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Bovenden Hart für Angehörige: Klimawandel lässt Bestattungsbäume im Friedwald absterben
Die Region Bovenden Hart für Angehörige: Klimawandel lässt Bestattungsbäume im Friedwald absterben
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06:54 20.09.2019
Das Kreuz mit den Bäumen: Der Klimawandel macht sich auch in Bestattungswäldern bemerkbar. Quelle: Swen Pförtner
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Bovenden

Die Südhänge von Wurmberg, Achtermann und weitere Flächen im Harz sehen aus wie nach einer Vulkaneruption oder einem Napalm-Angriff. Tote Fichten, wohin das Auge blickt. Dürre und Borkenkäfer haben ganze Arbeit geleistet. Aber auch andere Baumarten sind inzwischen betroffen. Klimawandel und Trockenheitsstress machen inzwischen auch Friedwald-Bestattungsbäumen an einigen Standorten zu schaffen. Das gilt auch und besonders im Friedwald Burg Plesse. Dort ist die Buche eine dominierende Baumart. Und die ist als sogenannter Herzwurzler ein Sonderfall zwischen Flachwurzlern wie der Fichte und Tiefwurzlern.

Bitter und emotional aufwühlend

Auf Buchen-Abholzungen im beim Start politisch nicht unumstrittenen Friedwald oberhalb der Burg Plesse weist der Seeburger Ludwig Pape hin. Das sei bitter und emotional aufwühlend für Angehörige und für Menschen, die sich Bäume als letzte Ruhestätte ausgewählt haben. Zu ihnen gehört Elke Just aus Bovenden. Die 76-Jährige hatte mit ihrem Mann einen „nicht gerade billigen Partnerbaum“ ausgewählt und soll sich jetzt mit der Friedwaldförsterin einen anderen Baum aussuchen: „Die wunderschöne alte Buche, die wir uns ausgesucht haben, stirbt und soll gefällt werden. Das finde ich ganz schrecklich.“

Mit ihrem Hund sei sie häufig dort im Wald unterwegs, berichtet Just und bangt auch um die Alternative, die ihr jetzt angeboten wird: „Die Frage ist, wie lange der Wald noch lebt. Ich könnte heulen, wenn ich die vielen kaputten Laubbäume sehe.“ Und ewig schweigen die Wälder statt ewiger Ruhe?

Führung im Friedwald Burg Plesse: Das Interesse an naturnahen Bestattungen unter dem Laubdach des Waldes ist groß. Quelle: r

Carola Wacker-Meister, Sprecherin der Friedwald GmbH, bestätigt die Probleme. Auch Bestattungsbäume müssten in dem naturbelassenen und nicht von der Holzwirtschaft genutzten Plesse-Areal entnommen werden. Betroffen seien 13 Bäume, hauptsächlich Buchen: „Die werden aber erst gefällt, wenn der Kundenservice mit allen Vertragspartnern gesprochen und das weitere Vorgehen vereinbart hat.“ Vorzugsweise würden als Bestattungsbäume besonders vitale Bäume ausgewählt: „Je vitaler ein Baum ist, desto eher ist er in der Lage, mit Wetterextremen umzugehen.“ Die aktuell durchgeführten Fällarbeiten in dem Waldstück würden lediglich der Wegesicherung dienen.

Suche nach individuellen Lösungen

„Die Trockenheit ist ein großes Thema geworden, die Plesse in der Tat in Teilen betroffen“, sagt Wacker-Meister: „Wir haben aber andere Möglichkeiten, darauf zu reagieren, als bei den großen Flächen im Harz.“ Als Einzel-, Partner- und Familienbäume mit bis zu zehn Plätzen werden auf der Plesse Buche, Feld-, Berg- und Spitzahorn, Linde und Eibe angeboten. Bei Vertragsabschluss werde darauf hingewiesen, dass die Natur sich verändere – ob durch Sturmschäden oder Trockenheit, berichtet Wacker-Meister: „Im Schadensfall werden dann individuelle Lösungen besprochen, die kostenfrei umgesetzt werden.“ In enger Abstimmung mit den Kunden werde nach Ersatz gesucht.

Bestattungskultur-Wandel lässt Friedwald-Standorte sprießen

Der Friedwald ist ein eingetragenes Markenzeichen für naturnahe Beerdigungen mit überkonfessionellem Konzept. Firmensprecherin Carola Wacker-Meister spricht von einer Erfolgsgeschichte. Die Friedwald GmbH mit Sitz in Griesheim habe am Freitag ihren 67. Standort bei Chemnitz eröffnet, im November folge der 68. an der niederländischen Grenze. Die GmbH kooperiert als Friedwald-Betreiber mit Waldbesitzern sowie Kommunen und Kirchen als Friedhofsträgern. Im Fall der Burg Plesse ist das der Flecken Bovenden, Waldbesitzer sind die niedersächsischen Landesforsten. Bislang keine Kooperation gibt es mit der römisch-katholischen Kirche. Ein Sonderfall ist der Friedwald Reinhardswald, mit dem 2001 alles anfing. Friedhofsträger ist dort der Forstamtsbezirk, Waldeigentümer das Land Hessen. Im Friedwald Burg Plesse haben nach Angaben von Wacker-Meister seit der Eröffnung im Mai 2010 etwa 2200 Beisetzungen in biologisch abbaubaren Urnen stattgefunden. Bis jetzt hätten sich rund 4700 Menschen für einen Platz oder Baum in diesem Friedwald entschieden.

