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Duderstadt Duderstadts Flair mit spitzer Feder festgehalten
Die Region Duderstadt Duderstadts Flair mit spitzer Feder festgehalten
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19:12 04.08.2011
Mit spitzer Feder für englische Augen festgehalten: St. Cyriakus-Kirche Duderstadt.
Mit spitzer Feder für englische Augen festgehalten: St. Cyriakus-Kirche Duderstadt. Quelle: Pförtner
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Duderstadt

Bekleidet mit weißer Hose, weißer Bluse und einem lavendelfarbenen Jäckchen versinkt die Dame in bequemer Haltung in den Polstern eines Gartenstuhls mitten auf der Marktstraße. Was sie dort abseits der anderen Cafégäste treibt, ist nicht zu erkennen, wenn man sich ihr von hinten nähert. Erst wenn der Betrachter ein Blick über ihre Schultern wirft und ihm noch feuchte Wasserfarbtöne ins Auge springen, bemerkt er: Das ist Kunst.

Mit ihren von der modischen Sonnenbrille verdeckten Augen fixiert Ann Read immer wieder die sich vor ihr in den Himmel reckende St. Cyriakus-Kirche, um dann die Umrisse des Gotteshauses in rhytmischen, schwungvollen Bewegungen auf ihren beigen Malblock zu bringen. Nach und nach entsteht ein malerisches Abbild des alten Bauwerks, dass Bewunderung in den Augen der Zaungäste erkennen lässt. Dessen aber scheint sich die Künstlerin gar nicht bewusst zu sein. Nicht für eine Ausstellung, lediglich für sich selbst und aus Leidenschaft zur Malerei zeichne sie, berichtet die aus Cheltenham stammende Ann Read in ihrer Muttersprache: „Andere machen Fotos, ich porträtiere die Motive, andere haben ihre Digi-Cams und ich mein Pinseletui, meine Farben und meinen Block.“

Sobald Read etwas Ästhetisches, Imposantes oder etwas für sie schlicht Schönes entdeckt, greift sie zu ihrem Werkzeug, lässt ihrer Inspiration freien Lauf. Schon immer sei das so gewesen, seit sie so groß gewesen sei – sie markiert mit ihrer Hand ihre damalige Größe mit geschätztem Abstand von einem Meter zum Boden – schöpfe sie ihr künstlerisches Talent aus. Auch wenn schon zahlreiche Bilder in verschiedensten Ausstellungen ihren Platz gefunden hätten und sie so manches Bild als Auftragsarbeit verkauft habe, bleibe die Malerei für sie reines Hobby: „Dann kann ich total abschalten und entspannen“.

Beruflich war Read über Jahrzehnte in der Stadtverwaltung ihrer Heimat tätig – bis zur Pensionierung. Jetzt arbeitet sie freiberuflich als Heilpraktikerin. Doch ihre eigentliche Berufung bleibt die Kunst. „Deswegen kennt meine Schaffenskraft vor allem im Urlaub, wenn ich fremde Landschaften bereise, auch keine Grenzen“. Duderstadt ist da keine Ausnahme: „Diese Stadt inspiriert mich ungemein“, freut sie sich sichtlich, löst nur kurz ihren Blick vom Motiv und deutet umgehend auf die St. Servatius Kirche. Auch die Marienstatue oder „die Schönheit der Natur“ habe sie als Vorlage bereits ins Auge gefasst. „Ich genieße es hier einfach“, betont sie mit einem breiten Lächeln. Sie wolle sich noch ein wenig erholen, bevor sie am Freitag mit ihrem Mann wieder nach England zurückkehre. Dieser sammelt übrigens Oldtimer. „Wir haben uns gesucht und gefunden.“ Auch das ist große Kunst.

Von Andreas Holzapfel