Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt Bunte Aktionen gegen braunes Gedankengut
Die Region Duderstadt Bunte Aktionen gegen braunes Gedankengut
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:30 03.12.2016
Von Nadine Eckermann
Viktor Wesselak, hier bei einer Lesung in Duderstadt. Quelle: Eckermann/Archivbild
Anzeige
Duderstadt

Wenn Sie sich das Gründungstreffen des Bündnisses vor Augen führen: Was waren damals Ihre Ziele und was davon haben Sie erreicht?

Vor einem Jahr sind viele Menschen auf die Straße gegangen, um sichtbar und hörbar den auf den rechten Kundgebungen geäußerten Ressentiments und den auf Ausgrenzung bedachten Thesen zu widersprechen. Daraus haben sich in Duderstadt und zahlreichen weiteren Gemeinden wie in Katlenburg-Lindau oder Adelebsen breite Bündnisse entwickelt, in den sich Menschen austauschen und engagieren. In mittlerweile gut 20 Veranstaltungen und Kundgebungen haben die Duderstädter Gesicht gezeigt und ein klares Bekenntnis für Demokratie und gegen Fremdenfeindlichkeit abgelegt. Damit haben wir einiges erreicht. Der größte Erfolg der Bündnisarbeit war sicher der spontane Entschluss von 250 Bürgern, am 22. Oktober den Platz vor ihrem Rathaus nicht der rechtsextremen Propaganda zu überlassen. Sie sind einfach da geblieben und haben dadurch den Aufmarsch verhindert. Diese Entschlossenheit aber auch die Unterstützung aus dem Umland war ausgesprochen ermutigend.

Anzeige

 

Insbesondere zu Beginn des Auftretens des "Freundeskreises Thüringen / Niedersachsen" stand das Bündnis in der Kritik: Durch die Gegenkundgebungen erführen die Rechten zusätzliche Aufmerksamkeit. Ohne diese wären sie womöglich schon verschwunden aus der Stadt.

Ich kenne diese auch in der Stadtspitze verbreitete Ansicht, halte sie aber für grundlegend falsch: Die öffentlich geäußerten Verschwörungstheorien, die fremdenfeindliche Propaganda und die Hetze gegen ihre Gegner wie das Kreistagsmitglied Meinart Ramaswamy (Piraten) dürfen nicht unwidersprochen bleiben. Sonst entsteht der fatale Eindruck, dass solche Positionen akzeptable Meinungen in einer demokratischen Auseinandersetzung sind.

 

Sehen sie sich denn - als überparteilicher Zusammenschluss - politisch genügend unterstützt?

Wir haben bei unseren Kundgebungen viel Unterstützung durch Bundes- und Landespolitiker erfahren, zahlreiche Lokalpolitiker unterstützen das Bündnis auch tatkräftig. Besonders hervorheben möchte ich die Landtagsvizepräsidentin Gabriele Andretta, Landrat Bernhard Reuter (beide SPD) und den Landtagsabgeordneten Lothar Koch (CDU). Die Unterstützung seitens der Stadtspitze ist jedoch zwiespältig. Das Bekenntnis, gegen jede Form von Links- und Rechtsextremismus zu sein, ist hier nicht ausreichend. Im Gegenteil: Indem der reale Rechtsextremismus mit einem in Duderstadt nicht vorhandenem Linksextremismus in Bezug gesetzt wird, wird seine Gefahr relativiert. Auch wird der Tatsache von rechtsextremen Aufmärschen in Duderstadt seitens der Stadt nur mit einer verwaltungstechnischen Haltung begegnet, wo doch eine politische gefragt wäre.

 

Sie sagen, es gebe keinen Linksextremismus in Duderstadt. Gerade die "Krach-Demos", bei denen Trillerpfeifen und Rasseln in großen Mengen zum Einsatz kamen, sind aber als aggressiv wirkend kritisiert worden. Zudem gab es Übergriffe im Zusammenhang mit Demos gegen den "Freundeskreis Thüringen / Niedersachsen", die dem linken Spektrum zuordnet werden. Wie geht das Bündnis damit um?

Unser Bündnis diskutiert seine Aktionen intensiv. Das hat dann auch schnell dazu geführt, keine "Krach-Demos" mehr zu veranstalten, sondern die inhaltliche Auseinandersetzung mit den rechtsextremen Thesen zu suchen. Das Duderstädter Bündnis lehnt Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung ab. Wir sind ein breites Bündnis, in dem sehr unterschiedliche  Motivationen für das Engagement vorliegen. Es ist unsere Stärke, dass nicht gegenseitige Abgrenzung sondern das offene Gespräch beispielsweise zwischen Christen, Gewerkschaftern und Antifa unsere Arbeit bestimmt.

 

Spürbar war in den vergangenen Monaten schon, dass dem ersten Aktionismus dann vorbereitete, thematisch durchdachte Kundgebungen folgten und sich der Anteil an Kreativität erhöhte. Wie hat sich das Bündnis dahingehend entwickelt, dass solch langfristige Aktionen wie "Gesicht zeigen" möglich wurden?

Wir haben sehr bald gemerkt, dass die Reaktion auf rechtsextreme Veranstaltungen nicht unser Hauptanliegen ist. Vielmehr möchten wir an einer Positionsbestimmung unserer Gesellschaft gegen Populismus und Ausgrenzung, für Demokratie und Toleranz mitarbeiten. Die bis zur vergangenen Woche im Rathaus zu sehende Ausstellung „Gesicht zeigen“ war dafür ein toller Beitrag. 

 

Welche Schritte werden die nächsten sein?

Wir planen zunächst für Sonntag, den 18. Dezember eine große Abschlusskundgebung für dieses Jahr mit Musik und Redebeiträgen. Im kommenden Jahr wollen wir insbesondere unsere Bündnisstrukturen verbreitern und im kulturellen Bereich mehr Akzente setzen. Alle Menschen, die daran mitarbeiten wollen, sind uns herzlich willkommen.

 

Viktor Wesselak gehört zu den Gründungsmitgliedern des Bündnisses gegen Rechts. Er ist Sprecher bei "Duderstadt bleibt bunt" und hat die Kundgebungen mit vorbereitet. Außerdem trat der Dozent an der Hochschule Nordhausen bereits selbst als Redner auf.