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Nobelpreis Hell Manfred Eigen erhielt 1967 den Nobelpreis für Chemie
Campus Themen Nobelpreis Hell Manfred Eigen erhielt 1967 den Nobelpreis für Chemie
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00:48 05.12.2014
Von Angela Brünjes
Kennen sich seit 50 Jahren: Manfred Eigen und Ruthild Winkler-Oswatitsch. Quelle: Theodoro da Silva
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Göttingen

Reaktionsgeschwindigkeiten in der Chemie waren bis 1954 nur bis zu einer Tausendstel Sekunde messbar. Seit 1952 befasste sich der Biophysiker Dr. Manfred Eigen damit, wie schnell eine unmessbar schnelle Reaktion sein könnte. „In der Chemie ist nichts unmessbar, es gibt allenfalls ungeeignete Methoden“, erklärt Eigen.

Seine Überzeugung führte zur Relaxationsmethode, die er 1954 erstmals vorstellte: der britischen Faraday Society. 1967 wurde Eigen für die Relaxationsmethode, mit der Reaktionsgeschwindigkeiten im Nanosekunden-Bereich messbar und zu untersuchen sind, mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.

Die höchste Auszeichnung für Wissenschaftler hatte der damals 40-Jährige zu diesem Zeitpunkt nicht erwartet, denn die biophysikalische Chemie war 1967 nicht an der Reihe, erinnert sich der 87-Jährige. Doch am 30. Oktober 1967 verkündete das Nobelkomitee seinen Namen.

„Den muss ich gar nicht kennen“

Gleich danach meldeten sich Reporter bei der Universität Göttingen. Einem Reporter, der nach dem Wissenschaftler im Sekretariat des Rektors fragte, wurde beschieden: „Den gibt‘s hier nicht“. Der Journalist bat um Nachfrage, schließlich sei der Forscher Eigen doch einer der nächsten Nobelpreisträger, der müsse der Sekretärin doch bekannt sein.

Bei seinem nächsten Anruf, so erzählte er das später Eigen, wurde er von der Sekretärin noch einmal belehrt: „Den muss ich gar nicht kennen, der ist nämlich nicht habilitiert. Rufen Sie im Max-Planck-Institut in der Bunsenstraße an!“

In Deutschland sei er „völlig unbekannt gewesen“, vor allem in den frühen fünfziger Jahren, erzählt Eigen. Dagegen war der Biophysiker in der akademischen Welt in den USA und Großbritannien ein Begriff. Die von ihm entwickelten Relaxationsmethoden zur Messung der Kinetik chemischer Reaktionen führten dazu, dass ihn Wissenschaftler aus aller Welt in seinem Institut in der Bunsenstraße besuchten.

Dass sein Name an der Universität Göttingen im Jahr 1967 nicht geläufig war, lag auch daran, dass der Wissenschaftler 1953 von der Universität an das Max-Planck-Institut für physikalische Chemie in Göttingen gewechselt war. Dort zählte zu den ersten Gratulanten der Nobelpreisträger Otto Hahn. Eigen bekam unzählige Glückwunschtelegramme und -briefe.

„Reporter sind auch ins Institut gekommen, aber nicht so schnell und in der Anzahl, wie das heute der Fall ist“, erzählt Eigen.

Mit 15 Jahren Dienst als Luftwaffenhelfer

1927 wurde Eigen in Bochum in einer Musiker-Familie geboren. Seit seinem fünften Lebensjahr spielt er Klavier. Als Pianist ist er als Jugendlicher aufgetreten, aber er hat nicht Musik studiert. „Dabei war das ganz klar, dass ich Musik studiere“, betont Eigen. Aber dann kam der Krieg. Schon mit 15 Jahren musste er Dienst als Luftwaffenhelfer leisten.

Er konnte bald nach Kriegsende 1945 das Studium der Physik und Chemie beginnen. Heute sagt er, „es war richtig, dass ich nicht Musik studiert habe“: Denn sein Einsatz in den letzten  Kriegsjahren, verhinderte, das notwendige Repertoire als junger Musiker zu erwerben Aber er hat später wieder Unterricht genommen:

„Bei den besten Lehrern wie der Münchener Professorin Maria Landes-Hindemith“, erzählt seine Lebensgefährtin und langjährige Mitarbeiterin Dr. Ruthild Winkler-Oswatitsch. Sein ehemaliges Göttinger Wohnhaus hat Eigen so konzipiert, dass ein Raum für Konzerte geeignet war.  

Aus den Händen des schwedischen Königs Gustav VI. Adolf (1882-1973) erhielt Manfred Eigen den Nobelpreis für Chemie. Die Unterhaltung mit dem König, von Beruf Archäologe, über Wissenschaft hat er in sehr guter Erinnerung. Und über die Schlagzeile „Das süßeste Paar des Abends“ im Svenska Dagbladet freut sich Eigen noch heute, weil auch er seine Tischdame Prinzessin Christina als „ausgesprochen charmant und hübsch“ in Erinnerung behalten hat.

Dabei ging es ihm damals nicht gut: „Ich konnte die Feierlichkeiten nicht so richtig genießen, weil ich ein Magenleiden hatte. Aber die Festlichkeit der Nobelpreisverleihung und des Banketts ist mir in wunderbarer Erinnerung.“

Fotogalerie über die Preisverleihung 1967

Zur Person

Manfred Eigen, Nobelpreisträger für Chemie und Ehrenbürger der Stadt Göttingen, wurde 1927 in Bochum geborenen. Er kam 1945 zum Studium der Physik und Chemie nach Göttingen. Nach der Promotion an der Universität im Institut für physikalische Chemie wechselte er 1953 an das damalige Max-Planck-Institut für Physikalische Chemie unter der Leitung von Karl Friedrich Bonhoeffer.

Manfred Eigen

Hier kam es zusammen mit Leo De Maeyer zu den entscheidenden Untersuchungen zur Geschwindigkeit von äußerst schnellen chemischen Reaktionen.

Mit seinen Forschungen arbeitete Eigen die atomaren und molekularen Elementarvorgänge heraus, auf denen die physikalischen und chemischen Eigenschaften biologischer Materie beruhen. Damit begründete er eine neue dynamische Biochemie. Zudem widmete er sich Fragen der molekularen Evolution des Lebens sowie später der technologischen Nutzung der Evolutionsidee.

1962 wurde Eigen zum Leiter der Abteilung für chemische Kinetik und zwei Jahre später zum Direktor am Institut berufen, das damals noch in der Bunsenstraße war. Den Nobelpreis für Chemie erhielt der Biophysiker für seine grundlegenden Arbeiten über extrem schnelle chemische Reaktionen in Lösungen und die Entwicklung experimenteller Methoden zu ihrer Untersuchung gemeinsam mit den  britischen Chemikern Ronald Norrish und George Porter.

Eigen ist, unter anderem von der Harvard University, mit 15 Ehrendoktorwürden und wichtigen wissenschaftlichen Preisen ausgezeichnet worden: Otto-Hahn-Preis für Chemie und Physik, dem Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstädter-Preis und dem Lifetime Achievement Award des Institute of Human Virology in Baltimore und Max-Planck-Forschungspreis, den er mit seinem Kollegen Rudolf Rigler vom Karolinska Institut erhielt.

Zwei Biotechnologiefirmen, Evotec und Direvo, die auf dem Gebiet des Hochdurchsatz-Screenings und der gerichteten Evolution (directed evolution) tätig sind, hat der Forscher gegründet.