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Sammlungen der Universität Von Anfang an ein Mensch - Humanembryologische Sammlung
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13:45 02.07.2013
Ende der Embryonalperiode: Repliken eines 17 Millimeter großen Embryos aus der achten Entwicklungswoche
Ende der Embryonalperiode: Repliken eines 17 Millimeter großen Embryos aus der achten Entwicklungswoche Quelle: EF
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In diesem Zeitraum entsteht aus einer befruchteten Eizelle, die etwa die Größe einer Stecknadelspitze hat, ein komplexer Organismus von etwa drei Zentimetern Länge. Auch unerfahrene Betrachter können dessen Gestalt als eindeutig menschlich erkennen.

Diese frühe Phase des vorgeburtlichen Lebens wird als Embryonalperiode im engeren Sinne bezeichnet, während die darauf folgenden Entwicklungsphasen (neunte Entwicklungswoche bis zur Geburt) in ihrer Gesamtheit als Fetalperiode bezeichnet werden.

Die Rasanz der Embryonalentwicklung lässt sich am Beispiel des Herzens verdeutlichen. Es ist das erste Organ von Wirbeltierembryonen, das seine definitive Funktion aufnimmt. Beim Menschen beginnt die Herztätigkeit bereits um den 21. Entwicklungstag, das heißt etwa sieben Tage nach dem Ausbleiben der erwarteten Regelblutung (bei einem regelmäßigen 28-Tage-Zyklus).

Embryos aus der dritten und vierten Entwicklungswoche. EF

Aristoteles: "springender Punkt"

Bereits in der Antike versuchte man durch Beobachtungen von leicht zugänglichen Tierembryonen bildliche Vorstellungen vom Beginn und der Frühphase des vorgeburtlichen Lebens zu gewinnen. Allerdings gelang dies aufgrund der geringen Größe von Embryonen und dem Fehlen von Mikroskopen nur äußerst unzureichend.

Aristoteles (um 384–322 v. Chr.) öffnete befruchtete Hühnereier nach drei Bebrütungstagen und konnte mit dem bloßen Auge einen „springenden“ Blutpunkt auf der Oberfläche des Dotters erkennen. Heute wissen wir, dass es sich beim Phänomen des „springenden Punktes“ um den pulsierenden Herzschlauch eines jungen Hühnerembryos handelt.

Auf Zufallsfunde angewiesen

Im Vergleich zur Tierembryologie ist die Humanembryologie eine junge Wissenschaft. Dies liegt daran, dass die Erforschung der frühen menschlichen Gestaltentwicklung auf Sammlungen von Zufallsfunden (zum Beispiel Fehlgeburten) angewiesen ist.

Als Begründer der wissenschaftlichen Humanembryologie gilt der Anatom Wilhelm His (1831–1904). His war Professor für Anatomie in Basel und Leipzig. Er war der erste Forscher, der menschliche Embryonen sammelte und deren Gestalt systematisch untersuchte. Hierbei etablierte er technische Standards für die mikroskopische Untersuchung von menschlichen Embryonen und zeigte, dass sich deren Gestalt am besten an maßstäblich exakt vergrößerten dreidimensionalen Repliken studieren lässt. Das Erscheinen seines dreibändigen Werkes über die Anatomie menschlicher Embryonen (1880–1885) dokumentiert die Geburt des Faches.

Weltweit wenige Humanembryologische Sammlungen

Die bedeutendste ist die Carnegie-Collection in Washington D.C. Sie wurde von Franklin P. Mall (1862–1917), einem Schüler von His, begründet.

Erich Blechschmidt

Die Göttinger Sammlung wurde zwischen 1949 und 1972 vom damaligen Direktor des Anatomischen Institutes, Erich Blechschmidt (1904–1992), aufgebaut und ist als Blechschmidt-Sammlung weltbekannt. Der Tradition von His folgend, sollte diese Sammlung vor allem der Erforschung und Dokumentation der Gestaltentwicklung des menschlichen Embryos dienen.

Zu diesem Zweck wurden von stadientypischen Embryonen stark vergrößerte (50 bis 200-fach) Repliken angefertigt. Diese etwa 75 cm hohen Repliken dokumentieren die Anatomie menschlicher Embryonen in einer zuvor und auch später nicht wieder erreichten Detailgenauigkeit. Die Ausstellung der weltweit einzigartigen Objekte umfasst 65 Exponate. Die am Entwicklungsalter orientierte Aufstellung der Repliken ermöglicht es, die sich wandelnde Anatomie menschlicher Embryonen mit bloßem Auge räumlich zu erfahren.

von Jörg Männer

Zur Person

Jörg Männer, Privatdozent, studierte Humanmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Seit 1988 ist er am Göttinger Zentrum Anatomie in der Abteilung Embryologie, später in der Abteilung für Anatomie und Embryologie, tätig.

Nach der Promotion (1992) bei Prof. Gerd Steding, einem Schüler von Prof. Erich Blechschmidt, erfolgte die Habilitation für das Fach Anatomie im Jahr 2000. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Gebiet der Herzentwicklung. Hier werden vor allem die Entwicklung der äußeren Haut des Herzmuskels (Epikard) und der Herzkranzgefäße, die Form- und Funktionsentwicklung des embryonalen Herzschlauchs und die Entstehung von angeborenen Herzfehlern untersucht.

Weitere Forschungsthemen sind die normale Entwicklung der Bauchwand und ihrer Störungen (Nabelbruch, Blasenspalte) sowie die Entstehung angeborener Gesichtsspalten. Als ein wissenschaftlicher Nachfahre von Blechschmidt betreut er seit 2010 die Humanembryologische Dokumentationssammlung Blechschmidt zusätzlich zu seiner Lehr- und Forschungstätigkeit. Eine eigene Kustodenstelle gibt es nicht.

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