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Duderstadt Alternative: Sanfter Tourismus statt Kampf um Milchquote
Die Region Duderstadt Alternative: Sanfter Tourismus statt Kampf um Milchquote
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18:06 26.07.2011
Reiten, angeln, Natur erleben: Urlaub auf dem Bauernhof hat für Gäste viel zu bieten.
Reiten, angeln, Natur erleben: Urlaub auf dem Bauernhof hat für Gäste viel zu bieten. Quelle: Blank
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Die Ergebnisse sind dürftig und fast ausschließlich in Thüringen zu finden. Lohnt es sich nicht für Einheimische, im Untereichsfeld in die Tourismus-Branche einzusteigen? „Doch, auf jeden Fall. Das Eichsfeld bietet eine reizvolle Landschaft, ein gutes Wanderwegenetz und interessante Ausflugsziele“, sagt Manfred Bleckert. Der Landwirt betreibt seit 1996 mit seiner Frau Marianne einen Ferienhof in Thiershausen. Abgelegen im Naturschutzgebiet hört man hier keinen Verkehr und keine Nachbarn, sondern das Zwitschern der Vögel, das Muhen der Kühe, die im Wasser springenden Forellen und den leise rauschenden Wald.

„Angefangen haben wir mit drei Ferienwohnungen, heute sind es sechs, und die sind fast immer ausgebucht. Viele kommen seit Jahren als Stammgäste, manche aus Holland, Frankreich oder England“, schildert Manfred Bleckert die Entwicklung. Früher habe die Familie auch eine Milchwirtschaft betrieben, aber Quoten, Margen, EU-Normen und Preisverfall machten diese Form der Landwirtschaft immer weniger lohnenswert, so dass man sich bei der Rinderhaltung nur noch auf Mast und Aufzucht beschränke. „Genug Arbeit hat man auch mit einem Ferienhof, aber es bleibt trotzdem etwas Zeit für uns und unsere Enkelkinder“, freut sich Manfred Bleckert. Seine inzwischen erwachsenen drei Kinder sind alle in der Nähe geblieben, Sohn Henrik hat im letzten Jahr sein eigenes Wohnhaus neben das Elternhaus gebaut. Dass hier niemand fort will, scheint verständlich: Der Hof liegt in einer Bullerbü-Idylle am großen Thiershäuser Teich. Vor dem gepflegten Fachwerkhaus, das ausschließlich den Gästen vorbehalten ist, leuchten Blumen in tausend Farben, dahinter flimmern die Schatten der alten Baumkronen über saftige Wiesen und Weiden, unterbrochen von unzähligen kleineren Fischteichen. Kühe dösen mit ihren Kälbern in der Sonne, während die Pferde den Besuchern auf der Koppel neugierig entgegen kommen. Im Hintergrund erstreckt sich der hügelige Mischwald mit zahlreichen Reit- und Wanderwegen.

Auch im Wohnhaus der Familie ist Platz für Gäste. „Bei uns wohnen die alleinreisenden Jugendlichen“, erklärt Marianne Bleckert. Dazu gehören der zwölfjährige Matheo Pesch aus Bremen und der vierzehnjährige Jan-Christoph Weber aus Braunschweig. Sie sind beide nicht zum ersten Mal hier und haben sich mit Bleckerts Neffen Marvin Kühne angefreundet. Die Jungen präsentieren stolz einen stattlichen Aal, den sie geangelt haben. „Wir haben uns hier zufällig in den Ferien getroffen und sind nun schon seit ein paar Jahren befreundet“, sagt Jan-Christoph. Ihm gefällt es so gut auf dem Hof, dass er sich sogar um eine Schüler-Praktikantenstelle beworben hat. Auch Matheo ist restlos begeistert von den Bauernhof-Ferien: „Hier ist immer was los. Manche gehen ins Schwimmbad – das ist doch langweilig. Hier kann man viel mehr erleben“, weiß er und schiebt mit seinen beiden Freunden das Ruderboot ins Wasser.

