Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt Bodmann: „Ohne Theater geht es einfach nicht“
Die Region Duderstadt Bodmann: „Ohne Theater geht es einfach nicht“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:28 26.11.2010
Ein Jahrhundert Laiendramen auf der Bühne: „Die 1000-Jahr-Feier“, ein Lustspiel in drei Akten für drei Damen und neun Herren, begeistert im Jahr 2008.
Ein Jahrhundert Laiendramen auf der Bühne: „Die 1000-Jahr-Feier“, ein Lustspiel in drei Akten für drei Damen und neun Herren, begeistert im Jahr 2008. Quelle: Walliser
Anzeige

„Morgen ist ’ne Beerdigung“, erklärt der 74-Jährige die Verkleinerung des mit Parkett versehen Saales. Von der Bühne ist das gelöste Lachen der Schauspieler zu hören, die sich der Textprobe widmen. „Michaela ist auch schon da, wie ich höre“, kommentiert Bodmann das Prusten seiner Tochter aus dem Nebenraum.
Der Regisseur lehnt sich indes entspannt an den Tresen und schlägt eine Plastikmappe auf. „Hier drin sind alle Informationen zur Geschichte der Wollbrandshäuser Laientheatergruppe.“ Und da ist einiges zusammen gekommen, denn bereits für das Jahr 1897 können die theaterbegeisterten Dörfler den Kauf eines Bühnenvorhanges belegen.

In diesem Jahr bringt die Gruppe des Männergesangvereins St. Joseph (MGV) „Opas 70. Geburtstag“ auf die Bretter des Hauses am Sportplatz. Es ist ein Lustspiel. „Die kommen einfach am besten an“, weiß der gebürtige Wollbrandshäuser. Früher führte man auch andere Arten von Dramen auf. Schwänke oder Possen, Volksstücke mit oder ohne Gesang, eine Zeit lang auch „vaterländische Volksstücke“, Operetten oder gleich eine „Posse mit Gesang“.
Bodmann fährt mit den Fingern über das Papier einer langen Liste und wundert sich etwas über die Vielfalt vergangener Zeiten. Ab 1923 sind hier die Stücke verzeichnet. Schon immer brachte man das Theater zum zweiten Weihnachtsfeiertag auf die Bühne, das ist eine Konstante bis heute. Das Singen hat man jedoch ganz aufgegeben. „Das lernen die jungen Leute doch heute gar nicht mehr“, meint Bodmann. Allzu enttäuscht wirkt er jedoch nicht.

Seit 1952 ist er beim Theater dabei. Erst als Schauspieler, ab 1965 in Personalunion auch als Regisseur. Das hat er in den letzten Jahren jedoch zurückgefahren. Schon sein Großvater, Lehrer und Dirigent im MGV, und sein Vater schlüpften als Schauspieler in verschiedene Rollen.
Warum er schon so lange dabei ist? „Es ist der Kontakt zu den jungen Leuten.“ Zwischen 17 und 60 Jahren sind seine Schauspieler. Schülerinnen, eine Polizistin, ein Maurer, Erzieher, einer arbeitet in der Gemeindeverwaltung. „In der Gruppe wird nicht nur über Krankheiten geredet, wie das sonst in meinem Alter oft ist“, sagt Bodmann und rollt beim Wort Alter – für ihn charakteristisch – das „Rrrr“.

Bisher gab es keine Schwierigkeiten, Mitspieler zu finden. Und das obwohl der zeitliche Aufwand immens ist und viele Vereine auf dem Land immer mehr zu kämpfen haben mit sinkenden Mitgliederzahlen und fehlendem Engagement. „Das ist Tradition hier und steckt schon bei den Kindern drin.“ Außerdem sei das Miteinander in der Gruppe einfach sehr gut. „Es gibt nur selten Tage, an denen ich ihnen mal in den Hintern treten muss.“
Bodmann ist nicht alleine mit seinem langjährigen Einsatz. Walter Friedrici, 60, macht seit mehr als 30 Jahren mit. Souffleur Heinz Nordmann ist auch schon seit 25 Jahren dabei. Nur einmal, erinnert sich Bodmann, hat der sich als Schauspieler versucht. „Als Souffleur ist er besser.“ Er lächelt. Heute fehlt Nordmann ausnahmsweise. „Der kriegt ’ne Heizung eingebaut.“

