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Duderstadt 150 Besucher bei alljährlicher „Piepgössel-Rasur“ in Wollbrandshausen
Die Region Duderstadt 150 Besucher bei alljährlicher „Piepgössel-Rasur“ in Wollbrandshausen
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21:12 16.02.2015
Gerichtshof und Ärztekommission bei der Arbeit: Die Piepgössel bekommen „sahnige“ Rasur.
Gerichtshof und Ärztekommission bei der Arbeit: Die Piepgössel bekommen „sahnige“ Rasur. Quelle: Richter
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Wollbrandshausen

Die Vorboten des Unheils und gleichzeitig die Vollstrecker des Rituals sind in Wollbrandshausen seit jeher die Mitglieder des Gerichtshofs und der Ärztekommisson. Das mit mehr als 150 Besuchern gut gefüllte Dorfgemeinschaftshaus bietet dem Spektakel dabei eine Bühne. Die Seitentür der kleinen Halle öffnet sich – der Gerichtshof, gefolgt von der Ärztekommission betritt laut singend den Raum.

Foto: Richter

Der Chef der Delegation, Tom Nordmann, ergreift das Mikrofon: „Ihr sollt den Mädchen nicht unter die Schürze fassen, wenn ihr unter 18 seid“, heißt es in der Verordnung für die Piepgösseln, die Nordmann eigenhändig verfasst hat. Nachdem er die Jünglinge auf die Prozedur eingeschworen hat, bestellt er die Piepgössel auf die Bühne. In Zweier-Teams wird ihnen der obligatorische Holzkragen angelegt. Die  Mitglieder des Gerichtshofs stehen im Halbkreis hinter den Junggesellen und geben Acht, dass alles seine Ordnung hat. Dann kommt die Ärztekommission. Der „Chefarzt“ hat einen mit Schlagsahne gefüllten Eimer und einen Witschequast dabei – der Rasierschaum besonderer Art. Unter ohrenbetäubendem Geschrei werden beide adoleszenten Wollbrandshäuser sorgfältig eingeschäumt und mit einem riesigen Holz-Rasiermesser bearbeitet. Als großes Finale stemmen die Richter die nun erwachsenen Wollbrandshäuser, an ihren Hälsen im Holzkragen baumelnd, dreimal in die Höhe.   Dann haben sie es geschafft. Mit hochroten, Sahne-beschmierten Köpfen, leicht wackelig auf den Beinen, machen die Jungs Platz für die nächsten Opfer.

Auf der Internetseite plattmakers.de wird der Begriff Piepgössel auf Plattdeutsch mit „Minsch, de lieks weent un jammert, wenn he wat hett“ oder einfach mit „Weichei“ übersetzt. Im Großen und Ganzen hielten sich die Rasierten aber wacker und jammerten kaum. Einer lies sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit doch zu einem Kommentar hinreißen: „Die Sahne hat bescheiden geschmeckt, ansonsten war es auszuhalten.“

Von Kay Weseloh