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Duderstadt Aus für Etikettenschwindel bei Lebensmitteln
Die Region Duderstadt Aus für Etikettenschwindel bei Lebensmitteln
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22:41 20.07.2011
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Eine neue Verordnung der Europäischen Union soll mit dem Ersatzstoffe-Schwindel jetzt aufräumen. Das Tageblatt hat Nahrungsmittel-Experten und Kunden aus dem Eichsfeld zum Thema befragt. Wasabi-Erdnüsse, die kein Wasabi enthalten, Vollkornbrötchen, die mit Weizenmehl und Farbsirup gestreckt werden oder Hähnchenschnitten aus Putenfleisch – die Liste der Fälle ist lang. Immer mehr Hersteller müssen im Konkurrenzkampf um Dumping-Preise auf die billigeren Ersatzstoffe zurückgreifen. Formfleisch und Co. müssen künftig aber deutlich sichtbar auf der Vorderseite der Verpackung gekennzeichnet werden. Ebenso ist eine einheitliche Nährwerttabelle mit Angaben zu Zucker-, Fett- und Kohlehydrat-Gehalt auf der Rückseite neuerdings Pflicht.Zwar ist das nicht die von Verbraucherschützern geforderte „Ampel“, aber immerhin eine kleine Schneise durch den Zutaten-Dschungel.

Das findet auch Norina Biniasch, Ernährungsberaterin im Duderstädter Injoy-Fitnessstudio: „Ich bin auf jeden Fall froh darüber, dass es jetzt ein Muss ist für alle Hersteller. Es ist wirklich faszinierend, was die Leute heutzutage in das Essen reinpacken und uns verkaufen. Das ist teilweise echt widerlich.“ Zwar gibt Biniasch zu, als Fachfrau nicht allzu viele Vorteile durch die detaillierte Tabelle zu gewinnen, da sie sich mit den Fachbegriffen für die Inhaltsstoffe gut auskenne, aber für den Durchschnitts-Verbraucher sei das Novum auf jeden Fall eine hilfreiche Vereinfachung. Lese man zum Beispiel die Angabe „Carrageen“, die in Light-Milchprodukten häufig zu finden sei, so könne das statt zur gewünschten Körperverschönerung zur verstärkten Bildung von Cellulite führen.

„Ich bin zum Beispiel gegen Milcheiweiß allergisch, weiß aber worauf ich da achten muss. Für viele Allergiker oder Laktose-Intolerante wird es jetzt sicherlich genauso einfach, die richtigen Produkte zu finden“, so Biniasch. Insgesamt sei der neue EU-Vorstoß positiv, ein Aspekt jedoch sei extrem verbesserungswürdig: „Viele ältere Menschen brauchen bestimmt eine Lupe, um die Tabellen lesen zu können. Das fängt schon mit meinem Papa an – und der ist erst 50.“
Für Roswitha Schöning, Betreiberin eines Reformhauses in der Duderstädter Marktstraße, ist die Kennzeichnungspflicht nichts Neues. „Nach den Richtlinien der Neuform-Genossenschaft werden bei uns selbst geringste Menge deklariert.“ Das Neuform-Label trügen rund 75 Prozent ihrer Waren, so Schöning. Aber auch die restlichen Produkte seien nicht weniger natürlich hergestellt.

Eine „Nährwert-Ampel“ ist beinahe auf jeder Verpackung im Laden abgebildet. Die informiert beispielsweise über den Wert der Broteinheit (BE), die den Kohlenhydratgehalt angibt.
Reformhaus-Kundin Gabi Müller kauft bewusst bei Schöning ein: „Da habe ich das Vertrauen, dass das, was drauf steht, auch drin ist.“ Marita Kanngießer ist von den „volldeklarierten“ Produkten ebenfalls überzeugt: „Ich kaufe hier vor allem Kosmetik, Haarfärbemittel und Pflegemittel: Die sind hautfreundlich und ohne Ammoniak oder Silikon. Ich kann genau sehen, was drin ist.“

Roswitha Schöning selbst besucht Supermärkte so gut wie nie. Ihre Reformhausware ergänze sie mit regionalen Einkäufen. Trotzdem hält sie die neuen Nährwerttabellen für einen wichtigen Vorstoß: „Natürlich kann man immer irgendwie rauskriegen was in einem Produkt drin ist, aber man kann ja nicht davon ausgehen, dass jeder die Zeit hat, das ausführlich zu recherchieren. Das nutzt die Lebensmittelindustrie ganz klar aus.“
Mehr Informationen zum Thema gibt es im Internet unter anderem bei foodwatch.de oder auf der Verbraucherseite von europa.eu.

Von Anna Kleimann