Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Campus Göttinger Studenten erleben, wie es ist, mit einer Behinderungen zu leben
Campus Göttinger Studenten erleben, wie es ist, mit einer Behinderungen zu leben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:50 12.11.2019
Zuerst fahren die Kursteilnehmer gemeinsam zur Zentralmensa. Quelle: Anja Semonjek
Anzeige
Göttingen

„Ihr merkt schon, es geht eigenartig los hier“, schallt eine männliche Stimme aus der Dunkelheit. Es ist die Stimme von Mischa Lumme, das wissen die Kursteilnehmer. Der Leiter des Seminars fing sie zuvor im Flur ab und führte sie in den komplett dusteren Raum. Eine Lokalität in der Fakultät für Biologie und Psychologie wurde hierfür ausgesucht – der dunkelste Raum auf dem Campus. Das Ziel war, dass die Studenten Schwarz sehen.

Die Studenten haben sich nun im Dunkeln einen Stuhl gesucht. Sie sitzen im Kreis und lauschen Lummes Stimme. Der Kurs findet an diesem Freitag zum ersten Mal statt: Sie wissen weder, wie der Raum aussieht, noch, wie ihre Kommilitonen aussehen.

„Wir wollen euch aus eurer Komfortzone rausbringen“, erzählt Lumme. Er habe das Konzept für den Kurs „Perspektivenwechsel: Ein Tag im Rollstuhl“ an der Zentralen Einrichtung für Schlüsselkompetenzen (ZESS) vor sechs Jahren mit seinem Kollegen Johann Fischer entwickelt. Einmal im Semester versetze das Seminar Studenten in die Lage von Erblindeten, und in die Lage von Personen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

Lumme trete dabei nicht als Experte auf, sondern als Vermittler: „Ich selber bin weit weg von einer Beeinträchtigung – ich mache viel Sport.“ Dafür habe er sich Sarah als Expertin dazugeholt. Die studentische Hilfskraft ist stark sehbehindert.

Kennenlernen im Dunkeln  

Die erste Einheit des Seminars dreht sich ums Kennenlernen. Lumme fordert die Studenten auf, sich vorzustellen und zu verraten, was an ihnen besonders ist. Er selbst habe einen eineiigen Zwillingsbruder. 16 Stimmen geben eine einzigartige Charaktereigenschaft preis: Eine Studentin meint, sie liebe wirklich wahnsinnig Hunde; eine andere erzählt, sie sei ein Jahr lang obdachlos gewesen.

Als nächstes müssen die Studenten ihren Sitzplatz verlassen. Lumme fordert sie auf, sich nach Größe, Alter und Geburtsort aufzustellen. Die Studenten tasten sich durchs Dunkle und versuchen, sich nicht unangemessen zu begrapschen. Anschließend ertasten sie Gegenstände und spielen „Obstsalat“ – eine Variante des Spiels „Reise nach Jerusalem“.

Empfindungen im Dunkeln  

„Wir sitzen jetzt eineinhalb Stunden im Dunkeln“, sagt Lumme. „Wie habt ihr die Dunkelheit empfunden?“ Eine weibliche Stimme antwortet: „Als ich in den Raum gekommen bin und nichts gesehen habe, niemanden kannte und auch nicht wusste, wie der Raum aussieht, war das schon heftig.“ Eine andere sagt: „Es ist auch irgendwie angenehm: Ich habe den Leuten richtig zugehört, und war sehr auf die Stimmen fokussiert. Es ist interessant, wenn man die Leute nicht sieht, sondern nur die Stimme hört – sonst achtet man ja auf so etwas wie: Ist die Person klein oder groß, welchen Kleidungsstil hat sie.“

Ein Teilnehmer erzählt, er habe sich beim Hören der Stimme vorgestellt, wie die Personen aussehen. Eine weibliche Stimme antwortet: „Echt?! Nee, ich gar nicht!“ „Ja doch“, sagt die männliche Stimme. „Vielleicht habe ich das auch getan, um mich selbst zu orientieren.“ Eine Studentin sagt: „Ich habe gemerkt, wie nervig ich bin!“ – und lacht. So sehr sei sie noch nie auf ihre eigene Stimme konzentriert gewesen. Die Wahrnehmung hat sich verändert, diese Feststellung blickt bei den Aussagen aller Teilnehmer durch.

Nochmals verweist Mischa darauf, dass eine Person in der Runde sehbehindert ist: Sarah, die studentische Hilfskraft. Die beschreibt, dass sie normalerweise Licht und Farben sehen kann. Zehn Prozent Sehfähigkeit habe sie. Auch sie suche jetzt nach dem Licht und das löse ein merkwürdiges Gefühl aus. Mit dieser abschließenden Beschreibung ist die Zeit im Dunkeln beendet, die Studenten gehen raus, in den hellen Flur, und wechseln den Kursraum.

Brillen simulieren Krankheiten  

Am nächsten Tag geht es erneut um Sehbehinderungen. Die Studenten setzen mehrere Brillen auf, die Krankheiten wie den grauen Starr simulieren. Dabei sollen sie Aufgaben bewältigen: Eine Kerze anzünden, Wasser einfüllen, googlen. Erneut sollen die Studenten darüber berichten, wie sie die Einschränkung der Sehkraft empfanden und auch, was sie über die Krankheit herausgefunden haben.

