Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt „Kinder werden ihrer Kindheit beraubt“
Die Region Duderstadt „Kinder werden ihrer Kindheit beraubt“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
20:42 10.02.2020
Die Suchtexperten der Caritas Friederike Smilge (Mitte) und Ulrich Schmalstieg – hier mit Sabine K., die als Kind Erfahrungen mit der Alkoholsucht ihres Vaters gemacht hat. Quelle: Eichner-Ramm
Anzeige
Duderstadt

Sabine K. ist mit ihren fünf Geschwistern im Eichsfeld aufgewachsen. Ihr Vater: Alkoholiker. „Er hat sich sehr wenig um uns gekümmert“, erinnert sich die heute 61-Jährige, sei sehr schnell wütend und aggressiv geworden. Nicht gegen die Kinder oder die Mutter, erzählt Sabine. Aber es seien viele Gegenstände in die Brüche gegangen. Die Mutter habe die Scherben beseitigt. Und bis auf eine Schwester Sabines schwiegen die Geschwister, um den betrunkenen Vater nicht zu provozieren. Auch auf Anraten der Mutter. „Wir haben den Mund gehalten, um nicht das Risiko einzugehen, seinen Ärger abzukriegen“, berichtet Sabine.

„Hohe Dunkelziffer“

Heute weiß Sabine K. um die Situation, in der sie sich damals befand. Eine Situation, in der auch heute noch zu viele Kinder leben. Allein in die Suchtberatung der Caritas Duderstadt kämen etwa 200 bis 250 Suchtkranke oder deren Angehörige, sagen die Suchtberater Friederike Smilge und Ulrich Schmalstieg. Deutlich höher sei vermutlich die Dunkelziffer, so Schmalstieg. Der Jahresbericht 2018 der Caritas Südniedersachsen geht davon aus, dass es im Einzugsgebiet der Fachstelle für Sucht- und Suchtprävention der Caritas in Duderstadt mit rund 50.300 Einwohnern etwa 980 Einwohner mit einem „riskanten Alkoholkonsum“ gebe und 1100 von einer Alkoholabhängigkeit betroffen seien.

Suchtberatung des Caritasverbands Südniedersachsen

Sabine K. ist heute 61 Jahre alt. Die Eichsfelderin wuchs mit fünf Geschwistern in einem Elternhaus auf, in dem der Vater Alkoholiker war. Später gründete sie ihre eigene Familie, Kinder bekommen. Weil ihr Vater nicht so für die Kinder präsent war, spricht Sabine K. wie viele andere Betroffene von „geraubter Kindheit“. Sie habe starke Depressionen gehabt und sei in Therapie gewesen. In die Suchtberatung der Caritas in Duderstadt kam sie als Angehörige eines Alkoholikers. Nicht nur ihr Vater, auch ihr Mann ist Alkoholiker.

Die Suchtberatung des Caritasverbands Südniedersachsen in Duderstadt ist ein Angebot für Konsumenten, Partner, Angehörige, Freunde oder Kollegen. Ansprechpartner sind Ulrich Schmalstieg und Friederike Smilge. Sie sind zu den Bürozeiten erreichbar im Caritas-Centrum Duderstadt, Schützenring 1, montags bis donnerstags von 8 bis 16.30 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr. Beratungstermine können auch telefonisch unter 05527/9813-60 oder per E-Mail an suchtberatung@caritas-suedniedersachsen.de vereinbart werden. Auch eine Online-Beratung wird angeboten: www.beratungcaritas.de.

