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Duderstadt Duderstadt: Polizei warnt vor Betrug durch „Schockanrufe“
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Duderstadt: Polizei warnt vor Betrug durch Enkeltrick und Schockanrufe

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17:26 29.06.2021
Bitten im Zweifelsfall die Polizei anzurufen (v.l.n.r).: Karl-Hubert Wüstefeld, Oliver Knabe und Marko Otte.
Bitten im Zweifelsfall die Polizei anzurufen (v.l.n.r).: Karl-Hubert Wüstefeld, Oliver Knabe und Marko Otte. Quelle: Wortmann
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Duderstadt

„Jede Tat ist eine Tat zu viel“, sagt Marko Otte, Polizeihauptkommissar der Polizeiinspektion Göttingen. Enkeltricks – dass es sie gibt, das ist bekannt, jetzt also eine neue Betrugsmasche: Schockanrufe. Der Fokus der Täter liege dabei auf der Region Duderstadt und Gieboldehausen, warum gerade dort, das sei bis jetzt nicht klar, erläutert Otte. Er ist nicht nur Polizeihauptkommissar, sondern auch Beauftragter für Kriminalprävention. „Bei diesen Anrufen wird eine Notlage suggeriert, der Anrufer gibt sich als Angehöriger aus.“

Besonders perfide: Die Geschichte der vermeintlichen Angehörigen. Ein Unfall im Ausland beispielsweise, eine andere Person totgefahren, drohende Untersuchungshaft, wenn nicht eine hohe Kaution gezahlt wird, die noch am selben Tag von dem Opfer übergeben werden soll. Der „Unfall“ werde dann oft in einem zweiten Anruf von einem vermeintlichen Polizisten oder einem Staatsanwalt bestätigt. „Die Menschen können dann gar nicht mehr rational denken. Die Betrüger haben außerdem auf jede Frage die passende Antwort. Alle sind immer überzeugt davon, dass ihnen so etwas nicht passieren kann, aber die Täter sind sehr, sehr überzeugend und arbeiten mit sehr viel Druck“, sagt der Göttinger Polizeikommissar.

Drei Leitsätze

Oliver Knabe ist Kriminalhauptkommissar und Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienst beim Polizeikommissariat Duderstadt. Besonders drei Dingen seien wichtig, um nicht auf diese Betrugsmaschen hereinzufallen, sagt er. „Erstens: ‚Seien Sie misstrauisch‘, zweitens ‚lassen Sie sich nicht unter Druck setzten‘, drittens ‚seien Sie sicher, dass die Polizei niemals Bargeld von Ihnen will‘. Und, das ist ihm besonders wichtig: „Im Zweifelsfall anrufen, wir sind die echten Freunde, die Betrüger die falschen.“

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„Viele Menschen, die hier anrufen, glauben, sie stören uns“, erzählt Karl-Hubert Wüstefeld, Polizeihauptkommissar und Leiter des Polizeikommissariats Duderstadt, der ebenfalls mit am Tisch sitzt. Verstehen kann er das nicht und ermutigt die Bürger sich im Zweifelsfall an die Polizei zu wenden, auch um Mitmenschen vor der Masche zu schützen. Mit dem Wissen, dass gerade Betrüger unterwegs sind, könnten die Beamten zudem die Geldinstitute informieren, erklärt Knabe.

„Diese Art von Anrufen hat einen extrem hohen Stellenwert für uns“, stellt Otte klar. „Besonders, weil der Sachschaden oft unheimlich groß ist.“ Liege der Sachschaden bei Einbrüchen in der Regel zwischen 500 und 2000 Euro, ginge es bei Schockanrufen oft um mehrere tausend oder sogar zehntausende Euro.

Opfer aus dem Telefonbuch

„Die Opfer sind in der Regel ältere Menschen“, sagt Otte. Sie seien oft sehr sparsam, hätten also eine entsprechende Menge Geld auf der hohen Kante, seien sehr hilfsbereit und hätten ein großes Vertrauen in Polizisten – was ihn zum Verhängnis wird, wenn sich ein Betrüger am Telefon als ein solcher ausgibt. Ein weitere Tatsache macht ältere Menschen für Betrüger zu leichten Opfern: Viele von ihnen stehen im Telefonbuch. Oft mit Vor- und Namen. „Helga gehört nicht mehr ins Telefonbuch“, sagt Otte und verweist darauf, dass Täter gezielt nach Namen suchten, die in der Regel ältere Menschen tragen. An einem Nachmittag seien 25 Marias angerufen worden. Sollten ältere Menschen also auf den Telefonbucheintrag verzichten? Die Beamten nicken. Die wichtigen Personen hätten die Nummer ja ohnehin.

Wie ein Briefumschlag vor Betrug schützen kann

Betrüger fordern bei Schockanrufen von ihren Opfern hohe Geldsummen. Da diese für größere Mengen häufig Geldinstitute aufsuchen müssen, ist die Sensibilisierung von Bankangestellten für die Polizei von großer Bedeutung.

„Das ist tatsächlich die beste Möglichkeit“, sagt Marko Otte, Polizeihauptkommissar und Beauftragter für Kriminalprävention der Polizeiinspektion Göttingen, „Bankmitarbeiter sollten nachfragen, wenn ältere Menschen größere Geldbeträge abheben möchten.“ Eine diskrete Möglichkeit für Bankmitarbeiten, um mit ihren Kunden ins Gespräch zu kommen, es ist ihnen einen Briefumschlag mit fünf Fragen zum Abhaken – hohe Beträge werden mitunter in Umschlägen ausgegeben – vorzulegen.

Daneben das Logo der Polizeiinspektion Göttingen. „Haben Sie den Geldbetrag abgehoben, weil Sie angerufen worden sind?“ oder „Sollen Sie das Geld an eine unbekannte Person übergeben?“ ist dort beispielsweise zu lesen. Darunter in leuchtend rot: „Wenn Sie eine oder mehr Fragen mit „ja“ beantwortet haben, sprechen Sie bitte mit Ihrem Kundenberater!“

Im vergangen Jahr habe es, sagt Otte, 750 solcher Anrufe gegeben. Erfolgreich waren die Täter in 53 Fällen. Das erscheint erst mal nicht so viel, aber „wenn man sieht, was da für Summen bei rumkommen“, gibt Otte zu bedenken. Dramatisch sei es, wenn die Opfer dann vor dem finanziellen Ruin stünden. Wüstefeld erinnert sich an eine Rentnerin, die ihr Erspartes an die Betrüger verlor – 85 Jahre alt, das Geld habe sie für ihre eigene Beerdigung zurückgelegt – schön sollte sie werden. Erst vergangene Woche waren die Betrüger in Duderstadt wieder erfolgreich. Die Polizei ermittelt.

Von Asja Wortmann