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Duderstadt „Die Glaubwürdigkeit der Kirche ist beschädigt“
Die Region Duderstadt „Die Glaubwürdigkeit der Kirche ist beschädigt“
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23:18 11.04.2010
„Wir sind eine Kirche aus Menschen, und Menschen machen Fehler“: Propst Wolfgang Damm sieht Verantwortung beim Einzelnen. Quelle: OT
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Propst Damm, steckt die Kirche in einer Krise?
Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein gesellschaftliches Problem, nicht nur eines der Kirche. Bei der Kirche ist es jedoch besonders ärgerlich, weil wir mit dem Anspruch auftreten, Vorbild zu sein. ,Ihr seid das Licht der Welt‘, heißt es in der Bibel. Allerdings sind wir eine Kirche aus Menschen, und Menschen machen Fehler. Das geht mit Petrus los, er hat den Herrn drei Mal verleugnet und es hinterher bitter bereut. Klar ist, die Verantwortung für Fehlverhalten liegt beim Einzelnen. Der Priester, der ein Leben nach dem Evangelium versprochen hat, muss sein Fehlverhalten vor Gott rechtfertigen. Der Kirche als Institution wird vorgeworfen, diese Dinge bisher unter der Decke gehalten zu haben. Dazu muss man sagen: Es sind auch früher Fälle an die Staatsanwaltschaft abgegeben worden, jedoch ohne das an die große Glocke zu hängen. Das haben auch andere nicht getan, nehmen sie nur die Odenwaldschule. Jede Institution sorgt sich um ihr Image. Die Jesuiten in Berlin, wo die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs erstmals aufgekommen sind, haben dann gesagt: Das ist die falsche Politik, wir gehen offen damit um – das rechne ich ihnen hoch an. Sie haben den Hildesheimer Bischof umgehend über einen ihrer auffällig gewordenen Pater informiert, der später unter anderem in Göttingen eingesetzt war. Der Bischof hat sich dann entschlossen, genauso offen mit dem Thema umzugehen – wissend, was kommen würde. Das nun so viele Dinge aus der Vergangenheit bekannt werden, ist für die Verantwortlichen allerdings erstaunlich.

Als Grund für die Diskretion der Kirche wird genannt, dass sie ihr eigenes, das kanonische Recht, über das Recht des Staates stellt.
Dieser Vorwurf ist alt. Schon Reichskanzler Otto von Bismarck hat den Katholiken Ende des 19. Jahrhunderts vorgeworfen, sie könnten keine guten Staatsbürger sein, weil sie den Papst als höchste Autorität anerkennen würden. Das führte zum Kulturkampf, den zu beenden nicht zuletzt der Duderstädter Kardinal Kopp geholfen hat, indem er Kaiser Wilhelm II. von der Treue der Katholiken zum Staat überzeugen konnte. Die deutschen Bischöfe haben sich zuletzt Anfang des Jahres bei ihrer Konferenz in Freiburg eindeutig zum staatlichen Recht bekannt. Es ist doch klar: Ich bin Bürger dieses Staates, und sein Recht gilt. Dem kanonischen Recht unterwerfe ich mich zusätzlich.

Die katholische Kirche bildet also keinen Staat im Staate?
Nein.
In der Diskussion wird der Zölibat in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch von Kindern gebracht.
Die zölibatäre Lebensweise hat nach meinem Eindruck – und meiner Erfahrung – damit nichts zu tun. Wir sind alle Menschen mit einem eigenen Willen. Das ist wie mit dem Hunger, ich kann ihm nachgeben und ständig den Kühlschrank plündern oder ich kann mich beherrschen. Auch in einer Ehe lebt man übrigens zu einem gewissen Grad zölibatär. Verheirateten Bekannten sage ich immer: Ich verzichte auf 1000 schöne Frauen, ihr auf 999. Das Zölibat ist nur eine von vielen Einschränkungen, denen ein Priester unterliegt. Der Regens, der die Priesteranwärter vom ersten Semester an betreut, achtet darauf, dass nur geeignete Menschen zur Weihe zugelassen werden. Nicht jeder kann Priester werden, das ist in anderen Berufen auch so. Und die Fähigkeit zur zölibatären Lebensweise ist eine von vielen Einschränkungen.

