Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt "Die DDR und die Westmedien"
Die Region Duderstadt "Die DDR und die Westmedien"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 27.02.2017
Franziska Kuschel und Franz-Josef Schlichting von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen Quelle: Mühlhaus
Anzeige
Teistungen

Die Historikerin vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam stellte ihr gleichnamiges Buch vor. Unter anderem berichtet sie darin von einem Bürgermeister, der 1961, kurz vor dem Mauerbau, mit Freunden Westfernsehen schaute.

Eine folgenschwere Entscheidung für den Mann aus einem Ort im Kreis Eisenach: Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR leitete ein Ermittlungsverfahren ein. Der Vorwurf: Er habe Menschen gegen die DDR beeinflusst und seine staatliche Funktion als Bürgermeister missbraucht.

Anzeige

Wie Kuschel sagte, habe den Fall die Erfurter Bezirksstaatsanwaltschaft übernommen und den Mann verurteilt. So sei es vielen gegangen. Die sogenannten "geistigen Grenzgängern" seien vor allem in den 1950er- und 60er-Jahren von den Staatsorganen der DDR kriminalisiert worden.

DDR wollte den Konsum westlicher Medien zumindest stark eindämmen.

Dem ostdeutschen Staat mir seiner politischen Führung sei es nicht gelungen, sich vollkommen abzuschotten von den Einflüssen aus der Bundesrepublik, so Kuschel. Allerdings habe man schon Anfang der 50er-Jahre versucht, unter anderem bei "Rias", dem Feindsender Nummer Eins, Störsender zu installieren.

War es für DDR-Bürger in den 50er-Jahren noch äußerst schwierig einen Fernseher zu erwerben, habe Mitte der 60er jeder zweite Haushalt im Osten ein TV-Gerät besessen, so die Historikerin weiter. Um in den grenznahen Gebieten Westfernsehen zu empfangen, habe man allerding erfinderisch sein müssen.

So bastelten sich viele "Schwarzseher" eigene Antennen und Konverter. In den 70er-Jahren habe der Verfolgungsdruck seitens des SED-Staates leicht abgenommen. "Hoffnung auf Liberalisierung kam mit dem Wechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker", berichtete die Historikerin.

Ende 1988 sei sogar das Importverbot für Satellitenschüsseln in die DDR aufgehoben worden. Kuschel resümierte, dass es dem SED-Staat trotz vielfältiger Maßnahmen nie gänzlich gelungen sei, seine Bürger von den Westmedien abzuschotten.

Von Gregor Mühhaus