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Bovenden Die Schulden und die Schuldgefühle: Von einer Mutter, die immer da sein muss
Die Region Bovenden Die Schulden und die Schuldgefühle: Von einer Mutter, die immer da sein muss
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09:32 18.12.2019
Symbolbild: Simone F. möchte anonym bleiben. Die Mutter von zwei Söhnen tut viel für ihre Kinder. Quelle: Foto: dpa
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Bovenden

„Manchmal will ich nicht aufstehen“, sagt Simone F. (Name geändert). F. arbeitet 40 Stunden die Woche in einer Firma, nebenbei putzt sie zusätzlich – das Geld reicht trotzdem nicht. Die Schulden müssen getilgt werden, die Familie braucht immer wieder finanzielle Unterstützung. Ihre Söhne sind Ende 20 und Anfang 30 – nach Plan sollte die alleinerziehende Mutter kaum noch Verantwortung für die beiden tragen. Doch es kam anders.

Zwölf Jahre ist das jetzt her. F. hatte ihre Mutter auf Teneriffa besucht, kam zurück und wurde gleich im Anschluss am Karpaltunnel operiert. Im Anschluss war sie krankgeschrieben und verbrachte dadurch viel Zeit zu Hause – wie auch ihr älterer Sohn. Dass etwas nicht stimmte, fiel ihr dann schnell auf. „An einem Tag sagte er mir fünfmal, dass er noch zum Jobcenter müsse und verschwand, um bald wieder aufzutauchen und das Spiel zu wiederholen“, so F. „Da habe ich ihn angeschrien und gefragt, was er denn genommen hätte – tja, und dann kam es raus.“

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Angst vor Quasselwasser

Alle möglichen Amphetamine seien es gewesen, die zu Verfolgungswahn und Ausrastern führten. „Er redete von Quasselwasser, das ihm Ärzte und Amtspersonen geben wollten“, erzählt F. Der Weg durch die Therapiemaßnahmen begann, im Asklepios besuchte F. ihren Sohn die ersten zwei Monate jeden Tag, der jüngere Sohn kam am Wochenende mit. Ein Suizidversuch des älteren scheiterte, „er kam mit der Klinge aus den Einwegrasierern nicht so weit runter“.

Der Zustand besserte sich, als er in die Langzeittherapie kam. Da lernte der Ältere seine heutige Ehefrau kennen. Seit zwei Jahren wohnt das Paar zusammen, unweit der Mutter, aber doch selbstständig. Beide sind nur eingeschränkt arbeitsfähig, wenn Not aufkommt, ist die Mutter immer Ansprechpartnerin. „Es sind zum Beispiel mal Türen zerdeppert worden, die muss ja auch jemand zahlen“, so F.

Schuldgefühle halten an

Schuld sei ein Faktor für die nicht abzugebende Verantwortung. Die Söhne haben zwei verschiedene Väter, der eine ist gestorben, zum anderen gebe es keinen Kontakt. „Der Vater des jüngeren wollte meinen älteren Sohn vom Balkon werfen – da sind wir weggezogen und seitdem auf uns gestellt.“ Die Familienhilfe, Alleinerziehendengruppen und wenige Freunde halfen ihr aus den Tiefs, von denen es weit mehr als Hochs gab.

Sie könnte müde klingen, wirkt aber stark und dabei sanft während des Gesprächs im Büro des Diakonischen Werks Bovenden. „Die beiden mussten viel durchmachen, wenn ich nicht mehr konnte und Ruhe brauchte, habe ich alle Spielzeugkisten ausgeleert und ihnen befohlen, wieder aufzuräumen“, sagt sie. Solche Szenen seien Alltag gewesen, sie könne manchmal gar nicht glauben, dass ihre Söhne weiterhin zu ihr stehen. Dafür tut sie aber auch viel.

Mehrfach kam der Helikopter

Für den jüngeren Sohn war eine Ausbildung im Handwerk ausgeschlossen, Probleme in den Sehnen. Er beschloss, Abitur zu machen, fand eine Freundin, war glücklich. Dann trennte sie sich und er brach zusammen – immer wieder. „Zweimal musste der Hubschrauber kommen, aber anatomisch fehlte ihm nichts“, erzählt F. und knetet ihre Hände bei diesen Erinnerungen. Die Psyche. Er kippte oft um zu Anfang seines Studiums, musste nach einem längeren Check-Up ein Jahr lang pausieren. Nun pendelt er und wohnt wieder mit ihr im selben Haus, das dank „sehr netter“ Vermieter ein günstiger und „trotzdem sicherer“ Ort ist.

