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Duderstadt Der Sonderling – gelobt, vergriffen, vergessen
Die Region Duderstadt Der Sonderling – gelobt, vergriffen, vergessen
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11:48 22.11.2011
In seinem Haus in Italien: der Schriftsteller Hans Jürgen Fröhlich im Jahr 1985. Quelle: Andreas Fröhlich
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Bei Besuchen des Schriftstellers war Aufmerksamkeit garantiert. Mit langem Mantel und Schlapphut zog er durch das ruhige Dorf mit seinen 400 Einwohnern. Bibliothekarin Rosel Anker, damals Mitte 20, hat das Bild lebhaft vor Augen, obwohl es inzwischen 40 Jahre zurück liegt. Fröhlich fiel auf in dem landwirtschaftlich geprägten Ort: ein Paradiesvogel mit rötlichem 70er-Jahre-Schnurrbart und einer Frau in extravaganten Kleidern, hier, wo Kittelschürzen üblich waren.

Anker steht hinter einem mit hellem Holz verkleideten Tresen und beschwört die Bilder der Vergangenheit. Es ist Dienstag, einziger Öffnungstag der Pfarrbücherei im Bürgerhaus Werxhausens. Für zwei Stunden können sich die Bewohner hier mit Lesestoff versorgen. Neben dem Teppich ist PVC-Boden zu sehen, die hellen Holzregale sind gefüllt mit Spielen, CDs, Kinderliteratur und Belletristik. Der Ansturm ist groß: Erwachsene wie Kinder warten auf ihre Bücher. Mit fragenden Gesichtern lauschen sie Ankers Geschichten über den Autor, von dem der bekannte Verleger Michael Krüger schrieb: „Er hätte ein deutscher Proust der Nachkriegsliteratur werden können.“

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Hans Jürgen Fröhlich, 1932 geboren, kam in den frühen 1940er-Jahren mit seiner Familie ins ruhige Werxhausen – in seinem Geburtsort Hannover war es aufgrund des Krieges zu unsicher geworden. Der begabte Junge besuchte die örtliche einklassige Volksschule, ging später auf das Eichsfeld-Gymnasium in Duderstadt, verließ es jedoch 1952 ohne Abschluss und verließ das Dorf. Sein Bruder Wolf-Dieter, der vor fünf Jahren starb, übernahm die Weinhandlung, die heute seit 87 Jahren besteht, vom Vater. „Ich war ausgezogen in die Welt, meine Familie war geblieben“, konstatierte der Autor später.

Zunächst studierte Fröhlich Komposition, war Buchhändler und Lektor, ging nach Hamburg, wurde Schriftsteller, lebte in Italien und München. Bald kam er beim Carl-Hanser-Verlag unter. Die Kritik lobte seine zunächst experimentellen, später psychologisch gefärbten Romane. Schriftstellerkollege Martin Walser sah gar einen Nachfolger Kafkas in ihm. Doch der kommerzielle Erfolg blieb aus. Der Autor wurde zum Kritiker, geschätzt für seine Belesenheit und das kundige Urteil – schließlich braucht auch der Künstler Brot. An die tausend Rezensionen für Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine verfasste er, dazu essayistische Arbeiten, Hörspiele und Übersetzungen. Romane schrieb Fröhlich weiter. Doch literarischen Moden wollte er sich nicht unterwerfen, Selbstdarstellung lehnte er ab. Unter dem fehlenden Erfolg habe er mehr gelitten „als die meisten ahnten“, schrieb sein enger Freund Eckhart Klessmann später.

Weggefährten beschreiben ihn als charismatischen, feinsinnigen, humorvollen Menschen, „als jemand aus besonderem Holz“, wie Fröhlichs Freund und ehemaliger Lektor Michael Krüger, seit Jahren Leiter des Münchener Hanser Verlags, sagt. Ein hervorragender Erzähler sei er gewesen, der seine Umgebung mit lebhaften Schnurren unterhielt. Wie ein Privatgelehrter ohne Lehrauftrag habe er gelebt: schreiben, Musik hören, musizieren bis in den späten Abend. „Er war immer ein wenig nicht von dieser Welt.“ Häufig plagten den Italienliebhaber Migräneanfälle, die Sonne mied er deshalb.

