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Duderstadt Engagement für Menschen mit Behinderung
Die Region Duderstadt Engagement für Menschen mit Behinderung
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07:00 30.06.2019
Duderstadt hat in der Vergangenheit bereits viel für die Behindertenfreundlichkeit getan. Andrea Holzapfel (links) und Ilka Conrad kümmern sich als Behindertenbeauftragte der Stadt Duderstadt um Belange der Barrierefreiheit. Quelle: Eichner-Ramm
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Duderstadt

Niedersachsens CDU-Generalsekretär Kai Seefried hat am vergangenen Wochenende gelobt, dass die Themen Barrierefreiheit und Inklusion sind in Duderstadt in den Köpfen der Menschen angekommen seien. Er war zusammen mit der Arbeitsgruppe „Barrierefreies Stade und Landkreis“ in Duderstadt zu Gast. Dass die Stadt im Eichsfeld in den vergangenen Jahren schon viel in puncto Behindertenfreundlichkeit getan hat, dazu haben die Behindertenbeauftragten der Stadt beigetragen.

Im Rahmen der Ratssitzung am Montag, 1. Juli, sollen Willi Klingebiel, Ilka Conrad und Andrea Holzapfel in ihren Ämtern bestätigt werden. Der Fachausschuss hat bereits eine entsprechende Beschlussempfehlung ausgesprochen.

Lob für Duderstadt

Von den Besuchern aus Stade gab es während des Aktionstages am vergangenen Wochenende viel Lob. „Das Pflaster in der Stadt ist zum Beispiel rollstuhlfreundlicher, Wege sind breit genug, und es gibt mehrere barrierefrei zugängliche öffentliche Toiletten“, sagte zum Beispiel Arbeitsgruppen-Sprecher Uwe Kowald. „Wir können schon zufrieden sein“, sagen auch Conrad und Holzapfel über die Situation in der Stadt. Nichts desto trotz sehen die beiden engagierten Frauen ihre Arbeit nicht als erledigt an.

Rat gefragt

Gefragt ist der Rat der Behindertenbeauftragten zum Beispiel bei den Überlegungen zur Umgestaltung des Zentralen Omnibusbahnhofes (ZOB). Als Behinderter mit mit dem Bus zu fahren, sei ein Problem, weiß Holzapfel. „Das muss man vorher anmelden.“ Die 58-Jährige setzt sich in ihrer Funktion als Behindertenbeauftragte seit 2013 für die Belange von Blinden und Sehbehinderten ein. Sie selbst sei eine „Späterblindete“. Die Erberkrankung Retinitis pigmentosa (RP) führte bei ihr zum Verlust des Augenlichts.

Gefahren im Alltag

Ihre Erfahrungen teilt Andrea Holzapfel mit anderen Betroffenen. Der gegenseitige Austausch helfe, sagte Holzapfel im Dezember 2017 aus Anlass des Internationalen Welttages der Menschen mit Behinderung. Ebenso wichtig sei aber, nicht den Mut zu verlieren. Mancher Erblindete oder Sehbehinderte gingen kaum aus dem Haus und wagten sich nicht in die Öffentlickeit, auch weil ohne Begleitung manche Gefahr lauere. Trotz des langen Trainings mit dem Taststock gehe sie selbst auch nur ungern alleine in die Stadt: „Ich muss mich total konzentrieren und den Weg auswendig lernen.“ Vor allem das Überqueren von Straßen wagt Holzapfel nicht alleine. „Am Hindenburgring ist es zum Beispiel echt gefährlich,“ schildert sie ihre Erfahrung mit rücksichtslosen Verkehrsteilnehmern. Obwohl sie mit ihrem Taststock über den Zebrastreifen habe gehen wollen, „bin ich einmal fast überfahren worden“.

Ampeln besser mit Vibration

Aufgrund des starken Vekehrs hält Holzapfel übrigens auch Ampelanlagen mit Tonsignal, wie beispielsweise an der Kreuzung Bahnhofstraße/Sachsenring/Schützenring, für wenig geeignet. Der Geräuschpegel des Verkehrs sei oft sehr hoch, so dass das Tonsignal kaum zu hören sei. Besser wären Ampeln mit Vibration, regt sie an.