Im Stall sind die Mädchen weit in der Überzahl. Henrik Bleckert beaufsichtigt das Satteln der Pferde und begleitet dann die Gruppe zum Ausritt. Aus Berlin sind Sabine und Wilfried Bernhold mit ihren Töchtern Alina und Amelie angereist. Die Familie ist bereits zum fünften Mal hier. „Die Kinder nennen den Hof ,unseren Bauernhof’ und schreien im Auto schon ab Krebeck vor Freude, dass wir gleich da sind“, sagt die Mutter lächelnd und striegelt dabei eines der Ponys. Alina nickt bestätigend. „Die meisten anderen Kinder waren auch schon öfter hier. Alle sind sehr nett und man lernt sich schnell kennen“, hat sie festgestellt. Auf die Frage, wie man aus Berlin auf das Eichsfeld stößt, sagt Wilfried Bernhold: „Durch Freunde, die uns diesen Hof empfohlen haben.“ Ebenfalls aus Berlin kommen Carla Helberg, Csenge Szabo und Mirela und Anila Tmava. Die Mädchen lieben die „Heuschaukel“, ein Seil mit Sitzfläche, auf dem man in Tarzan-Manier durch die Scheune schwingen kann. Wer abstürzt, fällt ins weiche Heu.

Am Teich genießen Jörg Horn uns sein Sohn Victor die Ruhe beim Angeln. Auch sie sind über Mundpropaganda aus Berlin auf das Eichsfeld gestoßen. „Ich wusste vorher, wo Göttingen liegt, aber das Eichsfeld war mir unbekannt“, gesteht der Vater. Inzwischen hat die Familie die gesamte Region bis zum Harz erkundet – und gehört zu den Stammgästen der Bleckerts. „Dass wir diese Woche ausschließlich Gäste aus Berlin haben, ist aber reiner Zufall“, bemerkt Marianne Bleckert. Schon in den nächsten Wochen würden Urlauber aus Hamburg, Niedersachsen und Holland erwartet. Trotz aller Idylle legt sie Wert auf eine realistische Präsentation der Landwirtschaft. „Wir machen kein Geheimnis daraus, dass das Fleisch auf dem Grill von unseren Schweinen stammt. Die Kinder dürfen die Schweine besuchen, aber die Tiere werden eben auch geschlachtet. Wer Fleisch isst, muss akzeptieren, dass es nicht auf der Wursttheke im Supermarkt wächst“, erklärt sie.

Die Landwirte haben sich mit dem Ferienhof überregionalen Verbänden angeschlossen wie der Arbeitsgemeinschaft Urlaub und Freizeit auf dem Land. Hier wird dem Suchenden im Internet Information, Auswahl und Lage geboten. „Außerhalb der Ferien haben wir oft Behinderten-Gruppen. Zwei der Wohnungen sind rollstuhlgerecht. Und für Wanderreiter vermieten wir auch Pferdeboxen“, beschreibt Marianne Bleckert ihr breitgefächertes Angebot. Den Landwirten merkt man an, dass sie mit Herz und Seele in ihrer Aufgabe verwachsen sind. „Wer sich für diese Arbeit entscheidet, muss mit Leuten umgehen können und kontaktfreudig sein“, weiß Manfred Bleckert. „Manche Landwirte mögen das nicht, wenn fremde Leute auf dem Hof umherlaufen. Dann sollte man das mit dem Ferienhof bloß nicht anfangen, das macht weder die Gäste noch den Landwirt glücklich“, rät er. Aber er weiß auch: „Man kann im Eichsfeld-Tourismus mehr herausholen, wir haben so viele schöne Ecken, nur bekommt man zu wenig Unterstützung von den Politikern.“ Gute Ideen hätte er noch: „Drüben am Teich steht das Gasthaus leer, seit der letzte Wirt gestorben ist. Dabei kommen immer Leute und fragen nach Kaffee und Kuchen. Da könnte man etwas draus machen“, sagt er und blickt zu dem verlassenen Gebäude, wobei seine Augen unternehmungslustig leuchten.

Von Claudia Nachtwey