Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Adelebsen Was fasziniert am Minnesang?
Die Region Adelebsen Was fasziniert am Minnesang?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 02.07.2019
Der Minnesänger Holger Schäfer vertritt den Landkreis Göttingen beim Falkensteiner Minnetunier am 29. Juni. Quelle: Christina Hinzmann
Adelebsen

Nicht nur bei Rappern gibt es Battles. Auch Minnesänger treten gegeneinander an. Die Szene ist allerdings überschaubarer. Zwei Frauen und drei Männer, die sich dem Minnesang verschrieben haben, buhlen am 29. Juni beim 14. Falkensteiner Minneturnier um die Publikumsgunst. Einer von ihnen ist Holger Schäfer aus Adelebsen. Dort ist er aufgewachsen, hat eine Wohnung mit Blick auf die Burg und ist im Ort bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Der 47-Jährige ist Chorleiter unter anderem beim Kirchenchor und Männergesangverein Adelebsen, der Liedertafel Fürstenhagen und Chorprojekten an den Grundschulen in Adelebsen und Uslar.

Mittelalter-Spektakel vor historischer Kulisse

Das 14. Minneturnier auf Burg Falkenstein beginnt am Sonnabend, 29. Juni, um 19.30 Uhr. Der Schwerpunkt liegt diesmal auf der zeitkritischen Dichtung des Mittelalters. Bereits ab 17 Uhr nimmt sich im Vorprogramm Frank Wunderlich der Minnesänger-Ikone Walther von der Vogelweide an. Nachschlag gibt es am Sonntag. Am Tag nach dem Turnier startet um 11 Uhr eine Matinée auf der Burg, die dem einzigen deutschen jüdischen Minnesänger Süßkind von Trimberg, einem Spruchdichter aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, gewidmet ist. Der Verein Dingo Musik und Theater als Veranstalter des Minneturniers wird von der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt unterstützt, als Sponsoren sind Schierker Feuerstein und die Burggaststätte Krummes Tor mit an Bord. Tickets gibt es zum Preis von 20 Euro nur für das Turnier oder 25 Euro inklusive Rahmenprogramm vorab unter minnesang.com oder unter der Telefonnummer 0 56 71 / 92 53 55, ansonsten zum gleichen Preis an der Abendkasse.

„Ich bin kein Spielmann“

Das Handgeklapper bei Mittelaltermärkten ist nicht sein Ding. „Ich bin kein Spielmann“, sagt Schäfer, der auch nicht unter einem gekünstelten Pseudonym antritt: „Für das Getümmel ist Minnesang zu innig.“ Der feinsinnige Single hat an der Musikakademie Kassel Barockmusik mit Schwerpunkt auf historischen Flöten und Cembalo studiert sowie eine Ausbildung zum Chorleiter und Organisten absolviert. Schäfer tritt mit seiner musikalischen Nische bei klassischen Konzerten auf oder als Abendgast bei historisch umbrämten Veranstaltungen. In ganz Deutschland gebe es nur knapp zwei Dutzend Frauen und Männer, die ernsthaft Minnesang betreiben, berichtet er.

Auf Burg Falkenstein schlüpft er in die Rolle und Haut von zwei Minnesängern aus dem 12. und 13. Jahrhundert: Sperrvogel und Albrecht von Haigerloch - ein Ort, zu dem er persönlichen Bezug hat. Sein blaues Gewand legt Schäfer für das Minneturnier ab, trägt stattdessen ein rotes, mit Krapp gefärbtes Wollgewand. Auch das ist dem Bemühen um Authentizität geschuldet. Das im Mittelalterhaus Nienover gefertigte Gewand orientiert sich an einer Illustration Sperrvogels aus der „Bibel der Minnesänger“, dem „Codex Manesse“ (Heidelberger Liederhandschrift). Den Umhang dazu hat Schäfer mit Hilfe seiner Mutter selbst genäht.

