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Duderstadt Brochthausen: Mit Brodhun schließt das einzige verbliebene Geschäft
Die Region Duderstadt Brochthausen: Mit Brodhun schließt das einzige verbliebene Geschäft
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19:31 24.06.2013
Von Kuno Mahnkopf
Stammkundinnen: Ingrid Muth (links) und Gerda Maiwald können nur noch wenige Tage bei Renate Brodhun einkaufen.
Stammkundinnen: Ingrid Muth (links) und Gerda Maiwald können nur noch wenige Tage bei Renate Brodhun einkaufen. Quelle: Thiele
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Brochthausen

„Du musst schön auf dem Bürgersteig gehen“, heißt es einige Jahre später, als Victor bereits alleine Brötchen holt – und einen Lolly geschenkt bekommt. In ihrer Bäckerei mit Lebensmittelgeschäft haben Renate (61) und Albert Brodhun (67) schon viele Kinder kommen und gehen sehen. In den vergangenen Jahren sind es immer weniger geworden.

Ahoi-Brause und Ü-Eier wurden zu Ladenhütern

Im abgelegenen Duderstädter Bergdorf Brochthausen mangelt es an Baumöglichkeiten und Infrastruktur, Neubürgern und Nachwuchs. Victor ist mit seiner Familie schon vor Jahren fortgezogen. In diesem Jahr gab es nur noch ein Kommunionkind in Brochthausen. Geblieben sind die Alten. Und die verlieren jetzt mit dem Tante-Emma-Laden einen ihrer letzten Anlaufpunkte: Brodhun schließt Ende Juni.

Seit 40 Jahren hinterm Tresen

Das Geschäft ist eine Institution im Ort. Seit 40 Jahren steht Renate hinter dem Verkaufstresen mit grün gefliester Ablage in dem kleinen Ladenraum an der Ortsdurchfahrt. In einem Rollregal lagern Obst und Gemüse, im Kühlregal stapeln sich Wurst, Käse, Sahne und Joghurt, im Zeitschriftenständer leisten Fernsehzeitschriften Illustrierten mit Frauen- und Adelsthemen Gesellschaft. Von Reinigungsmitteln, Müllsäcken und Klopapier bis zu Schulheften, Batterien und Kaminanzündern oder haltbaren Lebensmitteln wie Konserven und Tütensuppen findet man in dem General Store alles, was man so zum täglichen Leben braucht.

Der Ausverkauf läuft

Doch langsam leeren sich die Fächer, auch das frei stehende Regal zum Umrunden in der Ladenmitte. „Einmal ist alles vorbei“, seufzt Renate. Der Ausverkauf läuft, in wenigen Tagen ist Schicht. Letztlich war es ein Tod auf Raten.

Über die Grenzen des Ortes hinaus bekannt

Vor allem für ihr Vollkornbrot und ihren leckeren Schmand- und Erdbeerkuchen war die Bäckerei Brodhun über die Grenzen des Ortes hinaus bekannt. Auch das Wellness-Hotel Romantischer Winkel in Bad Sachsa wurde mit Eichsfelder Blechkuchen aus Brochthausen versorgt, über den Ortsbürgermeister und Landtagsabgeordneten Lothar Koch (CDU) hat Brodhuns Schmandkuchen den Weg in den niedersächsischen Landtag gefunden.

Die eigene Backstube, deren Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen und die er vor vier Jahrzehnten von seinem Großvater übernommen hat, musste Albert allerdings vor fünf Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Seitdem wird er von der Bäckerei Wüstefeld aus Rhumspringe beliefert. Dort arbeitet auch Tochter Melanie (36), die mit ihrer Familie in Brochthausen gebaut hat, die Bäckertradition aber anderswo fortsetzt. Sohn Sebastian (25) studiert in Karlsruhe. Der Generationswechsel war für beide keine Option, die Zukunft des Tante-Emma-Ladens, der immer kleinere Brötchen backen musste, zu ungewiss.

Nach Postbank auch Postagentur verloren

Den gelben Postschalter gibt es noch. Doch dort stehen nur noch Gläser mit Lutschern und Haselnuss-Schnitten, postalische Dienstleistungen sind nicht mehr möglich. Die Post hat sich Schritt für Schritt aus Brochthausen zurückgezogen. Früher haben Brodhuns hier noch Renten ausgezahlt. Doch dann ging erst die Postbank, später wurde auch der Vertrag für die Postagentur nicht verlängert. Als Tchibo nicht mehr lieferte, stieg das Bäcker-Ehepaar auf Meister-Kaffee um. Die Öffnungszeiten wurden in den vergangenen Jahren zurückgefahren: Montags und mittwochs blieb das Geschäft nachmittags geschlossen. Und als sich der Bäckerei-Verkaufswagen verabschiedete, gab es keinen Ersatz mehr: „Ein neuer Bus hätte sich nicht gelohnt.“

