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Sammlungen der Universität Originale für das Universitätsfach Archäologie
Campus Themen Sammlungen der Universität Originale für das Universitätsfach Archäologie
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00:17 10.06.2013
Blick in die Originalsammlung mit Vasen, Tonfiguren und Skulpturen: Im Jahr 1839 wurde damit begonnen, antike Originale zu beschaffen. Quelle: Eckardt
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Sie enthielt jedoch zunächst kein originales Fundmaterial. Dies änderte sich erst im Jahr 1839, als Karl Otfried Müller (1797–1840) zu einer Forschungsreise nach Italien und Griechenland aufbrach, mit dem ausdrücklichen Auftrag, originale griechische, etruskische und römische Vasen, Tonfiguren und Skulpturen für die Göttinger Universität zu erwerben.

Die Archäologie begann sich als eigenständiges Universitätsfach zu etablieren. Für die professionelle Ausbildung junger Archäologen erachtete man nun den Umgang mit authentischem Fundmaterial für unabdingbar.

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Daran hat sich bis heute nichts geändert: Wie man beispielsweise die Tonsorten und die Machart verschiedener Klassen antiker Keramik erkennt und wie echte von falschen Objekten zu unterscheiden sind, lässt sich am besten erlernen, wenn man das Material direkt betrachten und in die Hand nehmen kann.

Breites Spektrum archäologischer Originalwerke

Durch umfangreiche Ankäufe, vor allem auf dem italienischen Kunstmarkt, gelangte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein breites Spektrum archäologischer Originalwerke in den Besitz der Göttinger Universität.

Auch wichtige Materialkomplexe aus wissenschaftlichen Ausgrabungen wurden der Sammlung überwiesen, darunter eine Auswahl von Heinrich Schliemanns Grabungsfunden aus Troja und ägyptische Funde aus Grabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft.

Durch Christian Gottlob Heyne (1729–1812) entstand in Göttingen die älteste archäologische Lehrsammlung an einer Universität.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden aus Geldmangel kaum noch Originale erworben. Dies änderte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg kaum. Nun waren es mehr und mehr wissenschaftliche Gründe, die weitere Ankäufe nicht ratsam erscheinen ließen.

Viele archäologische Objekte auf dem Kunstmarkt stammen aus Raubgrabungen. Die Göttinger  Sammlung erwirbt originales Studienmaterial daher nur noch in Ausnahmefällen, wenn die legale Herkunft der Stücke eindeutig geklärt ist.

Älteste private Antikensammlung in Deutschland

Umso wichtiger werden Dauerleihgaben. Seit 1979 kann die Göttinger Sammlung mit einer außergewöhnlichen Attraktion aufwarten: Als langfristige Leihgabe des Erbprinzen von Hannover sind über 50 antike Marmorskulpturen im Institut ausgestellt.

Sie wurden 1765 durch den späteren Reichsgrafen Johann Ludwig von Wallmoden-Gimborn in Rom erworben und bilden damit die älteste private Antikensammlung in Deutschland.

Der Autor ist Kustos der Originalsammlung des Archäologischen Instituts der Universität Göttingen.

Von Daniel Graepler

Die Sammlung Wallmoden ist sonntags von 10 bis 16 Uhr für Besucher im Archäologischen Institut, Nikolausberger Weg 15, geöffnet.

Querverbindungen

Gefäßscherben – die häufigste Fundgattung bei Ausgrabungen – sind ein didaktisch besonders nützlicher Bestandteil archäologischer Lehrsammlungen. Im späten 19. Jahrhundert wurden für die Göttinger Sammlung in Rom zahlreiche Fragmente von griechischer Keramik des 6. und 5. Jahrhunderts v. Chr. angekauft.

Ein breit angelegtes Forschungsprojekt zur attischen Keramik in Göttingen unter Leitung von Prof. Norbert Eschbach hat in den vergangenen Jahren neues Licht auf diese Ankäufe geworfen.

Das Projekt hatte die systematische Bestandsaufnahme, Reinigung, Restaurierung, Dokumentation und wissenschaftliche Bearbeitung sämtlicher in Göttingen aufbewahrter Gefäße und Fragmente schwarzfigurig und rotfigurig dekorierter Keramik aus Athen zum Gegenstand.

Die Ergebnisse wurden nun im „Corpus Vasorum Antiquorum“ (CVA) publiziert, einem international einschlägigen Katalogwerk zur antiken Keramik.

Eschbachs akribische Forschungen förderten erstaunliche Querverbindungen zwischen den Göttinger Scherben und den Fragmenten in verschiedenen Museen Europas und der USA zu Tage, die denselben Gefäßen angehören.

So konnte aus Fragmenten, die in Heidelberg, Florenz, Amsterdam und Göttingen aufbewahrt werden, eine attische Trinkschale virtuell rekonstriert werden.

Am Donnerstag, 13. Juni, stellt Prof. Norbert Eschbach, Berlin, den vierten Göttinger CVA-Band vor. Der Vortrag beginnt um 18.15 Uhr im Archäologischen Institut, Nikolausberger Weg 15.

► Zur Person

Jorun Ruppel, an der Universität Göttingen tätige Restauratorin, ist seit 2002 für die konservatorische Betreuung der Originalsammlung des Archäologischen Instituts, aber auch der Sammlung der Gipsabgüsse und des Münzkabinetts, zuständig.

Nach einem dreijährigen Praktikum am Deutschen Bergbau-Museum in Bochum absolvierte sie 1994 bis 1998 ein Hochschulstudium im Fach „Restaurierung archäologischer, kunsthandwerklicher und volks- und völkerkundlicher Objekte“ an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart.

Zugleich war sie für fünf Kampagnen als Restauratorin an den deutschen Ausgrabungen in Milet tätig. Von 1999 bis 2002 arbeitete die Diplom-Restauratorin am Conservation Centre Liverpool, wo sie sich speziell mit ethnologischen Objekten aus organischem Material beschäftigte.

In Göttingen hat sich Ruppel viele weitere Kenntnisse und Fertigkeiten angeeignet, unter anderem auch im Bau komplizierter Gipsabgussformen. Ihr bisheriges Meisterstück bildete die Neurestaurierung sämtlicher attischer Vasen der Göttinger Institutssammlung.

„Es ist immer wieder spannend, mit Originalen zu arbeiten, besonders wenn man während der Arbeit herstellungstechnische Details entdecken oder der Restaurierungsgeschichte nachspüren kann“, meint sie dazu.

Auch an der Vorbereitung und Durchführung der Sonderausstellungen des Instituts („Bunte Götter“ 2011) ist Ruppel intensiv beteiligt. Ihre Lehrveranstaltungen zu Restaurierungs- und Abformtechniken erfreuen sich bei den Studierenden großer Beliebtheit.