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Duderstadt 20 Zentner Bronze aus französischen Kanonen
Die Region Duderstadt 20 Zentner Bronze aus französischen Kanonen
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19:27 29.08.2011
Ganz besonders und einmalig: Pastor Jens-Arne Edelmann zeigt auf die größere der beiden Kirchenglocken.
Ganz besonders und einmalig: Pastor Jens-Arne Edelmann zeigt auf die größere der beiden Kirchenglocken. Quelle: Blank
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Nach der evangelischen Kirche muss man ein bisschen suchen in Gieboldehausen. Sie ragt nicht etwa mächtig über die übrigen Dächer des Fleckens wie die katholische Kirche St. Laurentius, die auf einem Bergsporn steht, sondern duckt sich derart zwischen den Häusern der Marktstraße, dass man das Bauwerk erst wahrnimmt, wenn man davorsteht.

Gustav Adolf, nach dem diese Kirche benannt ist, war nicht etwa ein Heiliger, sondern der schwedische König Gustav II. Adolf, der 1630 in den Dreißigjährigen Krieg eingriff. Er schlug mit seinen Truppen die von Wallenstein geführte kaiserlich-katholische Armee bis nach Bayern zurück und stand damit den zuvor hoffnungslos unterlegenen Protestanten zur Seite. Nachdem er 1632 in der Schlacht von Lützen gefallen war, galt er als Märtyrer der deutschen Protestanten, ja als „Leu aus Mitternacht“ (Löwe aus dem Norden) – auch wenn seine Beweggründe durchaus etwas mit schwedischer Machtpolitik zu tun hatten. Eine große Zahl von deutschen Kirchen trägt seinen Namen, ebenso das älteste evangelische Hilfswerk, das Gustav-Adolf-Werk.

Gebaut wurde die Kirche 1876/77. In Gieboldehausen lebten um 1850 etwa 100 Protestanten, die zuvor in Wollershausen – eine Stunde entfernt – den Gottesdienst besuchten. Das konnte kein Dauerzustand sein. In der Tat wurde der Wunsch der Gemeinde nach einer eigenen Kirche bewilligt. Der Göttinger Gustav-Adolf-Hauptverein gehörte zu den wichtigsten Unterstützern dieses Wunsches, was bei der Namensgebung gewiss eine Rolle gespielt hat.

Der Architekt der Gustav-Adolf-Kirche ist derselbe wie der der Kreuzkirche in Lindau: Conrad Wilhelm Hase (1818-1902), einer der Hauptvertreter der Neugotik in Norddeutschland. Beide Kirchen tragen dieselbe architektonische Handschrift. Wie Maria Hauff in der Festschrift zum 125-jährigen Bestehen der Kirche schreibt, werden „vornehmlich gotische Stilmittel verwendet, und zwar in einer äußerst präzisen und – worin die Besonderheit dieser Kirche liegt – geradezu miniaturhaften Ausführung.“ Wobei es Hase nicht etwa um eine Stilkopie der Gotik ging. Man findet auch romanische Elemente und keltisch anmutende Kreuze. Ganz im Sinne Hases ist diese Kirche ein unverputzter Sandsteinbau. Hases Ausspruch „Putz ist Lüge“, mit dem er Materialehrlichkeit fordert, entspricht übrigens einem Grundsatz des späteren Bauhaus-Stils. Der Sandstein stammt, wie Pastor Jens-Arne Edelmann lächelnd mitteilt, „aus der Hölle“, also aus der Buntsandstein-Zone in der Nähe von Ebergötzen.

Zwei ganz besondere, ja einmalige Glocken hängen in der Kirche – nicht ihrer musikalischen Eigenschaften, sondern ihrer Herkunft wegen. Das Metall, 20 Zentner Bronze, stammt aus französischen Kanonenrohren. Der Satz des Propheten Micha aus dem Alten Testament „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen“ erhält im Licht dieser Glockengeschichte eine ganz eigene Bedeutung. „Gegossen den 3. September 1873 aus franzoesischen Kanonen, erobert im Kriege 1870/71 und geschenkt von Sr. Majestaet Kaiser Wilhelm I. der evang.-luth. Gemeine zu Gieboldehausen“ ist als Inschrift auf der größeren Glocke vermerkt (Schlagton f’, Gewicht etwa 950 Kilogramm). Die kleinere Glocke mit dem Schlagton a’ und einem Gewicht von etwa 750 Kilogramm trägt die Inschrift „Ehre sei Gott in der Höhe / Friede auf Erden / und den Menschen ein Wohlgefallen“, dazu den Gießervermerk „gegossen von C. F. Ulrich in Apolda 1873“.

Die Glocken kamen als Geschenk des preußischen Hofes nach Gieboldehausen und heißen bis heute Kaiserglocken. Vermutungen, dass diese Schenkung auch politische Motive hatte, sind nachvollziehbar: Die preußischen Machthaber waren im 1866 von ihnen eroberten Königreich Hannover nicht sonderlich wohlgelitten. Und kleine Geschenke erhalten bekanntlich die Freundschaft.

Auch das spätere Schicksal dieser Glocken ist bemerkenswert. Die kleinere Glocke wurde von 1918 bis 1923 an die Duderstädter Servatiusgemeinde ausgeliehen, die bei der Brandkatastrophe von 1915 ihre Glocken verloren hatte. Und als im Zweiten Weltkrieg wieder Glocken beschlagnahmt wurden, um aus ihnen Kanonenrohre zu gießen, verlieh die Gieboldehäuser Gemeinde 1942 ihre größere Glocke an die St.-Martini-Kirche in Berka. Sie diente als Ersatz für die beiden eingeschmolzenen Berkaer Glocken, wurde nicht eingezogen, weil es ja nun die einzige Kirchenglocke war, und hing dort bis 1947. Als Dank für die Rettung der Kaiserglocke beteiligte sich die Gieboldehäuser Gemeinde an den Kosten der drei nach dem Krieg in Berka neu angeschafften Stahlglocken.

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Von Michael Schäfer