wissenschaft und Forschung dachte, zeigte Haller mit dem Aufbau der Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen. Gegründet im Jahre 1751 ist sie die zweitälteste unter den acht wissenschaftlichen Akademien in Deutschland. Haller war ihr erster Präsident. Die Universitäten waren im 18. Jahrhundert per se keine Forschungseinrichtungen, hier sollte Wissen tradiert werden, nicht in Frage gestellt, erklärt Kaufmann. Die Akademie diente der Forschung und Haller sorgte dafür, dass Universität und Akademie eng zusammenarbeiteten. Die Professoren rechneten es sich als Ehre an, in die Gesellschaft aufgenommen zu werden.

Rückkehr nach Bern

Rufe an andere Universitäten, darunter Berlin, Utrecht und Oxford, hat Haller stets abgelehnt. Zum einen lag das sicher an den guten Bedingungen, die er in Göttingen vorfand. Hier wurde alles für ihn getan. Die eigentümliche Konstellation in Göttingen, so Kaufmann, habe da sicher auch geholfen. Zwar gab es den König Georg II., aber auseinandersetzen musste er sich eher mit den Ministern, allen voran mit dem ihm wohlgesonnenen Münchhausen. Das sei wahrscheinlich genau „das Maß an Obrigkeit gewesen, das der freie Schweizer Bürger Haller ertragen konnte, sagt , so Kaufmann. In Preußen hätte das anders sein können.“ 1753 verlässt Haller trotzdem Göttingen und kehrt nach Bern zurück. Der Schweizer sei sehr heimatverbunden gewesen, sein innerer Kompass nach Süden gerichtet, berichtet Kaufmann. Auch alle Versuche Münchhausens, Haller nach Göttingen zurückzuholen, schlagen fehl.