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Duderstadt Das runde Leder und die gestiegene Aggressivität
Die Region Duderstadt Das runde Leder und die gestiegene Aggressivität
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18:47 22.07.2011
Vermummt und böllernd: Rostocker Fans am Dresdner Bahnhof im Oktober 2010.
Vermummt und böllernd: Rostocker Fans am Dresdner Bahnhof im Oktober 2010. Quelle: Bundespolizei
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An das Elbflorenz haben die Bundespolizisten aus Duderstadt keine gute Erinnerung. Dresden gegen Rostock, Oktober 2010, ein Ost-Derby zweier Fangruppierungen, die seit DDR-Zeiten bis aufs Blut verfeindet sind. Als der Zug aus der Ostseestadt einlief, spielten sich Szenen ab, wie sie auch die Polizisten, die an fast jedem Wochenende irgendwo in der Republik im Einsatz sind, nicht ständig erleben. Die Masse drängte aus den Wagen und begann mit ihren Sprechchören: Rhythmisches Klatschen, Brüllen, „Sieg“. Doch ein Teil der Rostocker Anhänger vermummte sich und bewarf die Beamten sofort mit Feuerwerkskörpern. „Polenböller“, sagt Hundertschaftsführer Jörg Pöpel, der wie seine Kollegen Zugführer Ralf Seifert und Gruppenführer Olaf Tietz mit dabei war, „deren Sprengkraft einem Menschen die Hand abreißen kann.“ Und das, obwohl schon vor Fahrtantritt kontrolliert wurde. Doch die Hooligans nutzen mitreisende Frauen und deren Unterwäsche als Versteck für die Wurfgeschosse. Zwei Duderstädter Polizisten wurden verletzt, Knalltrauma. Beim Rückspiel stürmten Dresdner Fans einen kompletten Block im Stadion, nach dem Spiel flogen Steine. Ausschreitungen gehören – nicht nur hier – fast zum Alltag.

Pöpel, Seifert und Tietz werden auch am Sonntag wieder am Bahnhof sein, ihrem ureigensten Einsatzbereich, neben dem Zug. Das Spiel ist ausverkauft, 29 000 Fans, davon an die 2000 aus Rostock. Und dann haben auch noch beide Vereine ihre ersten Spiele verloren, sagt Hundertschaftsführer Pöpel. Das heize die Stimmung zusätzlich an. „Ein richtungsweisendes Spiel für die Saison“ nennt er es. Weniger in sportlicher Hinsicht: Denn die Sorge geht um, dass die Zweite Liga zur „Randale-Liga“ verkommt. Etwas übertrieben findet Seifert das zwar. Gruppenführer Tietz hingegen denkt schon, dass „die Situation etwas ungünstig ist“ und sich durch die sportlichen Entwicklungen eine heikle Konzentration an Problemfans ergeben hat.

85 000 Stunden, rund 30 Prozent der Einsatzzeit der Duderstädter Bundespolizisten im Jahr 2010, waren fußballbezogen. Das umfasste 37 Spiele aus der ersten Bundesliga sowie 40 Spiele aus den Ligen zwei und drei. Zehn Verletzte gab es dabei – zwei in Dresden. Was hat sich verändert? Seifert: „Nicht die Zahl der Gewaltbereiten ist gestiegen. Sondern die Aggressivität. Denen ist es auch egal, ob Unbeteiligte dazwischen stehen. Und der Respekt vor der Polizei ist extrem gesunken.“

Ein großes Problem sei der Alkohol, meint Olaf Diederich, Sprecher der Bundespolizei. „Es ist erschreckend zu sehen, wie sich Menschen in den Stunden während der Zugfahrt zum Spiel verändern. Das sind regelrechte Exzesse. Die Deutsche Bahn überlegt noch, ob sie ein generelles Alkoholverbot einführen will.“ Das würde Diederich für eine gute Sache halten.

Trotzdem beschwert sich keiner der Beamten: „Wir haben an jedem Wochenende mit anderen Risikogruppen zu tun“, versucht Pöpel zu erklären. Ob das rechte und linke Demonstranten sind, die sich gegenüberstehen oder alkoholisierte Fußballfans, mache keinen Unterschied. „Das ist unser Job“ ist die einhellige Aussage.

Ob sich die Fußballvereine an den immensen, steigenden Kosten – man spricht von 100 Millionen Euro bundesweit – beteiligen sollten, da halten sich die Polizisten bedeckt. „Das ist Sache der Politik.“

Sie hätten allen Grund, Fußballfans äußerst kritisch zu sehen. Und doch betonen alle Bundespolizisten: Die „Problemfans“ seien nur eine kleine Minderheit unter den Fußballanhängern – rund 12 000 sollen es bundesweit sein.

In Erinnerung blieben den Beamten vielmehr die guten Dinge, die netten Gespräche während stundenlanger Fan-Begleitungen in vollgestopften Zügen oder die Fangesänge, die „Gänsehaut machen“, wie der gebürtige Jenaer Seifert sagt. Trotzdem hat er sich etwas distanziert von „seinem“ Carl Zeiss Jena. Wegen der Entfernung zur Heimat, „aber auch wegen dem, was man so erlebt in diesem Beruf.“

Von Erik Westermann