Güler Hüseyin kommt als Rollstuhlfahrer in Duderstadt gut zurecht. Er beklagt aber, dass es zu wenig behindertengerechten Wohnraum in der Stadt gebe. Quelle: Eichner-Ramm

Als Behindertenbeauftragte würden sie auch angesprochen und auf Dinge hingewiesen, berichten Holzapfel und Conrad. Häufig werde beklagt, dass es in der Stadt zu wenig behindertengerechten Wohnraum gebe – eine Kritik, die zum Beispiel auch Rollstuhlfahrer Güler Hüseyin äußert. Er lebt seit 40 Jahren gerne in Duderstadt und komme zumeist auch gut klar. Die meisten Geschäfte seien ebenerdig zu erreichen oder hielten im Bedarfsfall Rampen parat.

Kundenstopper als Stolperfalle

Stolperfallen für Sehbehinderte sind Kundenstopper oder Schilder, die unten offen sind, da dort der Taststock hängen bleiben könnte. Quelle: Eichner-Ramm

Was indes von den Behindertenbeauftragten immer wieder angesprochen werde, seien die Kundenstopper vor den Geschäften. Schnell würden die Werbeständer zur Stolperfalle. Weil die Tafeln unten offen sind, könne man sich mit dem Taststock leicht darin verhaken, erklärt Holzapfel. Auf ein ähnliches Problem bei den Fußgängerzonen-Schildern hätten auch die Gäste aus Stade hingewiesen.

Faltblatt „Duderstadt barrierefrei“

Conrad, die seit einer Viruserkrankung gehbehindert ist, engagiert sich seit 1997 als Behindertenbeauftragte der Stadt. Vor vielen Jahren sei ein Faltblatt erarbeitet worden, das Gästen der Stadt Hinweise zu behindertengerechten Toiletten und Behindertenparkplätzen in der Stadt gibt, aber auch auf rollstuhlgerechte Zugänge zu Sehenswürdigkeiten und Gastronomiebetrieben in der Stadt hinweist. Das sollte überarbeitet werden, meint die 64-Jährige. Damals habe man noch von „rollstuhlgerecht“ gesprochen, heute habe sich die gesellschaftliche Wahrnehmung geändert. Barrierefreiheit komme nämlich auch älteren Menschen mit Rollatoren oder Eltern mit Kinderwagen zugute.

Rampe zum Pfarrheim

Erfreut äußert sich Conrad, dass beispielsweise die Basilika St. Cyriakus inzwischen über eine Rampe erreichbar ist. Ein Herzensanliegen sei ihr aber noch ein barrierefreier Zugang zu Pfarrheim und Pfarrbüro. „Die Pläne dafür sind längst fertig“, sagt Conrad, aber es tue sich nichts. „Wir würden es begrüßen, wenn die Umsetzung mal schneller ginge“, ergänzt Holzapfel. Vieles dauere einfach zu lange. Immerhin würden die Behindertenbeauftragten in den letzten Jahren bei Planungen gefragt, so Conrad. „Das ist gut, dass das vorher passiert und nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.“ Und so hoffen Conrad und Holzapfel, dass ihre Hinweise zur ZOB-Umgestaltung Gehör finden.

Vorschläge und Handlungsbedarf

Es gebe zu wenig behindertengerechten und bezahlbaren Wohnraum in der Stadt. Das bekämen sie immer wieder zu hören, sagen Conrad und Holzapfel.

Bei Neubauprojekten sollte grundsätzlich auf Barrierefreiheit geachtet werden. Conrad wundert sich zum Beispiel, dass seinerzeit die Kunsthalle HGN ausschließlich mit Treppen geplant wurde.

Dass auf dem St.-Paulus-Friedhof in Duderstadt nun barrierefreie Toiletten entstehen sollen, begrüßen die Behindertenbeauftragten. „Das war jahrelang im Gespräch“, sagen sie und hoffen im Sinne der vielen älteren Menschen, die mit Rollator auf dem Friedhof unterwegs seien, dass das Projekt bald umgesetzt wird.

Die Fußgängerzonen-Schilder in Duderstadt stehen auf zwei Pfosten. eine Querstreben in Bodennähe würde dazu beitragen, dass Sehbehinderte das Hindernis mit ihrem Taststock auch wahrnehmen.

