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Duderstadt Bilanz zwischen Skepsis und Optimismus
Die Region Duderstadt Bilanz zwischen Skepsis und Optimismus
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18:16 28.11.2011
Von Ulrich Lottmann
Wegweisend? Breitenberger und Hilkeröder suchen gemeinsame Lösungen für Probleme des demografischen Wandels? Quelle: Blank
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Göttingen/Eichsfeld

„Da bin ich skeptisch“, gesteht Projektleiter Ulrich Harteisen. Der dorfübergreifende Ansatz sei außerordentlich ambitioniert gewesen, „und vielleicht zu theoretisch gedacht“, sinniert der Göttinger Professor der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK). Projektmitarbeiterin Isabel Schauer widerspricht. Sie habe viele Beispiele erlebt, bei denen sie gemerkt habe: „Darauf haben die Leute gewartet.“ Dorf 2020 habe Energien frei gesetzt. „Ich bin der Meinung, dass es sich selbst tragen kann“, sagt sie mit Blick auf das Jahresende. Einige der Akteure seien ausgebildet, Dorf 2020 künftig eigenständig zu organisieren.

Harteisen und Schauer beraten derzeit intensiv über Anforderungen und reale Gegebenheiten, Erwartungen und Erfahrungen. Sie erstellen den Abschlussbericht für Dorf 2020. Das Projekt läuft noch bis zum 31. Dezember.

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Die Ausgangssituation im Sommer 2010: Die HAWK initiiert im Auftrag des Landkreises Göttingen einen Prozess, bei dem Breitenberger und Hilkeröder gemeinsam auf den demografischen Wandel – eine schrumpfende und alternde Bevölkerung, bröckelnde Infrastruktur – reagieren sollten. „Die Idee bei Dorf 2020 war: Für bestimmte Entwicklungen reicht die Zahl der Menschen nicht aus“, deshalb habe man einen dorfübergeifenden Ansatz gewählt, erläutert Harteisen. Die Erwartungen an das Projekt waren unterschiedlich, die Bedingungen schwierig. „Das anstrengendste sind wirklich die Erwartungshaltungen. Wir sollen Heilsbringer sein, unsere Aufgabe ist aber, Prozesse zu begleiten“, bringt es Harteisen auf den Punkt. Dabei gab es zu Beginn deutliche Unterschiede bei den Akteuren. „Die Erwartungen der Politiker waren hoch, ohne das sie es richtig formulieren konnten. Die Bürger hatten ganz konkrete Vorstellungen. Die haben ihre Chance ergriffen“, berichtet der Projektleiter.

Schauer differenziert: Grundsätzlich sei die Beteiligung aus Breitenberg geringer gewesen als die aus Hilkerode. „Das machte es oft schwierig, Projekte parallel umzusetzen.“ Und es sei eine überschaubare Zahl von Akteuren gewesen. „Wir haben immer Multiengagierte getroffen. Wir haben kaum welche erreicht, die sich noch nicht eingebracht hatten“, so Schauer. Überrascht waren die Wissenschaftler davon nicht. Regionalentwicklung brauche Zeit und kontinuierliches Engagement.

Was hat Dorf 2020 konkret gebracht? Es haben sich Arbeitskreise zu verschiedenen Themenschwerpunkten gebildet: Vereine, Mehrgenerationentreff, gemeinsames Lesen, Weihnachtssingen und andere. Eine Reihe von Veranstaltungen und Initiativen ist daraus hervorgegangen: Vorlesenachmittag, Adventssingen, Informationsabende, eine Aktivitätenbörse. „Der gemeinsame Karneval und auch die Vereinsrallye haben sehr zusammengeschweißt“, so Schauer.

Wie geht es weiter? Die AG Vorlesen habe Pläne für den Seniorennachmittag in Hilkerode. Die AG Mehrgenerationentreff plane ein Eintopfessen. „Sehr erfreulich: Die Vereinsrallye soll im kommenden Jahr wieder stattfinden. Und wir hoffen, dass es das Adventssingen wieder gibt“, nennt Schauer weitere Punkte. Auf der Tagesordnung steht zudem die Gründung eines Vereins, der die Arbeit an Dorf 2020 fortführen soll.

Und was ist nun aus dem Projekt zu lernen? „Das Potenzial ist da. Dorfentwickler wie Frau Schauer sind dazu da, diese Schätze zu heben“, sagt Harteisen. Das bedürfe jedoch finanzieller Hilfen. „Freiwilliges Potenzial braucht Unterstützung“, so Harteisen. „Ich plädiere sehr dafür, Aufwandsentschädigungen einzuführen“, nennt Schauer ein Beispiel. Gleichzeitig müsse die Politik dieses Engagement auch zulassen. Das sei oft schwierig, weil es auch um Machtfragen gehe, deutet Harteisen an. Aber es gehe nicht darum, Projekte in Konkurrenz zur Kommunalpolitik durchzusetzen. „Die Aufgabe ist, Politik und freiwilliges Engagement wieder zusammen zu führen“, so Schauer. „Ich glaube, dass das größte Pfund für ein Dorf aktive Bürger sind“, bekräftigt Harteisen. Die gebe es in Breitenberg und Hilkerode, das habe Dorf 2020 gezeigt. „Das war vorher ohne Frage nicht so. Da hat das Projekt etwas gebracht“, räumt Harteisen ein.

Für die Endfassung des Abschlussberichts wird Harteisen noch öfter zum Telefon greifen müssen, denn Schauer hat bereits seit Anfang November eine neue Aufgabe. Sie arbeitet nun für die Landesgesellschaft Sachsen-Anhalt an vergleichbaren Projekten. Die Erfahrung mit Dorf 2020 sei bei der Bewerbung sicher hilfreich gewesen, glaubt Harteisen.