Steht der Zölibat zur Diskussion?
Er steht – zumindest unter diesem Aspekt – nicht zur Disposition. Sollte jedoch der Priestermangel zunehmen, muss die Kirche eventuell neu nachdenken. Wie stellt sie sicher, dass künftig genügend Priester für die Feier der Eucharistie vorhanden sind? Da ist der Zölibat keine unüberwindbare Hürde. Schon heute gibt es verheiratete Priester in der katholischen Kirche, zum Beispiel evangelische Pastoren, die konvertiert sind. Im Bistum Hildesheim gibt es einen verheirateten Priester, der orthodox-uniert ist. Die Diskussion um den Zölibat ist aber unabhängig von den Fällen von sexuellem Missbrauch zu führen.
Die katholische Kirche begreift sich als gesellschaftliche Kraft, die sich mit eigenen Positionen in öffentliche Debatten einmischt. Hat durch die Skandale die moralische Autorität der Kirche Schaden genommen?
Die Glaubwürdigkeit der Kirche ist sicher beschädigt – durch die Diskrepanz zwischen dem, was sein sollte und dem, was ist. Aber auch hier gilt, die Kirche ist eine Kirche aus Menschen. Ein Priester ist nicht allein dadurch heilig, dass er geweiht ist. Es ist nicht gut, Menschen anzuhimmeln, hinterher ist die Enttäuschung um so größer. Aber es ist klar: Die aktuelle Diskussion bedeutet einen Imageverlust für die Kirche und das ist bedauerlich. Denn eine Autorität, die nicht durch Ansehen untermauert ist, ist keine.

Wie bewerten Sie rückblickend den Fall des Rhumspringer Pfarrers Spicker, der 1995 einen Zwölfjährigen sexuell missbraucht hat?
Das Bistum Hildesheim hat 2003 von dem Fall erfahren. Der Pfarrer nahm sich eine Auszeit und unterzog sich einer Therapie. Ein Professor des Berliner Krankenhauses Charité bescheinigte ihm hinterher in einem Gutachten, dass er weiter in der Seelsorge arbeiten könne. Das muss man alles immer vor dem Hintergrund der damaligen Kenntnisse sehen.Die Frage war, ist er einsetzbar? Ja. Ist er belastbar? Wir wussten damals schon, dass er gesundheitlich angeschlagen ist. Als es dann 2009 zu einer Verurteilung kam, hat der Bischof ihn vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Nach dem Prozess konnte er nicht mehr arbeiten. Aus heutiger Sicht, wo klar ist, dass eine Therapie zwar möglich, 100-prozentige Sicherheit aber nicht zu gewährleisten ist, müsste man sagen: Ein Einsatz in einer Gemeinde ist von vornherein nicht möglich.
Im Untereichsfeld wurde Pfarrer Spicker vor allem für seine engagierte Jugendarbeit gelobt. Wenn man das heute hört, muss man dann nicht sagen: Hier hat die Kirche den Bock zum Gärtner gemacht?
Sie müssen das vor dem Hintergrund der vorangegangenen Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Rhumspringe-Hilkerode-Rüdershausen sehen. Das waren Priester, kurz vor der Pensionierung, die aufgrund des Altersunterschiedes verständlicherweise nicht mehr den Zugang zu jungen Menschen haben konnten. Dann übernimmt ein etwas jüngerer Pfarrer das Amt, die Jugendarbeit kommt in Gang – und alle sind begeistert. Dabei ist zu sagen: Pfarrer Spicker hat sich an die Auflagen des Bistums gehalten, darauf hatte ich als Dechant ein Auge. Der Pfarrer hat übrigens auch erwachsene Männer für die Ministrantenarbeit gewinnen können.

Wie beurteilen Sie Ihre Rolle, sehen Sie heute Erklärungsbedarf gegenüber der betroffenen Seelsorgeeinheit?
Der jetzige Pfarrverwalter hat mit der Gemeinde gesprochen. Weihbischof Schwerdtfeger war vor kurzem dort, es hat Gesprächsrunden gegeben. Mich persönlich hat niemand auf den Fall angesprochen. Wenn man mich ansprechen würde, würde ich sagen, dass ich damals wie heute als Vorgesetzter den Persönlichkeitsschutz wahre. Ich erzähle über Menschen nicht alles, was ich über sie weiß. Ich habe auch nicht gelogen, als ich sagte, dass Pfarrer Spicker aus gesundheitlichen Gründen in den Vorruhestand ging. Er war fertig.

Haben Sie nicht das Bedürfnis, das Thema von sich aus anzusprechen?
Ich habe das Thema am fünften Fastensonntag in der Bußandacht in den Gemeinden der Seelsorgeeinheit Duderstadt ganz bewusst angesprochen und aufgegriffen. Ich habe es zur Grundlage der Gewissenserforschung gemacht. Ich habe gefragt: Was wird den Bischöfen vorgeworfen? – zu vertuschen und zu verharmlosen. Muss sich da nicht jeder selbst an diese Nase fassen?

Aber es ist doch ein Unterschied, ob ein einfacher Gläubiger schuldig wird, oder ein Priester, der mit einem ganz anderen Anspruch auftritt.
Das stimmt. Die Kirche muss aufklären. Wir ziehen jetzt im Bistum die Aufklärung über alle Fälle von sexuellem Missbrauch durch. Das tut weh, aber in der Bibel heißt es: Die Wahrheit wird euch frei machen.

Können Sie ausschließen, dass es im Untereichsfeld noch weitere Enthüllungen von sexuellem Missbrauch geben wird.
Was soll ich darauf sagen? Ausschließen kann man das nie.

Anders formuliert: Wissen Sie von weiteren Fällen oder von weiteren Tätern im Untereichsfeld?
Mir sind keine weiteren Fälle bekannt.

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