In Duderstadt gibt es eine Reihe von Parkplätzen, die für Behinderte reserviert sind. Quelle: Eichner-Ramm

Es könnten ein paar mehr Behindertenparkplätze in der Stadt geben, so eine weitere Anregung. Conrad schlägt vor, in der Nähe des Tabalugahauses einen weiteren Behindertenparkplatz einzurichten. Zwar stehe in Höhe der Gaststätte Budapest ein Platz zur Verfügung, von dort müsse der Gehbehinderte jedoch um die Basilika herum, um den Eingang mit Rampe zu erreichen. Zudem sei ein Platz in diesem Bereich zu wenig.

In Bezug auf die geplante Umgestaltung des Zentralen Omnibusbahnhofs (ZOB) in Duderstadt wünschen sich die Behindertenbeauftragten, dass sie mit ihren Hinweisen einiges beitragen können. Zum Beispiel nennen sie taktile Leitlinien, wie sie etwa in Göttingen schon an vielen Kreuzungen zu finden seien. Weiterhin wären akustische Ansagen zu Busankünften, Markierungen, wo die Busse halten und ausreichend Platz für Rollstuhlfahrer in den Wartebereichen wünschenswert.

Schließlich könnte nach Ansicht von Conrad Duderstadt im Bereich Tourismus noch etwas tun. Die Aktualisierung des Flyers „Duderstadt barrierefrei – Kleine Tipps für unsere Gäste“ wäre „nicht schlecht“. In größeren Städten nutzten Besucher mit Handicap solche Flyer gerne. Weitere Anregung hat Conrad noch von ihren Reisen mitgebracht: Blindenschrift im Hotel-Fahrstuhl und an den Zimmertüren, und zum anderen gebe es in manchen Städten ein Stadtmodell, an dem sich sehbehinderte Besucher ihr Reiseziel ertasten könnten.

Folgender Handlungsbedarf wurde die Stadtverwaltung nach Auskunft von Verwaltungssprecherin Svenja Eckert durch die Behindertenbeauftragten Klingebiel und Conrad herangetragen: Öffentliche Toiletten sowie mehr und bessere Behindertentoiletten in den Gaststätten. Auch sollten in der Gastronomie die Tische unterfahrbar sein. Weitere Hinweise beträfen laut Eckert: Blindenschrift in Fahrstühlen, Büros etc. und Unebenheiten in Übergängen Fahrbahn/ Bürgersteige.

Beispielhafte Investitionen

Duderstadt als Stadt voller Bewegung ist seit Jahren sehr bemüht, das Motto der familienfreundlichen, generationengerechten und barrierefreien Stadt zu erfüllen“, sagt Verwaltungssprecherin Svenja Eckert. „Die Baukosten gehen in die Hunderttausende, dazu kommen die laufenden Erhaltungskosten.“ Beispielhaft wurde in den vergangenen Jahren in folgendes investiert:

* Umbau Behindertentoilette Sackstraße

* Stadthaus (Einbau Lift im Altbau rund 50000 Euro), behindertengerechtes WC, Zugang Stadthaus – über den Gehweg

* Rathaus – Ausstellungsebenen wurden behindertengerecht gestaltet

* Schulen, Krippen, Kindergärten (zum Beispiel Einbau Fahrstuhl Nesselröden circa 100000 Euro)

* Rampe am Gropenmarkt etwa 25000 Euro

* Behindertenaufgang Archiv/Wall mehr als 25000 Euro

* Durchgang ehemaliger Sternparkplatz wurde mit neuen Wegplatten versehen

* Behindertenwippe Spielplatz Ohmbergstrße rund 8500 Euro

* Umbau im Mehrgenerationenzentrum Jufi

* Neu seit Juni 2019: Behindertenschaukel Spielplatz LNS-Gelände circa 8500 Euro

* fast alle Wahllokahle behindertengerecht erreichbar

* Behindertenparkplätze an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet und in der Nähe der Fußgängerzone

* Deutlich mehr Parkplätze durch entsprechende Markierungen geschaffen

Von Britta Eichner-Ramm

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