Suchtkrankheit eines oder gar beider Elternteile wirke sich auf die Kinder auf verschiedene Weise aus. Darüber haben Smilge und Schmalstieg zum Auftakt der Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien informiert. „Kinder werden ihrer Kindheit beraubt“, erklärt Smilge, sie hätten mit inkonsequentem oder unberechenbarem Verhalten zu tun. Auf der einen Seite mit Misshandlung oder Vernachlässigung, auf der anderen Seite würden sie aufgrund des schlechten Gewissens der Eltern verwöhnt. Kinder alkoholkranker Eltern übernähmen Verantwortung, die ihre Kräfte weit übersteige. Sie übernähmen von den Eltern ein großes Maß an Geheimhaltung, wo es doch besser wäre, offen darüber zu sprechen. Ihrer Umwelt gegenüber, etwa in der Schule, benähmen sich die betroffenen Kinder häufig unauffällig, sie schämten sich für die Eltern, isolierten sich und würden zu Außenseitern, schildern die Suchtberater typische Beispiele.

Lesen Sie auch:

  • Gefahr durch Alkohol unterschätzt –auch in Duderstadt
Symbolfoto Quelle: dpa

Mögliche Folgen für die betroffenen Kinder: Sie zählen zur Hochrisikogruppe, eigenes Suchtverhalten zu entwickeln, und auch das Risiko von Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen gebe es, so die Diplomsozialpädagogin Smilge. Ihr Kollege Schmalstieg ergänzt, dass häufig das nicht betroffene Elternteil das Kind oder den Jugendlichen als Partner sehe und mit ihm zum Beispiel wichtige Entscheidungen bespreche. „Damit sind die Jugendlichen völlig überfordert“, sagt der Diplomsozialarbeiter. In der Folge von Alkoholbiografien im Elternhaus setze sich das Übernehmen von Verantwortung für andere, ohne an sich selbst zu denken, häufig in der späteren Berufswahl fort. Viele wählten Berufe wie Arzt, Krankenpfleger, Erzieher oder Sozialarbeiter, so Schmalstieg.

Vieles von dem, was die Duder­städter Caritas-Mitarbeiter schildern, spiegelt sich auch in den Erfahrungen von Sabine K. wieder. „Mir ist erst spät bewusst geworden, in welcher Situation wir uns befanden“, sagt die 61-Jährige. Die Mutter habe nie schlecht über den alkoholsüchtigen Vater gesprochen. „Hoffentlich merkt niemand, dass mein Vater Alkoholiker ist“, formuliert sie rückblickend ihre Gedanken im Umgang nach außen.

„Sensibilisieren und informieren“

„Wir wollen sensibilisieren und informieren“, betonen die Caritas-Suchtberater, denn „Kinder und Jugendliche sollten Kinder und Jugendliche bleiben können.“ Ziel der bundesweiten Aktionswoche sei daher: Erwachsene im Umfeld des Alkoholkranken – ob Lebenspartner, Nachbar oder Arbeitskollege zu animieren, das suchtkranke Elternteil zu einer Beratung und Behandlung zu drängen oder sich beispielsweise an Suchtberatungsstellen oder das Jugendamt zu wenden. „Bei einer Abhängigkeitserkrankung braucht der Betroffene oft massiven Druck“, so Smilge.

Clips zur bundesweiten Kampagne

Sie erreichen die Autorin per E-Mail an b.eichner-ramm@eichsfelder-tageblatt.de oder unter Telefon 05527/9499712.

Von Britta Eichner-Ramm

Die EEW hat einen Antrag auf die Einrichtung eines Wasserschutzgebietes für die Brunnen in Obernfeld gestellt. Das hat besonders in Breitenberg für Unmut gesorgt, da der Ort dann größtenteils in der Schutzzone liegt. Jetzt fordert der Landkreis Göttingen ein aktuelles Gutachten.

10.02.2020

Der Schützenverein „Diana“ Langenhagen hat auf seiner Jahreshauptversammlung über den Neubau des Vereinsgebäudes informiert. Mitglieder wurden geehrt und die Planung für 2020 festgezurrt.

10.02.2020

Wenig zeitgemäß sind die Duschen, und die Heizungsanlage im Sporthaus Westerode ist energetisch nicht optimal. Der FC Westerode will daher in die Immobilie investieren und hofft auf Zuschüsse.

10.02.2020