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Bühren Vereine aus Südniedersachsen wollen die plattdeutsche Sprache retten
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17:49 29.02.2020
„Handwark un Leben upp’n Dörpe“: Harry Arnemann zeigt beim Frühjahrstreffen von PdF und ASH, wie früher geschmiedet wurde. Quelle: Tammo Kohlwes
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Bühren

100 Plattdüütsch-Frünne – Plattdeutsch-Freunde – sind am Sonnabend in Bühren für die Rettung der plattdeutschen Sprache zusammengekommen. Beim ersten gemeinsamen Frühjahrstreffen des Plattdeutsch-Forums Südniedersachsen (PdF) und die Arbeitsgemeinschaft für Südniedersächsische Heimatforschung (ASH) tauschten sich Vereinsmitglieder und interessierte Gäste in der ostfälischen Mundart, dem Dialekt Südniedersachsens, aus – über Berufe, ihre Rettungsmission und Plattdeutsch an Schulen.

Bei schönem Wetter machten am Vormittag viele Teilnehmer bei einem Dorfrundgang mit, bei dem sie sich über die Geschichte von Bühren und seine Vereine informieren konnten. Im Gasthaus „Zum weißen Ross“ wurden sie dann vom PdF-Vorsitzenden Albert Behrens und Gerda Mickan vom ASH begrüßt.

Junge Kooperation

In Bühren vertieften das Plattdeutsch-Forum Südniedersachsen (PdF) und die Arbeitsgemeinschaft für Südniedersächsische Heimatforschung (ASH) ihre Zusammenarbeit, die sie im Herbst 2019 begonnen haben. „Miteinander statt nebeneinander“ wolle man an der Rettung des ostfälischen Platt arbeiten, sagte PdF-Vorsitzender Albert Behrens.

Sein Verein ist noch jung – 2017 taten sich einige Idealisten aus den Landkreisen Göttingen, Northeim und Holzminden zusammen, um die Mundart Südniedersachsens zu stärken. „Wir sind dabei, vorhandene Plattdeutsch-Aktivitäten in den einzelnen Orten der Landkreise zu bündeln und eine öffentlichkeitswirksame Plattform zu bieten“, heißt es auf der Website des Forums. Der Verein zählt nach eigenen Angaben mehr als 50 Mitglieder.

Auf eine wesentlich längere Geschichte kann die ASH zurückblicken – 2019 feierte sie ihr 90-jähriges Bestehen. Gegründet wurde sie als „Arbeitsgemeinschaft Südhannoverscher Heimatfreunde“. Rund 200 Mitglieder hat der Verein nach eigenen Angaben, außerdem sind die Landkreise Göttingen und Northeim in der ASH aktiv.

Kinder und Jugendliche für das Plattdeutsche gewinnen

Behrens war begeistert vom großen Interesse am Frühjahrstreffen. In den vergangenen Jahren seien 50 Leute gekommen, nun plötzlich doppelt so viele – das zeige, dass es sich lohnt, mit anderen Vereinen zusammenzuarbeiten. Das Publikum indes bestand fast ausschließlich aus älteren Menschen. Ein großes Problem sei das, sagte Andreas Kompart. Er ist einer von vier Beauftragten des Landkreises Göttingen für den Erhalt der niederdeutschen Sprache. Aber: Die Vereine modernisierten ihre Arbeit, und auch in der Politik fänden sie zunehmend Gehör.

Albert Behrens Quelle: Tammo Kohlwes

Das PdF wolle sich in Zukunft verstärkt um junge Menschen bemühen, sagte Behrens. Gerade in der jüngeren Generation hätten die Leute nicht die Traute, es einfach einmal mit der Mundart zu versuchen. „Dabei muss man gar keine Angst haben“, versichert Behrens. Platt könne man als Kind oder Jugendlicher ebenso wie als Erwachsener lernen, stimmte ihm Annette Rummenhohl zu. Die Beraterin der Landesschulbehörde organisiert für das Land Niedersachsen Plattdeutsch-Angebote an den Schulen im Land.

Mundart ist nicht leicht zu erhalten

Acht Projektschulen gebe es mittlerweile, sagte Rummenhohl – viel zu wenige. Aber es gehe voran: 26 Berater arbeiten für das Land Niedersachsen, um die plattdeutsche Sprache in all ihren Variationen zu retten. An der Universität Oldenburg wird mittlerweile wieder der Schwerpunkt „Niederdeutsch und Saterfriesisch“ im Studiengang Germanistik angeboten.

Rund 100 Gäste kamen zum Frühjahrstreffen – doppelt so viele wie in den vergangenen Jahren. Quelle: Tammo Kohlwes

Rummenhohl und ihre Kollegen arbeiten indes an der Vernetzung all jener, die sich für die Erhaltung der Mundarten zwischen Wattenmeer und Wesermündung einsetzen. Denn die Zeit drängt: Der Anteil jener, die Plattdeutsch sprechen und verstehen können, sinkt seit langem – und die Sprache durch Aufschreiben zu konservieren, ist gar nicht so einfach. Denn, so Behrens: „Platt ist eine Sprech-Sprache, keine Schrift-Sprache.“ Plattdeutsch solle jeder schreiben, wie er will – „Hauptsache ist, der spricht.“ Die Sprachförderer arbeiten deshalb vermehrt mit Audiodateien von jenen, die noch mit Dialekt sprechen.

Handwerker stellen ihre Arbeit vor

Nicht nur die plattdeutsche Sprache gab es in Bühren zu lernen, sondern auch Allgemeinbildung stand auf dem Plan: Unter dem Motto „Handwark un Leben upp’n Dörpe“ stellten Gäste alte Berufe vor und erzählten auf Platt, wie früher das Leben auf dem Dorf ablief. Dazu wurde gesungen: „Wer will lustije Handwarkers ssaahn...“

Gerda Mickan Quelle: Tammo Kohlwes

Harry Arnemann aus Bodenfelde stellte sich als Schmied (Schmedd) vor – ohne je einer gewesen zu sein. In seiner Ausbildung habe er immer die Handsensen schärfen müssen, erzählte Arnemann – darum verstehe er ein wenig vom Schmieden. Hartmut Hartje sprach über die Arbeit des Maurers (Müerker/Möwwerker), Werner Grobecker über die Arbeit des Tischlers (Discher). Heidrun Hengst stellte die Arbeit in der Gärtnerei (Chärtnereje) vor, Elke Hartje die in der Bäckerei (Bäckereje), Albert Behrens die auf dem Bauernhof (Buuernhof/Böwwernhoff) und Monika Schmidt sprach über die Leiden der jungen Leute in der Schule (Schaule).

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So erreichen Sie den Autor:

E-Mail: t.kohlwes@goettinger-tageblatt.de

Von Tammo Kohlwes