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Bühren Aus der Zeit gefallen? Noch heute nutzen die Bührener die Gemeinschaftsgefrieranlage
Die Region Dransfeld Bühren Aus der Zeit gefallen? Noch heute nutzen die Bührener die Gemeinschaftsgefrieranlage
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09:54 14.01.2020
Eine ganze Ente und ein Stück vom Wildschwein finden sich unter anderem gerade in einem der Gefrierfächer des 1. Vorsitzenden Oliver Pagel. Quelle: Nora Garben
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Bühren

In dem kleinen beigen Haus am Rollbachweg scheint die Zeit stillzustehen. Bis auf die Erneuerung der Kompressoren hat sich hier seit 1963 nichts verändert. Noch immer kommen Dorfbewohner, um in einem der 63 Fächer der Gemeinschaftsgefrieranlage Lebensmittel einzufrieren. Doch warum sind in einer Zeit, in der die meisten Menschen einen eigenen Gefrierschrank haben, nach wie vor alle Fächer belegt? Aus Nostalgie? Spricht man mit Mitgliedern der damals eigens dafür gegründeten Gefriergemeinschaft, wird deutlich: Tradition spielt eine Rolle, vielmehr aber haben die meisten ganz praktische Gründe.

Betritt man das Gebäude, gehen vom Eingangsbereich, wo sich ein Kühlraum befindet, rechts und links zwei Gänge ab. An der jeweiligen Wand zur Raummitte hin reiht sich ein weißes Gefrierfach an das nächste. Alle sind nummeriert und mit einem Schloss versehen, für das der Besitzer ebenso einen Schlüssel hat wie für die Haustür. An vielen Fächertüren hängen Tropfen von Kondenswasser und einige zeigen deutliche Spuren von Rost. „Das bleibt nicht aus“, sagt Oliver Pagel. Regelmäßig kontrolliert der erste Vorsitzende der Gefriergemeinschaft Bühren die Fächer auf Dichtheit. Langfristig müssen einige Türen ausgetauscht werden. Dass das möglich ist, verdanken die Bührener einer Ladung von 120 Türen aus Lippoldshausen, die aus einer aufgelösten Gefriergemeinschaft stammen. Hergestellt werden diese Türen nämlich nicht mehr, wie Pagel erzählt.

Gemeinschaftsgefrieranlage Bühren

Selbstversorgung verbreitet

Vor 60, 70 Jahren, als sich Menschen vor allem auf dem Dorf zu einem großen Teil noch selbst versorgten und Hausschlachtung gang und gebe war, konnte sich kaum jemand einen eigenen Kühlschrank leisten. Also gründeten die Dorfbewohner sogenannte Gefriergemeinschaften, die eigene kleine Kühlhäuser betrieben. Häufig, so erzählt es Pagel, waren die Gebäude Eigentum der Gemeinden und wurden vermietet. In Bühren allerdings fanden sich 1963 auf Initiative von Willi Rinke und Fritz-Bertram Jünemann zahlreiche Dorfbewohner zusammen und errichteten in der Dorfmitte ein Gefrierhaus in Eigenregie. Ein Fach kostete damals einmalig 439 Mark, dazu kamen 337 Mark für den Hausanteil. Wer diesen Betrag aufbringen konnte, war stolzer Besitzer eines Gefrierfaches. „Deshalb gibt es uns ja noch“, sagt Pagel. Die meisten Gefrierhäuser in der Region seien bereits seit 30 Jahren geschlossen.

Auch heute noch sind die Fächer Eigentum der etwa 55 Mitglieder der Gefriergemeinschaft. Doch die zahlen mittlerweile 7 Euro im Monat für Strom, Instandhaltung und für Rücklagen, sagt Kassenwart Klaus Kecker. Etwa 11 bis 12000 Kilowattstunden Strom pro Jahr verbrauche die Anlage, wodurch sich Kosten von bis zu 4500 Euro jährlich ergäben.

Vom Vater übernommen

Wie Kecker auch hat Pagel sein Gefrierfach von seinem Vater übernommen, der es wiederum von seinem Vater erhalten hatte. Es gebe Besitzer, die ihr Fach behielten, obwohl sie längst nicht mehr in Bühren wohnten. „Man hängt schon dran“, sagt Pagel. Das sei aber nicht der Grund, warum die meisten ein Fach kauften oder von der Familie übernähmen. Er beispielsweise halte als Hobbyzüchter Kaninchen und Enten, die er auch selbst schlachte. Zudem beziehe er wie andere im Dorf auch Wild vom Jäger, mal ein Achtel Rind vom Bauern oder friere Beeren und anderes Obst aus eigener Ernte ein. Das braucht Platz. „Wir haben keinen eigenen Laden mehr, jeder müsste selber fahren, also macht man Vorratswirtschaft“, ergänzt Kecker.

Aber nicht nur langjährige Mitglieder sehen einen Vorteil darin, die Gefriergemeinschaft aufrechtzuerhalten. Vor allem jüngere Leute fänden das Konzept aus ökologischen Gründen zunehmend sinnvoll, sagt Pagel. Um sich in dieser Hinsicht noch zu verbessern, habe die Gefriergemeinschaft gerade einen Antrag auf eine Leader-Förderung für eine Photovoltaikanlage gestellt. „Damit könnten wir unseren Stromverbrauch halbieren.“

Gefriergemeinschaft Bühren

Neuestes Mitglied in der Gefriergemeinschaft ist Stefan Kecker. Der 43-jährige Sohn von Klaus Kecker ist im vergangenen Jahr eingetreten und hat auch gleich den stellvertretenden Vorsitz übernommen. Dafür habe er mehrere Gründe. Zum einen besitze seine Familie einige Fächer, seitdem die Großeltern sich eingekauft hatten, zum anderen bewirtschaftet Kecker mehrere Forellenteiche und das Gefrierfach biete ihm die Möglichkeit, die Fische zwischenzulagern. Zu Hause müsste er viel Platz opfern, da habe die Gemeinschaftsgefrieranlage eindeutig ein Raumvorteil. Keckers Einschätzung nach nutzten die meisten Mitglieder, unter denen sich einige Hobbyzüchter und Jäger befänden, ihre Gefrierfächer ebenfalls hauptsächlich für die Ernte aus dem eigenen Gemüsegarten oder größere Stücke Fleisch. „Die wenigsten haben da eine Packung Fischstäbchen drin.“

Von Nora Garben