Wenn Renate nicht im Laden stand, machte sie sich selbst auf den Weg zu den Kunden. Von 1976 bis 2010 war sie immer wieder mit dem Bäcker-Mobil unterwegs, fuhr zunächst die Nachbardörfer Fuhrbach und Langenhagen an, nach der Grenzöffnung auch die kleineren Orte  Silkerode, Bockelnhagen und Weilrode. Ein bis zweimal pro Jahr veranstalteten Brodhuns für das ganze Dorf ein Hoffest mit Gratiskaffee und großer Resonanz. Bis vor wenigen Jahren hat Albert auch noch Hausschlachtungen gemacht. Die Schweine stammten von seinem Schwiegervater.

Mit der Kundenfrequenz waren Brodhuns anfangs noch zufrieden. Dann kamen nach dem Fernsehen die Computer und die Supermärkte. Das Kaufverhalten änderte sich, immer mehr Kunden blieben aus. Das Geschäft wurde vom Großhandel Hoppe aus Hann. Münden beliefert. „Mit den Supermärkten konnten wir aber nicht mithalten, zuletzt hatten wir bald mehr Ausgaben als Einnahmen.“

Brochthäuser Urgestein

Sowohl Renate als auch Albert sind Brochthäuser Urgestein. Beide kamen in ihrem Heimatort als Hausgeburten zur Welt und sich in jungen Jahren bei Tanzvergnügen auf dem Saal der Gaststätten Moneke und Sonneborn näher. 1969 verlobten sie sich, 1972 legte Albert die Prüfung zum Bäckermeister ab, 1974 wurde geheiratet. Dazwischen lag die Übernahme der Bäckerei – von Anfang an mit einem kleinen Vollsortiment. Den Ladenraum zur Ortsdurchfahrt hin hatte sein Großvater bereits 1968 geschaffen, davor gab es nur Backstubenverkauf.

Die Gaststätte Sonneborn, in der sich Brodhuns kennenlernten, existiert schon lange nicht mehr. Die gleichnamige Schlachterei im Dorf hat vor zwei Jahren geschlossen. Bratwürstchen verkauft Hermann Sonneborn nur noch auf dem Duderstädter Wochenmarkt. In der Nachkriegszeit gab es in Brochthausen neben zwei Schlachtereien noch zwei Bäckereien und vier Lebensmittelgeschäfte. „Jetzt gibt es nichts mehr“, stellt Albert resignierend fest und blickt besorgt in die Zukunft: „In den nächsten Jahrzehnten steht das halbe Dorf leer.“

Steter Verlust an Infrastruktur

Von der einstmals üppigen dörflichen Infrastruktur bleiben ab Juli nur noch Kirche und Gastronomie. Die beiden Landgasthäuser haben ihre Wurzeln in der Zeit, als der Ort direkt an der innerdeutschen Grenze lag und tragen bezeichnende Namen: „Zur Erholung“ und „Zur Endstation“. Idyll und Tristesse liegen dicht beieinander in Brochthausen. Die örtliche Schule, die Renate noch besucht hat, ist ebenso Vergangenheit wie der Kindergarten sowie die Filialen von Volksbank und Sparkasse.

Günstige Miet- und Immobilienpreise und Zuzüge haben die demografische Erosion eine Weile aufgefangen, seit zehn Jahren geht es in dem Bergdorf aber bergab. 1973 hatte Brochthausen 654 Einwohner, 2003 immer noch 651 Einwohner, inzwischen nur noch 579 Einwohner. Daran ändert das im Zuge der Dorferneuerung rot getünchte Mehrzweckgebäude ebensowenig wie der Radweg nach Fuhrbach, der nach jahrzehntelanger Vorgeschichte in diesem Jahr endlich gebaut werden soll. Zu spät für viele Familien, deren Kinder inzwischen fortgezogen sind.

Kaum noch Menschen auf der Straße

„Man sieht kaum noch einen Menschen auf der Straße – oder nur noch im Auto“, beschreibt Renate die Veränderungen im Dorf. In ihrem Geschäft steht die Zeit still, spürt man noch etwas von der alten Dorfgemeinschaft. Dort geht es auch unter den Kunden familiär zu. Man kennt sich, freut sich auf Kommunikation und Begegnung.

„Wetten dass... kann er nicht“, kommentiert ein Kunde, der gerade den Laden betreten hat, die Bild-Schlagzeile über Markus Lanz. Manche älteren Brochthäuser kommen täglich – oder sogar mehrmals täglich, weil ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Das macht Renate am meisten zu schaffen: „Die Menschen im Laden und den Zusammenhalt werde ich vermissen.“ Und Albert ergänzt: „Der Katzenjammer kommt sicher noch, wenn wir geschlossen haben.“