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Duderstadt Drohne blickt in die Stadtgeschichte
Die Region Duderstadt Drohne blickt in die Stadtgeschichte
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06:17 02.04.2012
Ferngesteuertes Fluggerät: Mit einer Drohne sollen digitale Aufnahmen von der Ausgrabungsstätte gemacht werden.
Ferngesteuertes Fluggerät: Mit einer Drohne sollen digitale Aufnahmen von der Ausgrabungsstätte gemacht werden. Quelle: Tietzek
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Duderstadt

„Alles, was wir hier sehen, wird in kurzer Zeit zerstört sein“, sagt der Archäologe Olaf Oliefka. Zum Tag der Niedersachsen soll der neue Wellnessbereich des Löwenquartiers eröffnet sein. Die Forscher loben allerdings die gute Unterstützung von Bauleiter Bernd Kemmerling und Bauherr Hans Georg Näder.

„Wir haben einige Überraschungen entdeckt, das ist schon spektakulär“, staunt der Grabungsleiter Stephan Sauerland. Er zeigt auf eine breite Verfärbung im Boden – für den Laien kaum erkennbar. „Hier liegt der Beweis, dass die Hauptstraße zwischen den beiden Gotteshäusern früher einige Meter weiter südlich verlief“, erklärt Sauerland. „Wir haben eine feste Konstruktionslage entdeckt, deren unterste Schicht aus Strohmatten besteht, darüber Holzlagen und festgestampfter Schotter“, beschreibt Oliefka den Aufbau der historischen Straße.

Dass hier tatsächlich ein Hauptverkehrsweg innerhalb der Duderstädter Mauern verlief, beweise vor allem die Breite von knapp fünf Metern. „Die Durchschnittsbreite eines mittelalterlichen Wagens betrug etwa 1,30 Meter. Hier konnten also auch zwei Fuhrwerke nebeneinander passieren. Platz war kostbar in einer befestigten Stadt, nur die wichtigsten Straßen waren so breit“, erklärt der Archäologe Robert Brosch.

Mittelalterliche Feinwaage

Ebenfalls große Bedeutung habe der Fund einer mittelalterlichen Feinwaage, die das Wissen um die Stadtentwicklung ergänze. Solche Waagen wurden benutzt, um den Materialwert von Münzen zu bestimmen, die ihre Herkunft in unterschiedlichen Regionen hatten. Die Waage sei ein Hinweis auf frühen überregionalen Handel, sind sich die Forscher einig. Und ein Urnengrab mit Knochenresten aus dem Neolithikum beweise außerdem die steinzeitliche Besiedlung des Ortes „an dem wir auch heute stehen“, sagt Brosch.

Forschung benötigt Zeit. Die aber hat das Wissenschaftlerteam nur begrenzt, das in der Duderstädter Marktstraße Erdschichten abträgt, datiert und untersucht. Beim Umbau des Hotels Zum Löwen wurden archäologische Funde auf dem Gelände gemacht. Nun kommt eine Drohne zum Einsatz.

Im Gegensatz zu dörflichen Siedlungen, die sich meistens in die geografischen Gegebenheiten schmiegten, läge bei einer Stadtgründung eine Planung zu Grunde, bei der die Landschaft den Bedürfnissen der Stadtgründer angepasst wurde. „Wir wissen heute nicht genau, wie mittelalterliche Stadtplaner vorgegangen sind, ob beispielsweise erst die Kirchen oder erst die Straßen angelegt wurden. Die neu entdeckte Wegeführung in Duderstadt könnte auch darüber Auskünfte geben“, glaubt Oliefka.

Wichtig sei bei all den Grabungen die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche. Im Löwenquartier sind Nicole Eichhorn als Glasspezialistin und Silvia Thüne als Anthropologin beschäftigt. Ihre Informationen ziehen sie aus dem, was der Boden unter dem feinen Spachtel hergibt. „Vieles von unseren Funden wird weitergeleitet an Archäobotaniker, die Rückschlüsse auf die historische Pflanzenwelt ziehen, oder an Dendrochronologen, die anhand der Jahresringe an altem Holz Aussagen über das damalige Klima machen können“, erklärt Brosch.

Ferngesteuertes Fluggerät

Da am Löwenquartier in wenigen Tagen der Bau für den Wellnessbereich weitergehen muss, bleibt den Archäologen keine Zeit, die freigelegten Erdschichten einzeln mit einer Digitalkamera abzulichten, um ein 3-D-Modell der Ausgrabungsstätte zu erstellen. Aber durch Kontakte des Vermessungsingenieurs Daniel Stier wurden Thorsten Kanand und Frank Potthast von der Firma Air Rotor Media angefordert. Mit ihrer Drohne, einem ferngesteuerten Fluggerät mit ausgefeilter Technik, wollen sie digitale Aufnahmen von der Ausgrabungsstätte machen. Damit werde für die Erstellung der archäologischen Befunde viel Zeit gespart, hoffen die Wissenschaftler.

Kanand blickt skeptisch auf die flatternden Planen neben der Baustelle. Die leichte Drohne ist bei nahezu jedem Wetter einsatzfähig, aber nicht bei starkem Wind. Da der Innenhof des Löwenquartiers durch die umstehenden Häuser geschützt ist, kann das spinnenähnliche High-Tech-Gerät aber doch fliegen, nur nicht zu hoch. „Für die Auswertung wird es reichen“, stellt Sauerland nach dem Einsatz erleichtert fest. Das Material ist nun für alle weiteren Forschergenerationen abrufbar. Bauleiter Kemmerling zeigt sich zufrieden, ist aber auch fasziniert von den Funden an der Baustelle. „Das ist wirklich spannend und eine einmalige Gelegenheit, mehr über die Stadtgeschichte zu erfahren“, sagt er.