Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt Dreistimmiges Geläut aus dem Glockenturm
Die Region Duderstadt Dreistimmiges Geläut aus dem Glockenturm
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:13 25.07.2011
Ist in den Jahren 1853 bis 1856 entstanden: Kirchenschiff der katholischen Pfarrgemeinde in Nesselröden.
Ist in den Jahren 1853 bis 1856 entstanden: Kirchenschiff der katholischen Pfarrgemeinde in Nesselröden. Quelle: EF
Anzeige

Wie Fuhrbach war auch Nesselröden zu DDR-Zeiten bis zur Wende 1989 ein nach Osten abgeschnittener Ort. Die Grenze verlief etwa 800 Meter südöstlich der Hauptstraße. Alle wirtschaftlichen und verwandtschaftlichen Bindungen zum östlichen Nachbarort Böseckendorf waren jahrzehntelang gekappt.

Die katholische Kirche in Nesselröden ist dem heiligen Georg geweiht. Das heutige Gotteshaus ist die vierte Kirche am selben Platz. Wann die erste Kirche errichtet wurde, ist nicht überliefert, aber ein Schriftzeugnis aus dem Jahre 1373 belegt, dass es damals schon eine Gemeinde in Nesselröden gab. Zerstört wurde der erste Kirchenbau im 30-jährigen Krieg 1623 durch Söldner des Herzogs Christian von Braunschweig, genannt der „tolle Christian“. Dasselbe Schicksal erlitten damals die Kirchen von Bodensee, Krebeck, Seeburg, Seulingen und Wollbrandshausen sowie das Kloster Gerode. Herzog Christian war, so Wikipedia, „erfüllt von einem übersteigerten Hass gegen alles Katholische“.

Ein zweiter Kirchenbau in Nesselröden von 1624 wurde 1710 durch einen Neubau ersetzt, der 1719 um einen Turm erweitert wurde. Das ist der Turm, der heute noch steht. 1853 bis 1856 war die Bauzeit des bis heute genutzten Kirchenschiffs, das 1979 renoviert und restauriert wurde. Die Orgel stammt ursprünglich aus dem Jahre 1854, gebaut wurde sie von Andreas Engelhardt aus Herzberg. 1882/83 wurde sie von Louis Krell aus Duderstadt umgebaut, noch einmal von den Gebrüdern Krell 1962 sowie 2004 grundlegend renoviert – von dem Orgelbauer Bosch in Niestetal bei Kassel.

Das heutige Geläut im Turm besteht aus drei Glocken. Die große und die kleine stammen aus dem Jahr 1956, sie haben Durchmesser von 122 und 92 Zentimetern, ein Gewicht von 1100 beziehungsweise 450 Kilogramm und die Schlagtöne e’ und a’. Im Kirchenführer ist zwar keine Gießerei vermerkt, doch der Göttinger Glockensachverständige Andreas Philipp ist sich nach einem Blick auf ein Foto sicher, dass sie „anhand der Rippe und der Kronenform eindeutig der Gießerei Otto in (Bremen-)Hemelingen zugeordnet werden“ können. Die Brüder Otto stammten übrigens aus Duderstadt. Die mittlere Glocke ist älter, sie stammt aus dem Jahr 1920 und wurde ebenfalls von der Glockengießerei Otto gegossen. Sie hat einen Durchmesser von 103 Zentimetern, ein Gewicht von 827 Kilogramm und den Schlagton g’. Die große Glocke trägt die Inschrift „Jesu Christo, Regi Regum, Vivos voco! Mortuos commendo!“ (Jesus Christus, dem König der Könige, rufe ich die Lebenden und empfehle ich die Toten). Dem Schutzheiligen der Kirche ist die mittlere Glocke mit der Inschrift „Hl. Georg, unser Schutzpatron, bitte für uns!“ gewidmet. Die kleine Glocke ist eine Marienglocke mit dem Text „B. Mariae V. Reginae“ (der heiligen Jungfrau und Königin Maria).

Eine kleine Glocke, die bereits 1674 in Nordhausen gegossen wurde, musste die Gemeinde im ersten Weltkrieg 1917 zu Kriegszwecken abgeben. „Wie bei einem Grabgeläute wurde sie dreimal angeschlagen, bevor sie abgenommen und danach eingeschmolzen wurde“, ist im Kirchenführer zu lesen. Ein anderes Schicksal erlitt die alte große Glocke, die ebenfalls aus Nordhausen stammte. Sie „bekam um 1920 einen unreinen Klang“ (Kirchenführer) und wurde 1926 gegen zwei neue Glocken eingetauscht. Die kleinere von ihnen ist die heutige mittlere Glocke, die größere wurde 1943 beschlagnahmt und eingeschmolzen.

Einzig die Uhrschlagglocke, die nicht zum Geläut gehört, ist älter: Sie stammt aus dem Jahr 1702, musste zwar auch 1943 abgeliefert werden, wurde aber nicht eingeschmolzen und tut seit 1952 wieder ihren Dienst. Ihre Inschrift: „Ich gehoere der Gemeinheit Nesselreden 1702“. Zufällig begann die Tonaufnahme der Glocken pünktlich um 11 Uhr: Deshalb sind auch elf Schläge dieser 309 Jahre alte Seniorin zu Beginn des Glocken-Podcasts zu hören.
In der kommenden Woche: die Glocken der Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Seulingen.

Von Michael Schäfer

Zum Podcast