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Duderstadt Bargeld für Mitarbeiter
Die Region Duderstadt Bargeld für Mitarbeiter
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18:50 27.04.2011
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Dieser Eindruck drängte sich gestern, am Mittwoch, 27. April, beim Prozess gegen einen 77-jährigen Ingenieur vor dem Landgericht Göttingen auf, der sich dort wegen Anstiftung zur Untreue verantworten muss (Tageblatt berichtete). Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, der Otto-Bock-Gruppe jahrelang überhöhte Rechnungen und Scheinrechnungen für die Klimatechnik-Firma seiner Frau ausgestellt zu haben. Dadurch sei das Unternehmen um mehr als drei Millionen Euro geschädigt worden. Am Mittwoch war der Mitarbeiter der Bauabteilung als Zeuge geladen, der laut Anklage die Rechnungen abgezeichnet und dafür mindestens zehn Prozent der überhöhten Summe in bar erhalten haben soll. Der Bautechniker war für alle Baumaßnahmen in Duderstadt verantwortlich.

In den vergangenen Jahren habe es ständig neue Bauprojekte gegeben, berichtete der 50-Jährige. Eigentlich sei er 24 Stunden am Tag für die Firma da gewesen. Er sei nicht nur mit Planungen, Entwürfen, Ausschreibungen und Projektkoordination befasst gewesen, sondern habe sich auch um die rund 500 Rechnungen kümmern müssen, die jeden Monat in der Bauabteilung bearbeitet werden mussten. Obwohl er nur Handlungsvollmacht für den Bereich Health Care gehabt habe, habe er auch die anderen Rechnungen abgezeichnet, weil Niemand sonst sich um diese Dinge habe kümmern wollen und kein weiteres Personal eingestellt werden sollte.

Alle Aufträge im Bereich Lüftungstechnik gingen an die Firma, bei der offiziell die Ehefrau des Angeklagten als Geschäftsführerin und der Angeklagte als Angestellter fungierte. Der Angeklagte habe immer Abschlagsrechnungen geschrieben, jedoch nie eine Schlussrechnung, sagte der Zeuge. „Ich bin der Meinung, dass das Absicht war.“ Er habe irgendwann gar nicht mehr gewusst, welche Abschläge zu welchen Projekten gehörten. Außerdem habe der 77-Jährige ständig Druck gemacht, weil er wollte, dass die Rechnungen sofort und nicht wie üblich nach zehn Tagen bezahlt werden. Um schneller ans Geld zu kommen, habe der Angeklagte ihm dann zehn Prozent von der Nettosumme angeboten, wenn er die Zahlungen beschleunige, berichtete der Bautechniker. Nach der Auszahlung habe der Angeklagte ihm dann meist eine Woche später einen Umschlag mit Bargeld überreicht.

Als das Finanzamt bei dem Angeklagten eine Betriebsprüfung machte, habe er für diesen nachträglich die bis dahin gar nicht vorhandenen Aufträge für dessen Rechnungen erstellt. Hierfür habe er kein Geld erhalten. Der 77-Jährige habe ihm gedroht, Firmenchef Hans-Georg Näder über die Praktiken zu informieren. Später habe dann auch ein Sohn des Angeklagten, der eine Firma in Hannover hatte, Scheinrechnungen über jeweils mehrere zehntausend Euro für nicht erbrachte Leistungen ausgestellt.

Der Prozess wird am heutigen Donnerstag, 28. April, fortgesetzt

Von Heidi Niemann