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Duderstadt Drei neue Bronzeglocken statt Schweizer Käse
Die Region Duderstadt Drei neue Bronzeglocken statt Schweizer Käse
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19:26 29.08.2011
Markant: Architektur und Glocken machen die St.-Matthäus-Kirche zum unüberseh- und -hörbaren Wahrzeichen Bodensees.
Markant: Architektur und Glocken machen die St.-Matthäus-Kirche zum unüberseh- und -hörbaren Wahrzeichen Bodensees. Quelle: Pförtner
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Mit ihrer Silhouette setzt die Pfarrkirche St. Matthäus einen markanten architektonischen Akzent in der Gemeinde Bodensee. Erbaut 1779 bis 1782, nachdem die 1681 errichtete barocke Vorgängerkirche zu klein geworden war, ist dieser Buntsandstein-Quaderbau zusammen mit den in ähnlicher Zeit entstandenen Kirchen in Wollbrandshausen, Bilshausen und Seeburg ein schönes Zeugnis für den spätbarock-klassizistischen Stil des Untereichsfeldes dieser Epoche. Wohl aus der Vorgängerkirche stammt der 1664 datierte Taufstein aus Sandstein.

Ursprünglich hing in St. Matthäus ein Bronzegeläut, das aber im ersten Weltkrieg beschlagnahmt wurde. Nach Kriegsende wurden 1923 zwei Klangguss-Glocken der Gießerei Ulrich & Weule (Apolda-Bockenem) angeschafft. Klangguss-Glocken sind längst nicht so haltbar wie Bronzeglocken, die Jahrhunderte überdauern. 70, 80 Jahre können sie ihre Dienste leisten, doch dann verrosten sie. Im September 2004 mussten die Bodenseer Klangguss-Glocken deshalb aus Sicherheitsgründen verstummen. „Von außen sahen sie ja noch ganz gut aus“, berichtet Siegfried Jünemann vom Kirchenvorstand, „aber innendrin waren sie wie Schweizer Käse.“ Diese beiden Glocken zieren heute, mit schwarzem Anstrich vor weiterer Korrosion geschützt, den Platz vor der Kirche. Die größere der beiden Klangguss-Glocken trägt die Aufschrift „S. Mattheum – ora pro nobis“, die kleinere „Ave Maria Gratia Plena“.

Mit den neuen Bronzeglocken, die am 8. Mai 2005 eingesegnet und aufgehängt wurden, bekam die Kirche auch gleich einen neuen Glockenstuhl aus Eichenholz. Denn der alte Stahlglockenstuhl war ebenfalls stark angerostet und obendrein derart verankert, dass Schäden für das Mauerwerk des Turmes zu befürchten waren. Deshalb waren, so Jünemann, die alten Glocken zwischenzeitlich in einem Glockenhäuschen außerhalb der Kirche aufgehängt. Es befand sich dort, wo heute das Ehrenmal für die Gefallenen der Weltkriege steht. Als das Häuschen leerstand, verkaufte es die Gemeinde. Käufer war der Bruder Siegfried Jünemanns, der es in seinem Garten aufgestellt hat. „Da gucken wir jetzt Fußball und so“, erzählt der Kirchenvorsteher.

Den neuen drei Glocken, die von der Karlsruher Glockengießerei Bachert gefertigt worden sind und für deren Kosten sich die Gemeinde kräftig ins Zeug gelegt hat, bietet der eichene Glockenstuhl bequem Platz. „Der soll Jahrhunderte halten“, äußerte Pfarrer Matthias Kaminski, als die mächtige Holzbalkenkonstruktion 2005 eingebaut wurde. „Im Freiburger Münster ist ein solcher schon 700 Jahre alt.“ Den Guss haben 27 Bodenseer zusammen mit Pfarrer Kaminski in Karlsruhe miterlebt. Die größte der Glocken mit dem Schlagton g’, die Matthäusglocke, wiegt etwa 730 Kilogramm und hat einen Durchmesser von knapp 107 Zentimetern. Ihre Inschrift lautet „Den Herrn + den König der Apostel + kommt wir beten ihn an + Hl. Matthäus + Patron unserer Pfarrkirche + bitte für uns“. Die Inschrift der Marienglocke – Schlagton b’, Gewicht etwa 430 Kilogramm, Durchmesser 90 Zentimeter – lautet „Selig bist du + Maria + aus dir ging hervor das Heil der Welt + Christus + unser Gott und Heiland + glorreiche Jungfrau + bitte für uns bei deinem Sohn“. Die kleinste der drei Glocken ist die Vierzehn-Nothelfer-Glocke. Sie hat den Schlagton c”, ein Gewicht von 300 Kilogramm und einen Durchmesser von 80 Zentimetern. Auf ihr ist geschrieben „Lob und Herrlichkeit + Weisheit und Dank + Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit + Amen + Ihr Hl. vierzehn Nothelfer + bittet für uns“. Dazu ist auf jeder Glocke unten vermerkt „St. Matthäus Bodensee A[nno] D[omini] 2005“. Den vierzehn Nothelfern, denen die Kirche ihre dritte Glocke geweiht hat, gilt auch die alljährliche Wallfahrt Anfang Juli auf dem Höherberg.
Das mächtige Geläut der drei Glocken ist weithin zu hören – seit dem 25. Mai 2005, dem Vorabend des Fronleichnamsfestes 2005, an dem sie um 19.30 Uhr erstmals geläutet wurden. Zu diesem Anlass wurden, so war im Tageblatt zu lesen, „Getränke und Gegrilltes gereicht“. Und eine halbe Stunde später begrüßten dann die Kirchenglocken von Gieboldehausen und Bilshausen mit einem festlichen Geläut ihre drei neuen Schwestern in Bodensee.

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Von Michael Schäfer