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Duderstadt An Ausstellung wird weiter gewoben
Die Region Duderstadt An Ausstellung wird weiter gewoben
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20:31 08.09.2011
Original und Modell: Zu den Aktivstationen im Museum gehört ein Webstuhl zum Ausprobieren. Quelle: OT
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Duderstadt

Am Tag des offenen Denkmals am kommenden Sonntag werden Führungen durch die Ausstellung angeboten. Im Lauf des Oktobers soll dann das komplette Museum wieder eröffnet werden. Parallel zum Abschluss der Renovierung kümmern sich Andrea Rechenberg und Sandra Kästner vom Museumsverbund Südniedersachsen um die Komplettierung der Dauerausstellung. Während das Dachgeschoss wegen Auflagen für Brandschutz und Fluchtwegen nicht mehr zur Verfügung steht, sollen im zweiten Obergeschoss Kardinal Kopp, bürgerliches Wohnen, Gesundheitswesen und historischer Klassenraum in Szene gesetzt werden.

Fast drei Jahre lang war das Museum nach einem Wasserschaden geschlossen, die Zwangspause von Diskussionen in den Ratsgremien über einen Neubeginn begleitet. So wie für das Gebäude selbst keine Sanierung, sondern nur eine Renovierung mit Geld aus der Versicherungssumme möglich war, wurde schließlich statt eines zwischenzeitlich von der SPD geforderten Kindermuseums die alte Dauerausstellung modernisiert und um Aktivstationen ergänzt. „Kindermuseen sind eine feine Sache, aber etwas anderes als ein Museum mit einer historischen Sammlung, um deren Erhalt es hier ging“, sagt Rechenberg.

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Der Grundstock der Sammlung geht auf die Initiative Clara Gerlachs zurück, die 1931 in Duderstadt einen Museumsverein gründete. Mit Schließung der Schule wurde dann 1936 in dem heutigen Museumsgebäude eine Heimatstube geschaffen, das Museum 1986 neu eingerichtet. „Selbst für etwas Beständiges wie ein Museum sind 25 Jahre eine lange Zeit“, sagt Rechenberg. Als vor einem Vierteljahrhundert das Museumskonzept umgesetzt wurde, gab es noch keinen Digitaldruck. Für den Neustart wurden jetzt die Textafeln nicht nur graphisch neu gestaltet, sondern auch der Schreibweise nach der Rechtschreibreform angepasst. Auf Basis des bestehenden wissenschaftlichen Konzepts sei die Ausstellung entstaubt und besucherfreundlicher gestaltet worden, sagt Rechenberg. Statt einer altbackschen Ausstellung sei ein Erlebnisort entstanden.

Die Exponate einschließlich Schuhmacherwerkstatt sind größtenteils geblieben. Und sorgen nach wie vor für Alleinstellungsmerkmale, die das Duderstädter Museum von anderen Heimatmuseen unterscheiden – ob Wanderarbeit oder Tabakanbau- und Verarbeitung. Das Reff als Tragegestell für Händler gehört ebenso dazu wie in Heimarbeit gefertigter Schmuck aus Haaren oder die Wasserharfe als Utensil von Wandermusikanten. Immer wieder wird der Ortsbezug deutlich, die Zinngießerfamilie Küstner ist nicht die einzige Eichsfelder Familie, die sich wiederfindet. Ausgewählte Objekte schmücken als „Appetithappen“ den neu gestalteten, nunmehr barrierefreien Eingangsbereich, Blaudruck und Brandschutz haben ihren Platz im Außenbereich, unverändert ist der verglaste Fußboden im Erdgeschoss, der den Blick auf Teile der Stadtmauer freigibt.

Unverändert werden auch Eichsfelder Spezifika herausgearbeitet. „Vater macht fort“, heißt es auf einer Eichsfeldfibel von 1922, als Montage noch Wanderarbeit hieß. „Eichsfelder haben die Schornsteine und U-Bahnen im Ruhrpott mitgebaut“, berichtet Rechenberg. Problematischer waren die Versuche, im 19. Jahrhundert im ländlichen Eichsfeld Industrie anzusiedeln. Die Weberaufstände von 1848 finden ebenso Niederschlag wie der Streik der Handschuhmacher von 1905. Rechenberg kennt sonst kein Museum, das die Handschuhfabrikation thematisiert.

Glácehandschuhmacher und Zigarrenarbeiter legten auch die Wurzel für die Sozialdemokratie in Duderstadt – wegen des Bismarckschen Sozialistengesetzes als Arbeitergesangverein Germania getarnt. Der Tabak, der in Bilshausen zu Zigarren gedreht wurde, wurde übrigens aus Südamerika importiert. Der im Eichsfeld angebaute Tabak, erzählt Rechenberg, landete als Kau- und Schnupftabak in Mund und Nase oder in der Pfeife.

Von Kuno Mahnkopf