Am Ende der Reflexionsrunde erzählt Sarah mehr über ihre Einschränkung: Bei ihr wurde die Beeinträchtigung erkannt, als sie ganz jung war. Sie meint, sie komme mit ihrer Sehkraft ganz gut klar. „Wenn es draußen dunkel ist, blendet mich jedoch jeder Lichtpunkt – wenn mir ein Auto entgegenkommt, kann ich plötzlich nichts mehr sehen, da das Scheinwerferlicht blendet.“

„Wir sind heute eingestiegen mit: Was ist ein typischer Student, was eine typische Studentin“, wirft Mischa Lumme ein. Um Sarah daraufhin zu fragen, was sie von einer typischen Studentin unterscheidet. „Ich brauche mehr Zeit und Aufwand“, antwortet Sarah. Die 22-jährige Jura-Studentin kann Powerpoint-Präsentationen zum Beispiel nicht erkennen. Die Digitalisierung von Büchern hilft ihr allerdings enorm – mit einem speziellen Vergrößerungsgerät kann sie die Buchstaben lesbarer machen. Für das Studium ist sie aus Großenwörden, einem kleinen Ort in der Nähe von Stade, nach Göttingen gezogen. Dabei ging es ihr im Grunde wie allen anderen Studenten: Langsam lernte sie die Stadt besser kennen und fand heraus, wo es den nächsten Bäcker gibt.

Mischa Lummes Ansatz: Perspektivwechsel muss erlebt werden – nur so können die Studenten aus anderen Blickpunkten sehen. Reflektierende Diskussionen finden zwischen den Einheiten statt.

Ein Nachmittag im Rollstuhl

Auf die mutigen Teilnehmer wartet nun die nächste Herausforderung und eine neue Perspektive: 16 Rollstühle stehen für sie bereit – fünf Stunden Zeit haben sie, um die Stadt mit dem Rollstuhl zu erkunden. Als erste gemeinsame Station wird die Mensa angepeilt, wo zu Mittag gegessen werden kann. Danach sollten die Studenten maximal in Dreiergruppen die Stadt erkunden – am besten sogar alleine: „Je mutiger ihr seid, desto mehr werdet ihr lernen“, gibt Mischa Lumme zu bedenken.

„Ihr könnt nach Hause fahren und sehen, wie es mit der Barrierefreiheit auf eurem Heimweg aussieht. Oder in der Bibliothek nach Literatur suchen.“ Als technische Hilfe könne den Studenten Open Street Map dienen. Um 18 Uhr sollten sie zurück im Seminar sein und über ihre Erfahrungen berichten.

Kompetenzen für Zwischenmenschlichkeit

Lumme erzählt, dass sie Studenten in dem Seminar bunt durchmischt sind. Oft sind Geologie-Studenten dabei, die Stadtplanung studieren und so selbst erleben können, was in Bezug auf Barrierefreiheit bedacht werden sollte. „Zudem interessieren sich für den Kurs Studenten, die ein beeinträchtigtes Familienmitglied haben“, sagt Lumme.

Inzwischen wird der Kurs auch als Fortbildungsmaßnahme für Mitarbeiter der Universität angeboten. „Man wächst ja, im Laufe der Zeit“, erklärt Lumme. Als der Kurs im Anfangsstadium war, wurden Rollstühle von der Universitätsmedizin (UMG) ausgeliehen, heute haben sie selbst genügend zur Verfügung. Andere Aktivitäten, wie das Schwimmen gehen mit einer Blinden-Brille, stehen nicht mehr auf dem Programm. Dafür werde am nächsten Wochenende, der zweiten und letzten Einheit der Blockveranstaltung, im Rollstuhl Fußball gespielt.

„Hier im ZESS geht es stets um die Frage, welche Kompetenzen vermittelt werden“, sagt Lumme. Das sei bei diesem Kurs nicht für jeden Teilnehmer unmittelbar greifbar. Daher versucht er, in ein paar Worten zu erklären, was Studenten bei ihm lernen: „Ich würde es so zusammenfassen: Es werden zwischenmenschliche Kompetenzen erweitert.“ Außerdem wünsche er sich, dass Studenten ihre Hemmungen loswerden, bei dem Umgang mit Beeinträchtigen. „Habt Mut, geht hin und fragt!“, will Lumme die Studenten lehren. Für ein solches Verständnis soll der Kurs einen Beitrag leisten.

Von Anja Semonjek

Das Land Niedersachsen hatte zum Wettbewerb aufgerufen und der gemeinsame Antrag der Universität Göttingen und der HAWK setzte sich durch: Elf von 40 Professoren gehen nach Südniedersachsen.

13.11.2019

Mit künstlicher Intelligenz befasst sich die Philosophische Ringvorlesung an der Uni Göttingen in diesem Semester. Zum Auftakt spricht Prof. Catrin Misselhorn zum Thema „Maschinenethik: Können Maschinen moralisch sein?

10.11.2019

Bald gibt es zwei Asklepios-Lehrkrankenhäuser im Landkreis: Nach den Kliniken in Seesen kommt im April 2020 die Harzklinik in Goslar hinzu.

04.11.2019