In etwa 40 Prozent der Fälle handele es sich um Vorsorgeverträge. In diesen Fällen, in denen es noch keine Beisetzung gebe, könne im Schadensfall ein neuer Baum ausgewählt worden. Falls schon eine Beisetzung erfolgt sei, werde mit Angehörigen vor Ort über das weitere Vorgehen entschieden. Als Möglichkeiten nennt Wacker-Meister, den Baum abzutragen und den toten Stamm stehen zu lassen, einen benachbarten Ersatzbaum zu wählen oder eine Neuanpflanzung vorzunehmen.

Bislang 2200 Beisetzungen hat es im Friedwald Burg Plesse gegeben. Quelle: Swen Pförtner

 

Trockenheitsstress nimmt zu

Zwei Jahre Trockenheit in Folge seien eine große Herausforderung, meint Wacker-Meister. So wie die Bestattungsgesetze von Bundesland zu Bundesland variieren, sind die Dürrefolgen regional sehr unterschiedlich. „Die Standorte im Süden Deutschlands sind satt grün.“ Auch im Friedwald Reinhardswald gebe es bislang keine Probleme. Der Friedwald Burg Plesse hingegen sei ein flachgründiger, mit dünner Humusschicht bedeckter Kalkboden-Standort. Der könne wenig Feuchtigkeit speichern, was zu Trockenstress führe: „Derzeit lassen die Landesforsten geschädigte Bäume – es handelt sich nicht um Bestattungsbäume – entlang der Wege und dem Versammlungsplatz fällen, um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten.“

Wenig Verständnis dafür zeigt Detlef Haschke aus Eddigehausen, der den „immer lichter werdenden Wald oberhalb der Burg Plesse“ seit Jahrzehnten kennt. Haschke ist entsetzt über den massiven Einschlag noch in der Vegetationsphase: „Das tut dem Wald nicht gut und sieht auch gruselig aus.“ Hochwertiges Buchenholz und alte Baumbestände, die er nicht als krank wahrnehme, würden beseitigt, mit schwerem Gerät einfach von den Wegen ins Areal hineingeschoben. Betroffen sei davon auch ein Bereich, der in Hanglage übergehe und in der die Hütte für Gedenkfeiern liege.

Zum größten Teil würden die Friedwald-Standorte aus strukturreichen und stabilen Mischwäldern bestehen, betont Wacker-Meister – also genau den Wäldern, die im Rahmen des Waldumbaus gefördert werden sollen. An Standorten mit kranken und sterbenden Bäumen würden mit Waldbesitzern, der Forstverwaltung und den jeweiligen Friedhofsträgern Arbeitsgruppen gebildet, um nach Lösungen zu suchen. Die derzeitigen Forstarbeiten seien aus Sicherheitsgründen unumgänglich.

Wie nach einem Vulkanausbruch oder Napalmangriff sieht es in weiten Teilen des Harzes aus. Dort sind ganze Berghänge entwaldet. Quelle: Kuno Mahnkopf

Heimische Baumarten können Trockenheit nicht trotzen

„Nicht nur Wirtschaftswälder, sondern das gesamte Ökosystem Wald – auch naturbelassener Urwald – leidet unter Klimaextremen und insbesondere der Trockenheit“, sagt Michael Rudolph, der als Sprecher der Landesforsten für Südniedersachsen zuständig ist. Die massiven Schäden im Harz seien ein Sonderfall, flach wurzelnde Fichten im Nationalpark seit vielen Jahren sich selbst überlassen worden, durch Dürre und massiven Borkenkäferbefall abgestorben. Die Schäden würden aber großflächig widerspiegeln, was man kleinräumig auch anderswo beobachten könne – vom Seulinger Wald über die Mackenröder Spitze bis hin zum Friedwald Plesse. Dort versickere das wenige Wasser im Kalkboden. Auch 1955 habe es große Trockenheit gegeben, die mit der aktuellen Situation aber nicht vergleichbar sei. Laubbäume wie die als mitteleuropäischer Mutterbaum geltende Buche würden mit einem Jahr Verzögerung auf den Hitzesommer 2018 und den kaum weniger trockenen Sommer 2019 reagieren, Birkenalleen absterben und selbst tiefe Pfahlwurzler wie die Eiche in Schwierigkeiten geraten. Die seit 1991 in Niedersachsen betriebene ökologische Waldbewirtschaftung mit Umbau zu Mischwäldern sei die richtige Entscheidung gewesen, müsse aber nachjustiert werden: „Wir benötigen dafür Baumarten wie im Mittelmeerraum, die resistenter gegen Trockenheit als die heimischen Baumarten sind.“

Von Kuno Mahnkopf

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