Sonderstellung im Mittelalter-Hype

Eine Besonderheit ist auch die Cythara Anglica, die als Engelsgitarre bezeichnete romanische Harfe, auf der Schäfer seinen Gesang mit überwiegend mittelhochdeutschen Originaltexten begleitet. Das nach einer Tuschezeichnung aus dem Kloster St. Blasius rekonstruierte Instrument hat er gebraucht erworben. Eine Kostprobe seiner Sangeskunst gibt er beim Presse-Termin staunenden Vorschulkindern im Rittersaal von Burg Adelebsen: „Ich zoch mir eenen Falken“. Der getragene Gesang erinnert an den Herrn der Ringe. Kein Wunder. Auch Filmkomponisten würden sich am Minnesang orientieren, merkt Schäfer an und gesteht, dass ihn melancholisch-romantische Lieder zu Tränen rühren können.

Holger Schäfer mit seiner romanischen Harfe vor der Kulisse der Burg in seinem Heimatort Adelebsen Quelle: Christina Hinzmann

Im anhaltenden Mittelalter-Hype nimmt der Adelebser eine Sonderstellung ein, hat eher Interesse an der Historie („Wir erfinden nichts Neues, allenfalls wird mal eine Melodie im Stil des 13. Jahrhunderts komponiert“) als am Eskapismus. „Die höfische Kultur mit ihrem Kodex fasziniert mich“, sagt Schäfer: „Ansonsten waren die Umstände natürlich verheerend, das Mittelalter aber nicht düsterer als andere Epochen.“ Die festen Strukturen würden die Möglichkeit zu Rollenidentifikationen bieten, erklärt er sich die Beharrlichkeit der postmodernen Mittelalter-Szene. Und ist selbst alles andere als ein Modernitätsverweigerer: Schäfer sammelt Harfen und Tablets.

Schmachten und Zeitkritik

Im Minnesang wird nicht nur geschmachtet wie bei Presley. „Ob es eine unerreichbare Angebetete gibt oder nicht, spielt dabei keine Rolle“, sagt Schäfer und verweist auf verschiedene Spielarten und Zeitfenster der festen Regeln folgenden literarischen Kunstform: die hohe Minne mit erfolglosen Werbebemühungen um eine hochstehende Dame, die niedere Minne mit gleichberechtigter Begegnung und Lustgewinn oder der Spruchgesang, der weltliche Themen, philosophische Gedanken und Kritik an der Obrigkeit und beinhaltet. Darum gehe es am Wochenende auch auf der Burg Falkenstein. „Ach Armut, du raubst dem Mann Sinn und Verstand, dass nichts mehr geht“ lautet übersetzt ein Text von Sperrvogel, den er vorträgt.

Fasziniert von alter Musik war Schäfer, der auch die in den 1970er-Jahren angesagte deutsche Folk-Rock-Band „Ougenweide“ als Vorreiterin des Mittelalter-Rock kennt, schon als Teenager. Die Melodien des Augsburger Ensembles für frühe Musik haben ihn so in den Bann gezogen, dass er sie ständig auf dem Walkman hörte. „Vor gut zehn Jahren bin ich dann selbst aktiv geworden“, sagt der Musiker, der schon häufig Minnesang-Wettbewerbe gewonnen und zweimal zum „Minnesänger des Jahres“ gekürt worden. Die organisatorischen Fäden laufen beim Musikwissenschaftler Dr. Lothar Jahn aus Hofgeismar zusammen, der auch künstlerischer Leiter des Falkensteiner Minneturniers in Trägerschaft des Vereins Dingo Musik und Theater ist.

„Auf der Wartburg bei Eisenach kamen im Jahr 1206 sechs tugendhafte und vernünftige Männer mit Gesang zusammen und dichteten die Lieder, welche man hernach nennte: den Krieg zu der Wartburg", schrieben die Brüder Grimm in ihren „Deutschen Sagen“. Das Falkensteiner Minneturnier inklusive Teilnehmerzahl ist an dieses Ereignis angelehnt, das auch Richard Wagner in seiner Oper „Tannhäuser“ aufgegriffen hat.

