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Die Region Kreisverband der AWO in Göttingen feiert 100-jähriges Bestehen
Die Region Duderstadt Die Region Kreisverband der AWO in Göttingen feiert 100-jähriges Bestehen
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00:21 08.07.2019
Ehemalige und aktive Mitglieder und Mitarbeiter der Göttinger Arbeiterwohlfahrt mit Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD, zweite von rechts) im Jahr 2018: Kaj Fölster, Katharina Lankeit, Michael Bonder, Ingelore Kettler und Dagmar Freudenberg (von links). Quelle: Peter Heller
Göttingen

Jahrelang hatten sich Frauen um die Versorgung bedürftiger Menschen gekümmert, bis ihrem Drängen die SPD im November 1919 nachgab und die Gründung der Arbeiterwohlfahrt unterstützte. Es war in Berlin in Zeiten außerordentlicher Notlage vor allem Marie Juchacz (1879–1956), die die sperrigen Genossen überzeugte, dass nur eine Organisation die sozialen Aufgaben bewältigen konnte. Die SPD war der Meinung, dass sich der Staat um seine Bürgerinnen und Bürger zu kümmern habe.

Geschichte der Wohlfahrtsorganisation und ihrer Gründung in Berlin und Südniedersachsen vor 100 Jahren.

In Göttingen waren es Luise Stegen (1871–1953), Henny Lehmann (1862–1937), Luise Syring (1984–1949) und später Luise Mergard (1886–1954), die 1920 einen Ortsausschuss der Arbeiterwohlfahrt gründeten. Die „drei Luisen“ waren das Gesicht der AWO, sie teilten Essen an unterernährte Kinder, an notleidende Arbeiterfamilien und Rentner aus, kümmerten sich um „uneheliche Mütter“, sorgten an langen Nähabenden für Kleidung und schickten kranke Kinder in eine Kur.

Beliebt waren die Weihnachtsfeste und Wanderungen mit Kindern, bei denen ein unzerbrechlicher Teller, Löffel, zehn Pfennig und ein Lampion mitgebracht werden sollten. Die Frauen wanderten mit den Kindern meist ab dem Hirtenbrunnen nach Grone in den Garten des Gasthauses des Genossen Hampe, zur Knochenmühle oder nach Deppoldshausen. Sie kümmerten sich nicht um sozialpolitische Einflussnahmen auf die Politiker, sie packten mit an und kannten die Menschen in Not.

Briefmarken und Tombola

Das alles kostete Geld und Rohstoffe für die Herstellung von Essen und Kleidung, in den kalten Wintern musste vielen mit Brennmaterial ausgeholfen werden. Bei den Parteiversammlungen ging ein Teller auch für die AWO herum, die ersten Wohlfahrtsbriefmarken und vor allem eine clevere Tombola brachten die notwendigen Mittel zusammen: „Ein Landhaus für fünfzig Pfg.“ Die Stadt gab einen bescheidenen Zuschuss. Es galt immer noch, was immer galt: wer arm ist, ist selbst daran schuld.

Eine selbstverständliche Hilfe für alle kam sehr schwerfällig in Bewegung. Den Plänen standen in den 1920er-Jahren die völlige Geldentwertung, die hohen Zahlungen an die Siegermächte und Kompromisse gegenüber den bürgerlichen und konservativen Parteien, mit denen man regieren musste, entgegen.

Aber eine heute unvorstellbare Verarmung und Verelendung weiter Kreise infolge des Krieges forderte die tätige Hilfe oder „rechtes Christentum“ heraus. 1925 gab es in Göttingen durch die Besetzung der SPD mit Anhängern des Philosophen und ethischen Sozialisten Leonard Nelson auch in der AWO für einige Wochen Irritationen. Die Mitglieder des Internationalen Jugendbundes hatten andere Vorstellungen von Sozialarbeit und legten größeren Wert auf Schulung und Weiterbildung.

Luise Mergard wurde Vorsitzende. Luise Stegen organisierte wie gewohnt mit ihren Mitstreiterinnen eine Weihnachtsbescherung für Kinder und wurde wieder Vorsitzende. Bis 1932 Luise Syring die nächste Vorsitzende wurde.

Marie Juchacz in Northeim

Die Arbeit der AWO in Südniedersachsen wurde auf einem jährlich stattfindenden Frauentag des SPD-Unterbezirks koordiniert. Auf dem 4. Frauentag in Northeim im Jahr 1926 trat auch die Reichsgeschäftsführerin der AWO, Marie Juchacz, auf. Der Schwerpunkt ihrer Rede war frauenpolitisch ausgerichtet: „Wenn die Frauen nicht selbst mitarbeiten an ihrer Befreiung, dann wird das weibliche Geschlecht niemals befreit werden“, forderte die starke Rednerin die Genossinnen auf. Sie wolle eine ordentliche Sozialpolitik und „keine Bettelsuppenpolitik“, konnte man in der sozialdemokratischen Göttinger Zeitung „Volksblatt“ nachlesen.

Die Männer in der Partei taten sich noch schwer mit dem tatkräftigen Engagement der Frauen, das sie nur zaghaft unterstützten. Die alten Klischees verbreitete sogar der AWO-Bezirksgeschäftsführer Fritz Feldmann aus Hannover auf einer AWO-Konferenz 1926 in Göttingen. Er meinte, für die Hilfe für sozial Schwache seien „besonders die Frauen geeignet“, das sei ein Betätigungsfeld, „das der inneren Berufung der Frau entspricht.“

Die AWO in Südniedersachsen

Die Gründung von AWO-Ortsausschüssen ging in der Umgebung nur langsam voran. Die aktive Partei in Osterode hatte auch 1920 eine AWO gegründet. Im „Volksblatt“ wurde mitgeteilt, dass die „Genossinnen der Wohlfahrtspflege (...) in der Aufbringung von Geldern, Anfertigung von Strümpfen, Bekleidungsstücken und Lebensmitteln Hervorragendes geleistet und in über 1200 Fällen Freude in die Häuser der armen Arbeiter gebracht“ haben.

