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Sammlungen der Universität Stammbaum des Lebens: 800 000 Pflanzenbelege im Herbarium
Campus Themen Sammlungen der Universität Stammbaum des Lebens: 800 000 Pflanzenbelege im Herbarium
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21:27 21.07.2013
Widerspenstige: Nicht alle Pflanzen lassen sich problemlos pressen. Bei Kakteen ist es üblich, die Pflanze für den Beleg in Scheiben zu schneiden. Quelle: Appelhans
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Ein wichtiger und häufig genannter Name in diesem Zusammenhang ist der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707 – 1778), der bedeutende Werke über die Verwandtschaftsbeziehungen von Pflanzen und Tieren schrieb und die wissenschaftliche Benennung von Pflanzen- und Tierarten revolutionierte.

Zu Zeiten Carl von Linnés lieferte die vergleichende Morphologie und Anatomie von Pflanzen die klarsten Hinweise auf die Verwandtschaft zwischen verschiedenen Arten. In heutiger Zeit haben die Entwicklungen der Molekularbiologie die botanische Verwandtschaftsforschung erneut

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Einer von vier Sammlungsräumen: Die Pflanzenbelege sind zu Faszikeln zusammengebunden und nach Familien und Gattungen sortiert.

revolutioniert. Heute ist es möglich das gesamte Erbgut einer Art mittels DNA-Sequenzanalyse zu entschlüsseln. Je nachdem wie nah mehrere Arten miteinander verwandt sind, finden sich mehr oder weniger viele Übereinstimmungen in ihrem Erbgut und daraus können evolutionäre Verwandtschaftsverhältnisse abgeleitet werden.

Quelle von Pflanzenmaterial

Natürlich muss für die Erstellung des Stammbaums des Lebens die DNA von möglichst vielen Arten untersucht werden. Das dafür benötigte Pflanzenmaterial wird auf Expeditionen gesammelt, was jedoch sehr kostspielig und zeitaufwändig ist. Außerdem sind durch die Zerstörung vieler Lebensräume durch den Menschen viele Arten schon unwiederbringlich verloren gegangen. Eine bedeutende Quelle von Pflanzenmaterial für wissenschaftliche Forschung stellen daher Herbarsammlungen dar.

Die Sammelleidenschaft der Menschen hat seit Jahrhunderten für ausgezeichnete biologische Sammlungen und Archive gesorgt. Zu diesen bedeutenden Sammlungen gehört auch das Herbarium der Universität Göttingen. Hier werden getrocknete und gepresste Pflanzen aus aller Welt aufbewahrt und mit etwa 800 000 Pflanzenbelegen gehört das Göttinger Herbarium zu den größten botanischen Sammlungen in Deutschland.

Das Herbarium in Göttingen wurde im Jahr 1832 gegründet und enthält unter anderem Objekte, die der Naturforscher Georg Forster (1754–1794) während der zweiten Südseereise unter James Cook (1728–1779) gesammelt hat. Zu den wichtigsten Objekten des Göttinger Herbariums zählen weiterhin die etwa 12000 Typusbelege. Ein botanischer Typusbeleg ist eine getrocknete Pflanze anhand welcher die Erstbeschreibung einer Art erfolgte und die damit als „Definition einer Art“ dient.

Herbarien digitalisieren

Seit einigen Jahren bestehen internationale Programme, um die Typusbelege der einzelnen Herbarien zu digitalisieren und somit diese wichtigen Forschungsobjekte Wissenschaftlern weltweit digital zur Verfügung zu stellen. Natürlich ist das Göttinger Herbarium Teil dieser Initiative und das Digitalisieren der Göttinger Typusbelege steht nach jahrelanger Arbeit kurz vor dem Abschluss.

Die Objekte werden mit einem großformatigen Scanner in hoher Auflösung digitalisiert und es entstehen dadurch Bilddateien von etwa 250-300mb (Zum Vergleich: Bilder einer normalen Digitalkamera sind etwa 5mb groß). Diese Bilddateien werden zusammen mit den Dateien anderer Herbarien in eine zentrale online-Datenbank eingespeist.

Georg Forster würde sich sicherlich verwundert die Augen reiben, wenn er mit einer Zeitmaschine in unser Jahrhundert reisen würde und sehen könnte, dass seine botanischen Sammlungen aus der Südsee heute weltweit im Internet zu bestaunen sind.

Von Marc Appelhans

Zur Person: Marc Appelhans

Marc Appelhans, ist seit März 2013 Kurator des Universitätsherbariums. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt ist die Evolution und Biogeographie der Citrus- oder Rautengewächse. Um diese vor allem tropische Pflanzenfamilie zu studieren, hat er Sammelreisen unter anderem nach Kuba, Jamaika, die Mittelmeerregion, Australien, Papua Neuguinea und Hawaii unternommen.

Appelhans wurde 1980 in Winterberg (NRW) geboren und studierte in Marburg Biologie und Geographie. Nach dem Abschluss des Diplomstudiums begann er sein Promotionsstudium an der Universität Leiden, Niederlande. Im November 2011 ging er für ein Jahr in die Vereinigten Staaten, als Postdoktorand am Naturhistorischen Museum in Washington DC. Der Reiz des Kustodiats liegt für ihn vor allem in der Bedeutung des Herbariums als weltweit aktiv genutzte Forschungssammlung.