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Sammlungen der Universität Plastische Erinnerungsbilder: Krankheitssymptome in Wachs
Campus Themen Sammlungen der Universität Plastische Erinnerungsbilder: Krankheitssymptome in Wachs
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00:17 03.06.2013
Hände, von schwerer Gicht betroffen: Arthritis urica gravis manuum. Quelle: Eckhardt
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 Die Moulagen (von französisch mouler: abformen) wurden als „plastische Erinnerungsbilder“ (Oscar Lassar) zum zentralen Lehr- und Studienmittel im medizinischen Unterricht, vor allem in der Dermatologie und Venerologie.

Darüber hinaus wurden die überaus realistisch wirkenden, dreidimensionalen Nachbildungen auch in öffentlichen Hygieneausstellungen präsentiert und dienten der gesundheitlichen Aufklärung. Dermatologische Moulagen, die unter anderem die verschiedenen Stadien der Syphilis zeigten, sollten vor den Folgen der weit verbreiteten Geschlechtskrankheiten warnen.

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Die Göttinger Moulagensammlung entstand in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Sie zeigt ein breites Spektrum dermatologischer Erkrankungen und vermittelt einen nachhaltigen Eindruck von historischen wie aktuellen Krankheitsbildern.

Vor den Zerstörungen des Krieges bewahrt

Syphillis im zweiten Stadium

Viele Objekte der auf den Direktor der 1917 gegründeten Göttinger Hautklinik, Rudolf Erhard Riecke, zurückgehenden Sammlung wurden von dem hauseigenen Mouleur, August Leonhardt, gefertigt.

Andere stammen von international bekannten Mouleuren oder Mouleusen wie Lotte Volger, Alfons Kröner und Fritz Kolbow.

Während andernorts die wertvollen Moulagensammlungen oft durch Kriegsfolgen zerstört wurden oder verloren gingen, wurde die Göttinger Sammlung bis Anfang der 90er Jahre in der Hautklinik aufbewahrt.

Schließlich wurde sie als medizin- und kulturhistorisch wertvolle Sammlung dem Institut für Ethik und Geschichte der Medizin übergeben.

Dreidimensionale Krankengeschichten aus Wachs

2007 stand die Sammlung im Zentrum der vielbeachteten Ausstellung „Wachs-Bild-Körper“, die erstmalig Exponate der bedeutendsten Moulagensammlungen des deutschsprachigen Raums zusammenführte.

Die im Städtischen Museum gezeigte kulturhistorische Ausstellung, ein Kooperationsprojekt des Städtischen Museums Göttingen, des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin sowie der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, präsentierte die Objekte als dreidimensionale Krankengeschichten aus Wachs und thematisierte die Bedeutung der Haut als äußere Hülle des Menschen (Katalog unter univerlag.uni-goettingen.de).

Seit 2011 sind die Moulagen der Göttinger Sammlung in einer Dauerausstellung des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Humboldtallee 36 zu sehen. Auch hier wird die Aufmerksamkeit der Besucher über den Wachsabdruck hinaus auf die historischen Patienten sowie die damalige soziale und medizinische Praxis gelenkt.

Sammlung wieder für die Lehre

Aber nicht nur in Ausstellungen, sondern auch in Forschung und Lehre erleben die von der Farbfotographie scheinbar verdrängten Moulagen zurzeit eine erstaunliche Renaissance.

Der hohe didaktische Wert der Objekte, ihre Realitätsnähe wird von den Universitätskliniken zunehmend für innovative Lehransätze und Prüfungszwecke genutzt.

Auch Prof. Thomas Fuchs von der Göttinger Dermatologischen Universitätsklinik stellt Überlegungen an, die Sammlung wieder in der Lehre zu verwenden.

So ließen sich im Unterricht sehr plastisch manche Infektionskrankheiten wie zum Beispiel Syphilis in fortgeschrittenen Stadien demonstrieren, die dank moderner Behandlungsmöglichkeiten zurzeit glücklicherweise nur selten zu sehen sind.

Von Susanne Ude-Koeller

Die Moulagensammlung und die Sammlung zur Geschichte der Geburtsmedizin sind im Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Humboldtallee 36, zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 8 bis 12 Uhr.

► Zur Person: Susanne Ude-Koeller

Susanne Ude-Koeller

Kulturanthropologin, Jahrgang 1956, studierte Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Germanistik und Pädagogik. Sie promovierte über Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster von „Natur“ und deren historische und kulturelle Hintergründe.

Bis 2010 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin. Die Möglichkeit am Institut Lehr-, Forschungs- und Ausstellungstätigkeit zu vereinbaren, machte für Susanne Ude-Koeller einen besonderen Reiz aus.

Neben der im Städtischen Museum gezeigten Moulagenausstellung „Wachs-Bild-Körper“ konzipierte sie gemeinsam mit Prof. Christoph Viebahn vom Zentrum für Anatomie 2009 die Sonderausstellung „Jacob Henle“, die sich mit dem Leben und Wirken des berühmten Göttinger Anatom und der Sozialgeschichte der Anatomie auseinandersetze.

Vor allem zwei Aspekte faszinieren Susanne Ude-Koeller an der Ausstellungstätigkeit: die Möglichkeit, Inhalte und Themen einer breiten Öffentlichkeit durch Objekte nahe zu bringen, sowie das Arbeiten im Team.

Bei Ausstellungsvorbereitungen arbeiten oft Vertreter unterschiedlicher Fachdisziplinen und Berufe Hand in Hand intensiv zusammen.

Diese Form der engen Kooperation prägte auch die Vorbereitung der Jubiläumsausstellung „Dinge des Wissens“, die Susanne Ude-Koeller kuratierte.

Gemeinsam mit Kornelia Drost-Siemon betreut sie als freie Mitarbeiterin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin die medizinhistorischen Sammlungen.

Das Besondere an der Moulagensammlung liegt für sie in ihrer Nähe zum historischen Patienten und seiner individuellen Krankengeschichte.