Dem standen die Hann. Mündenerinnen mit Sophie Werzeiko nicht nach und schufen eine heute noch außerordentlich aktive AWO. Der Ortsausschuss Grone besteht auch seit 1921 und wurde von Dorette Froß geleitet. In Weende wurde 1926 die AWO gegründet. Auf Anraten des Schularztes wurde hier an 99 Kinder ein warmes Frühstück ausgegeben.

Leistungen in der Altenarbeit

Eine AWO-Ortsgruppe wurde in Duderstadt 1927 ins Leben gerufen, eine weitere in Herzberg. In Geismar schuf die SPD 1928 eine Arbeiterwohlfahrt und ein Jahr später in Bovenden. Dort forderte die Sozialdemokratin Marie Margraf die Männer auf, „ihre Frauen mit in die Versammlungen zu bringen damit endlich die Arbeiterwohlfahrt ins Leben gerufen werden könne.“ Die heutige Vorsitzende der Bovender AWO, Inge Kettler, verweist auf die stolze Geschichte und die Leistungen in der Altenarbeit und Hilfen für benachteiligte Menschen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 endete auch die Arbeit der AWO. Die Organisationen der NSDAP, Deutsche Arbeitsfront und NS-Volkswohlfahrt übernahmen oder schlossen die AWO-Einrichtungen. Die Frauen hielten in dieser schwierigen Zeit zusammen und waren nach der Befreiung 1945 sofort wieder zur Stelle. In Göttingen meldeten Charlotte Kraft und Luise Syring mit weiteren Mitstreiterinnen die Arbeiterwohlfahrt wieder an und begannen ihre Arbeit. Wie 1918 kümmerte man sich besonders um die Kinder, die ohne Familie verwahrlost herumzogen, die zahlreich in die Stadt strömenden Flüchtlinge aus dem Osten mussten versorgt und integriert werden. Der AWO ging die Arbeit nicht aus. Hier sind für die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg besonders Otto Rogge, Else Wagener und Horst Werner zu nennen.

Professionelle Sozialarbeit

Das 1962 geschaffene Bundessozialhilfegesetz gab erstmalig in Deutschland einen etwas sichereren Rahmen für die Arbeit und setzte vor allem eine Professionalisierung in Gang, die in den 1970er-Jahren zu einer völligen Neuaufstellung der AWO führte. Die öffentlichen Gelder für die Sozialfürsorge stiegen nach dem Krieg deutlich an. Das schaffte nicht nur eine gerechtere Gesellschaft als vor 1945 und vor 1933, sondern ermöglichte eine effektivere Hilfe für Menschen in Not. Die Ortsvereine wurden in einem schlagkräftigeren Kreisverband integriert, der ab 1978 die anspruchsvolleren Aufgaben übernahm. Er war auch als Gesprächspartner gegenüber dem neu geschaffenen Landkreis Göttingen erforderlich geworden. Den Vorsitz übernahm Horst Werner, dem die schwierige Aufgabe oblag, den traditionsreichen Kreisverband Duderstadt mit ins Boot zu holen. Die Geschäftsführung übernahm Kaj Fölster, 1986/87 folgten Brunhild Ralle und Antje Brockmüller.

Ab 2007 übernahm Michael Bonder die Leitung und baute zügig die AWO zu einem großen sozialen Unternehmen aus. Der Trägerverein wurde von Inge Kettler, Annegret Freiburg, Ulrike Witt, Katharina Lankeit und ab 2010 von Dagmar Freudenberg geleitet. Den seit den 70er-Jahren aufgebauten Stellen zur Paragraf 218-Beratung, Psychosozialer Krebsberatung, Migrationsberatung, Erziehungs- und Schuldenberatung, der Leitung der Flüchtlingsheime an der Merkelstraße folgten der Ausbau und die ordentliche Unterbringung und Beschäftigung für psychisch beeinträchtigte Menschen Trialog, Familienhilfe, Kindertagesstätten und immer wieder die Versorgung von Flüchtlingen. Der von der Vorsitzenden des Göttinger AWO-Ortsvereins, Ulrike Witt, geschaffene „Brotladen“ in der Kurzen Straße hat sich zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt.

Neue Herausforderungen

Mit anderen Wohlfahrtsverbänden wurde mit der Bonveno Göttingen eine gemeinnützige GmbH und Organisation zur Betreuung von Menschen auf der Flucht geschaffen. Das Bundesteilhabegesetz, das die sozialen Hilfen neu regelt, ist die aktuelle Herausforderung für die AWO. In Hann. Münden wird ein Inklusionsbetrieb in der Flüchtlingsunterkunft „Haus der Nationen“ geschaffen.

Die AWO in Göttingen ist 2018 in helle und besucherfreundliche Räume in die Jutta-Limbach-Straße umgezogen. Die zunehmende psychische und physische Belastung von Menschen im Alltag, die Kinderarmut und die Flüchtlinge stellen die AWO vor neue Herausforderungen neben den seit 100 Jahren bestehenden Aufgaben. Der AWO geht die Arbeit nicht aus.

Von Günter Blümel

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