Eine als Adelige gewandete Herzensdame, die beim Sängerwettstreit Willkürentscheidungen fällt, gebe es auf Burg Falkenstein nicht mehr, sagt Schäfer. Preisrichter sei nur noch das Publikum. Aber auch ein Scharfrichter sei dabei, der schon mal den Strick für den schlechtesten Sänger bereite, berichtet Schäfer, während die Dohlen um die Adelebser Burg kreisen. Burg Falkenstein kann auch mit einer Falknerei punkten. Zudem werde ein Stück auch mit Begleitung einer Mittelalter-Band samt historischen Instrumenten vorgetragen: „Das ist nicht unbedingt authentisch, macht aber viel Spaß.“

Zwei Frauen und drei Männer treten an

Wirken beim Minneturnier mit (v.l.): Holger Schäfer, Ursel Peters, Reinhold Schmidt, unten Dagmar Jahn, Thomas Schallaböck und Ehrengast Frank Wunderlich. Quelle: r

Der Minnesang war und ist keine Männerdomäne. Im Mittelalter gab es weibliche Troubadore, beim Falkensteiner Minneturnier sind zwei der fünf Kombattanten Frauen. Vier Wettbewerbskandidaten kommen aus Deutschland, einer aus Österreich. Das Minneturnier im Ostharz in Sachsen-Anhalt steht unter einem Motto, das den wohl bekanntesten deutschen Minnesänger Walther von der Vogelweide zitiert: „Ich saz uf eime steine – Zeitkritik und Minneklage“.

Als Anwärter auf den Lorbeer muss Holger Schäfer, der den Landkreis Göttingen vertritt, gegen Ursel Peters aus Berlin, Thomas Schallböck aus Salzburg, Dagmar Jahn aus Hofgeismar und Reinhold Schmidt aus Kassel antreten. Peters war jahrzehntelang mit ihrem vor zwei Jahren gestorbenen Mann als Duo Fundevogel unterwegs, als Akkordeonspielerin in der Folkszene aktiv und schon häufiger auf dem Falkenstein – so auch vor neun Jahren beim 40-jährigen Bestehen von Ougenweide.

Sängerkrieg im Ostharz

Schallaböck gehört zu den Gründungsmitgliedern des Salzburger Mittelalter-Ensembles Dulamans Vröudenton, aus dem die Formation Harmonia Variabilis hervorging. In seiner Jugend begeisterte er sich für Pentangle und Steeleye Span, mit dem Erwerb einer Okarina begann der Religionspädagoge, sich autodidaktisch alte Instrumente anzueignen. Auch die Gesangssolistin,, Chorsängerin und Instrumentalistin Dagmar Jahns ist im Hauptberuf Lehrerin. Ihr Spektrum reicht von Mozarts „Requiem“ bis zum Chanson. Wie Jahns ist auch Reinhold Schmidt seit vielen Jahren im Musiktheater Dingo aktiv. Beim Stück „Elisabeth: Keine wie wir“ war er als Walther von der Vogelweide zu erleben, vor zwei Jahren im Stück „Feste Burg und Welt voller Teufel“ als Weggefährte und späterer Gegenspieler Luthers. Schmidt, der Trommel und Monochord spielt, ist schon lange der Minnesang-Szene verhaftet. In einer dramatischen Neufassung der Grimmschen Sage vom Sängerkrieg auf der Wartburg verkörperte er beim Hessischen Kultursommer den tugendhaften Schreiber.

Im Burghof der Burg Falkenstein wird am Wochenende das Mittelalter lebendig. Quelle: r

Von Kuno Mahnkopf

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Kreisstraße 224 im Auschnippetal bei Eberhausen wird ab Mittwoch, 26. Juni bis voraussichtlich Sonntag, 30. Juni, auf einem Teilstück voll gesperrt. Grund sei der Ausbau der Straße im zweiten Bauabschnitt, teilt Ulrich Lottmann, Sprecher des Kreisverwaltung, mit.

20.06.2019

Ernst nehmen wird es hoffentlich kaum ein Autofahrer: Ein Unbekannter hat in Erbsen Verkehrsschilder manipuliert und aus Tempo 30 Tempo 80 gemacht.

18.06.2019
Adelebsen Mehr als 1000 Besucher beim Festumzug - VFB Lödingsen feiert 100-jähriges Bestehen

Drei Tage hat der VFB Lödingsen sein 100-jähriges Bestehen gefeiert. Mehr als 1000 Besucher verfolgten am Sonntagnachmittag den Festumzug.

18.06.2019