Die Schulden sind trotzdem noch lange nicht abbezahlt. „Meine Bank sagt, in zehn Jahren könne ich meinen easycredit-Kredit abgestottert haben. Da komme ich in Rente“, sagt F. und lacht. Ihre Augen lachen nicht mit. Zu den Schulden bei der Bank kommen noch private Darlehen. Mit einer kleinen Hilfe von Keiner soll einsam sein könnte sie dem Ziel „Schuldenfrei“ näher kommen. Ihre erste Berührung mit der Aktion sei ein Päckchen zu Weihnachten gewesen, das ein älteres Ehepaar in die Wohnung brachte. „Da war Schokolade, Wurst und andere schöne Dinge drin“, sagt F. „Wir haben uns total gefreut.“

Sehnsuchtsort Bad Berleburg

Schokolade gehört zu den kleinen Dingen, die sie sich in Maßen manchmal gönnt. Die verknüpft sie mit ihrer „schönsten Zeit“, einer elfwöchigen Kur in Bad Berleburg. Die ersten drei Wochen wollte sie noch den Putzkräften zuarbeiten, dann redeten ihr Mitpatienten ins Gewissen. „Sie haben gesagt ,Jetzt geht es um dich, wir machen was schönes’“, erzählt sie mit Glanz in den Augen.

„Wir haben Kaffee getrunken und sind shoppen gegangen – auch wenn es nur für den Ein-Euro-Laden reichte“, sagt sie mit einem Lachen, das auch aus den Augen strahlt. „Dort bin ich morgens aufgewacht, neben meines Bett gab es eine Schublade voll Schokolade und ich durfte machen, was ich wollte.“ Gestrickt habe sie, Sport gemacht und sich viel unterhalten. Ständig wollte sie zu Hause anrufen und sich nach dem Wohlergehen der beiden Söhne erkundigen, doch das reglementierte das medizinische Personal – bis sie den Drang nur noch zweimal täglich hatte.

Eine Freundin blieb

Der Kontakt zu anderen Menschen hilft, aus einer anderen Kur hat sie eine Brieffreundin behalten. Seit 25 Jahren schreiben sie sich, besucht haben sie sich auch schon mehrmals – die Frau wohnt in Bayern. Ansonsten sind nicht mehr viele Freunde da. „Noch eine echte Freundin habe ich“, sagt F. Einige ehemalige hätten sich zu sehr eingemischt und ihre Söhne beschimpft, andere hätten den Kontakt zu F. selbst abgebrochen.

Ihre Kollegen raten F., sich einen Mann zu suchen. „Aber ich brauche keinen Mann – ich will Ruhe und Zeit für mich, ein Mann steht nicht auf meiner Wunschliste“, sagt sie. Da stehe nur Genesung und keine weiteren Krankheiten. An Weihnachten gönnt sie sich etwas Ruhe. „Mein Tannenbaum muss sein – der wartet schon in der Garage“, sagt sie. „Und dann kommen auch die Kinder und es wird sehr gemütlich.“

Nächste KSES-Aktion: Heiligabend mit anderen feiern

„Das wird eine hoch attraktive Weihnachtsfeier“, ist sich Wolfgang Stoffel sicher. Er hat schon zahlreiche dieser Feste der Aktion „Keiner soll einsam sein“ (KSES) mit organisiert. Etwa 80 Freiwillige wollen diesmal zum Gelingen beitragen. Etwa 20 von ihnen sind zum ersten Mal als Helfer dabei. 13 Mitarbeiter des Studentenwerks sind ebenfalls im Einsatz. Sie kümmern sich neben der Küche und der Essensausgabe auch um die Betriebstechnik. Normalerweise ist die Zentralmensa am 24. Dezember geschlossen – extra für KSES öffnet sie ihre Pforten. Der Zugang ist barrierefrei möglich. Das Programm des Abends hat sich in den vergangenen Jahren in der Stadthalle bewährt. Erneut wird Klaus Faber den Nachmittag am Klavier begleiten, und nach dem Einlass ab 15.30 Uhr gibt es Kaffee und Kuchen. Für 16 Uhr ist eine Weihnachtsandacht mit Pastor Thomas Harms geplant. Abendessen gibt es ab 18 Uhr, und im Anschluss soll Andy Clapp für Unterhaltung sorgen. Nach dem Ende der Veranstaltung fahren um 19.45 Uhr Busse der Göttinger Verkehrsbetriebe die Besucher kostenlos in alle Stadtteile.

Von Lea Lang

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