In der Pfarrbücherei herrscht weiter Hochbetrieb. Spiele oder Kinderbücher werden über den Tresen geschoben. Wer sucht, findet nur ein Buch Fröhlichs in den Regalen: „Anhand meines Bruders“. Die schmale weiße Taschenbuchausgabe des literarischen Doppelporträts, in dem Fröhlich sich und seinen um drei Jahre jüngeren Bruder Wolf-Dieter kontrastiert, steht zwischen Ken Follett und Amelie Fried, Susanne Fröhlich und Noah Gordon. Als es 1974 erschien, „haben es fast alle im Ort gelesen“, sagt Bibliothekarin Anker. Schließlich ist das Dorfleben im Buch zu erkennen – und mit ihm einige Personen. Das verstärkte die Abneigungen gegen den Sonderling, der in den Augen vieler ohnehin keinen „richtigen“ Beruf ausübte.
Aus Italien, Hamburg, München kam der Erzähler immer wieder auf Stippvisite in den Ort seiner Jugend, in dem er täglich Klavier gespielt und als Messdiener am Kirchenleben teilgenommen hatte. Als er auf einem seiner Besuche 1977 in die damals frisch renovierte Kirche St. Urban trat und in die Tasten der ihm vertrauten Orgel griff, erkannte der Küster ihn nicht und wollte ihn vertreiben. Eine Episode, die er in einem Bericht in der Wochenzeitung Die Zeit schildert. Auf sechs Seiten berichtete er für das Magazin über den Ort. Der Titel der Reihe: „Fremde Heimat“. Ein melancholischer, nie beißender Blick, eine Segmentanalyse des engen Dorflebens. „Der Ort meiner Erinnerung und der Ort in der Wirklichkeit: Sie gehen nicht mehr zusammen. Nur manchmal, in Träumen, bin ich wieder in jenem Werxhausen, wo ich einen großen Teil meiner Kindheit und fast meine ganze Jugend verbracht habe, ich bin wieder in dem Hause meiner Tanten, das abgerissen worden ist, in der Wohnküche der Nachbarsleute, die nicht mehr leben, in dem schattigen Obstgarten, dessen Bäume gerodet sind. Nur in Träumen manchmal wird die Erinnerung wieder Wirklichkeit, wird noch einmal wahr, was nicht mehr ist, vielleicht nie so gewesen ist.“

„Das Problem bestand damals schon darin, dass der Artikel in einer ‚SPD-Zeitung‘ erschien“, schildert sein Neffe Andreas Fröhlich, der heute die Wein- und Spirituosenhandlung der Familie im Dorf weiterführt. Keine politische Ausrichtung, die im Eichsfeld der Zeit populär gewesen wäre.

Der 53-Jährige und seine Mutter Martha sitzen im repräsentativen Probierzimmer der Großhandlung, dunkles Holz, in der Ecke ein Weinfass. An der Wand steht ein großer Sekretär, in dem die Mutter des Schriftstellers Unterlagen aufbewahrte. Bergeweise Zeitungsausschnitte mit Roman-Besprechungen, Vorabdrucke, Berichte über Preisverleihungen und sein plötzliches Ableben. Dann eine ganze Reihe Nachrufe: Spiegel, Faz, Zeit. „Sie war sehr stolz auf ihn. Nichts durfte weggeschmissen werden“, schildert Kaufmann Andreas Fröhlich. Es ist der Raum, in dem ein Teil von „Anhand meines Bruders“ entstand. „Dort befand sich der Tisch“, zeigt er, „mit der Schreibmaschine und den Pfeifen darauf.“ Für den Neffen war der Schriftsteller ein Tor zur Welt. Als junger Mann besuchte er den Onkel in der Toskana, ließ sich von ihm durch Rom führen. „Er hatte ein unglaubliches Gedächtnis, zog Parallelen zu allem möglichen.“
Dass ihm die Familie als Steinbruch für seine Texte diente, habe nie jemand wirklich übel genommen, sagt Martha Fröhlich, Frau von Hans Jürgens verstorbenem Bruder. „Selbst Onkel Karl nicht“, wirft ihr Sohn ein. Der habe immer neben die Toiletten gepinkelt – und sich mit dieser Eigenart bald als Figur in einem Roman erkannt. Kurz war er indigniert – „doch letztlich waren alle stolz. Durch die Brille der Literatur betrachtet wurde das eigene Leben zum Stoff.“ „Auch wenn die Bücher eher schwer sind“, ergänzt Martha.

Ganz herbei fabuliert war Fröhlichs labile Gesundheit, wie es manche vermuteten, nicht. Im November 1986 erlitt er einen Herzinfarkt, während eines Aufenthalts im niedersächsischen Künstlerdorf Schreyahn. Sein Zustand besserte sich zunächst, doch am 22. November 1986 starb er im Dannenberger Krankenhaus. Er hinterließ drei Kinder. Seine Tochter Anna Katharina ist selbst Schriftstellerin und lebt am Gardasee.
„Seine Zeit, davon war er fest überzeugt, würde noch kommen“, schrieb sein Verleger Krüger später. Heute sind Fröhlichs Bücher nur mehr antiquarisch erhältlich. Die tiefenscharfe Schubert-Biografie genauso wie „Im Garten der Gefühle“ der kleine Romanerfolg des viel Gelobten.

In der Pfarrbücherei erinnert sich nur Anker an ihn. „Nein, Hans Jürgen Fröhlich, nie gehört“. Die Männer und Frauen schütteln den Kopf, die Kinder halten inne. „Zu jung oder zugezogen“, erklärt Anker. „Es ist ja schon sehr lange her.“

Von Erik Westermann