Die Stückauswahl trifft er gemeinsam mit Tochter Michaela. Im September beginnen die Proben bei Bodmann im Hinterzimmer. Der Takt der Treffen steigt dann von einmal pro Woche auf zweimal im November. Im Dezember, wenn es auf die Uraufführung zugeht, müssen die zehn Schauspieler dreimal die Woche im Dorfgemeinschaftshaus antreten.
Inzwischen schaut sich der 74-Jährige die Textproben an. Mit verschränkten Armen steht er zwei Meter hinter der Stuhlreihe, die vor der Bühne im kalten Saal aufgebaut ist. Auf der warten die Schauspieler auf ihren Auftritt und begutachten dabei die Auftritte der anderen. Es herrscht lautes Gerede, der eine oder andere nippt an einer Flasche Bier. Der Aufmerksamkeit scheint das keinen Abbruch zu tun. Bodmann schaut nicht unzufrieden zu, wie sich ein junges Paar, die Textbücher in Händen, in einem inszenierten Gespräch inmitten des unfertigen Bühnenbildes verliert. „Wenn du Arbeit siehst, bist du immer gleich müde“, meint die Frau. „Der Feinschliff kommt später“, kommentiert der Regisseur. Die Auf- und Abgänge von der Bühne beispielsweise. Die müssen passen, „sonst kommen die Zuschauer nicht hinterher“. In der Raucherpause wird viel gelacht. „Wir sind ja hier nicht bei der Arbeit“, sagt einer der Schauspieler.

Um die 250 Zuschauer habe man bei den drei Aufführungen. „Viele auch von außerhalb.“ Wahrscheinlich sind selten mehr Gäste in dem katholischen Dorf, außerhalb der Wallfahrtssaison, in der auch mehrfach an der nahen Vierzehnheiligen-Kapelle Station gemacht wird. Früher gab es im Dorf sogar drei Gruppen, die Stücke aufführten. Beim Versuch, sie zusammen zu bekommen, gerät sogar Bodmann ins Grübeln. „Also der MGV natürlich, dann der Geselligkeitsverein und die Kolpingsfamilie.“
Bis in die 1950er-Jahre zog man auch noch mit einem Wagen über die benachbarten Dörfer. „Die Maurer haben zu der Jahreszeit gestempelt und schauten alle zu.“ Es gab immer etwas zu trinken, „das lief so nebenbei.“ Bis in die 1990er-Jahre veranstaltete der MGV nach den Stücken auch noch ein „Tanzvergnügen“. „Es war fast wie Fastnacht. Das ging durch bis in den nächsten Morgen“, meint er ein wenig wehmütig.

Nur zweimal wurde der feiertägliche Spielbetrieb ausgesetzt: in den 1920er-Jahren und während des Zweiten Weltkriegs. 1949 stiegen die Wollbrandshäuser dann wieder ein. „Im weißen Rössl am Wolfgangsee“ feierte damals eine erneute Premiere. Bereits 1923 hatte man das Stück nämlich inszeniert. Kein Einzelfall, meint Bodmann und weist auf die Liste. Immer wieder spielte man Lustspiele im Abstand von 20 oder mehr Jahren. Bis heute lagern die Textbücher fein säuberlich gestapelt auf dem Dachboden des MGV. In der restlichen Zeit ist so gut wie nie ein Stück ausgefallen. Nur einmal bekam der Hauptdarsteller Gelbsucht. Das ließ sich nicht kompensieren.
Auch in anderen Dörfern existierten Laientheatergruppen, mancherorts versuchte man auch, diese Tradition neu zu beleben. Dazu habe man „Lehrlinge“ nach Wollbrandshausen geschickt. Doch nirgends haben sich die Lustspiele so hartnäckig gehalten wie in dem Ort am Fuße des Höherberg.

Seit seinem Schlaganfall am letzten Jahreswechsel ist für Manfred Bodmann ein absehbares Ende seiner Theaterzeit nötig. Vielleicht könnte die Tochter seine Regietätigkeit übernehmen, spekuliert er. Obwohl sie eine Frau ist. Ganz unproblematisch wäre es für den Männergesangverein wohl nicht. Aber so richtig kann sich der Regisseur noch nicht mit dem Gedanken anfreunden, die Bühne aufzugeben. „Da geht es mir wie ihm: Ohne Theater geht es einfach nicht“, hatte Bodmann am Tresen stehend über einen Mitspieler gesagt. Er dreht sich um und wendet sich wieder seinen Schauspielern auf der Bühne zu.

Von Erik Westermann