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Duderstadt EU-Regelung des Saatgutmarktes erzürnt Kleinbauern und Umweltschützer
Die Region Duderstadt EU-Regelung des Saatgutmarktes erzürnt Kleinbauern und Umweltschützer
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20:24 31.05.2013
EU-Richtlinien: Mais- und Kartoffelanbau wird bereits in großem Rahmen von wenigen Konzernen bestimmt und verdrängt die Artenvielfalt. Quelle: Thiele
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Eichsfeld

Die Folge wäre, dass heimische, seltene oder alte Saatgutsorten vom Aussterben bedroht sein würden, befürchten zahlreiche Umweltverbände. Auch Eichsfelder Kleinbauern und Privatleute dürften ihr selbstgezüchtetes Saatgut weder mit dem Nachbarn tauschen noch verschenken und wären ebenfalls abhängig von den handelsüblichen Industriesorten.

Die Lobby solcher Pläne sind multinationale Agrarkonzerne, die weltweit bereits zwei Drittel des Saatgut- und Pestizidmarktes beherrschen.

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Mit dieser Regelung wäre Katharina Preuninger-Brill überhaupt nicht einverstanden. Die Duderstädterin ist leidenschaftliche Hobbygärtnerin und betreut zudem das Kräutergartenprojekt der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) im Duderstädter Stadtpark. Hier werden Kräuter, alte Nutz- und Heilpflanzen angebaut.

„Selbstverständlich verwenden wir die Samen der selbstgezogenen Pflanzen. Das entspricht doch dem Sinn des Gärtnerns, dass sich der Kreislauf selbst erhält“, erklärt sie ihre Einstellung. Bürgerarbeiterin Manuela Hammer kümmert sich regelmäßig um den Garten, aus dem sich auch jeder Bürger kleine Kostproben pflücken darf.

Kräutergarten der LEB bedroht

„Manche Pflanzen sind mehrjährig, aber Radieschen, Zwiebeln oder Ringelblumen müssten gekauft werden, wenn wir die nicht mehr selbst nachziehen dürften“, sagt sie und zeigt die Pflanzen aus eigener Nachzucht. Preuninger-Brill bestätigt: „Für eine Behörde wäre es beim Hobbygärtner vermutlich nicht so einfach nachzuweisen, woher die Samen stammen. Aber eine Institution wie die LEB müsste Saatgut offiziell kaufen, und zwar das vorgeschriebene der Konzerne“, vergleicht sie.

LEB-Sozialarbeiter Nicolas Reinecke sieht im Fall einer EU-Saatgutregelung den Kräutergarten der LEB bedroht: „Wir sind zum größten Teil auf Spenden angewiesen, um unsere Projekte durchführen zu können. Wenn dann auch noch Saatgut eingekauft werden müsste, würden die Kosten für das Gartenprojekt steigen“, gibt er zu bedenken.

Die privaten Schrebergärten neben dem LEB-Kräutergarten wären von einer neuen Regelung ebenfalls betroffen. „Ich kenne die Gartennachbarn und weiß, dass manch einer mit dem eigenen Gemüse einen Teil seines Lebensmittelbedarfs deckt. Der Garten würde sich nicht mehr rechnen, wenn man nicht mal die eigenen Pflanzen nachziehen dürfte“, warnt Preuninger-Brill.

Auch der Landschaftspflegeverband Göttingen (LPV) betrachtet die Pläne der EU mit Argwohn. Hubertus Rölleke vom LPV befürchtet: „Seltene Liebhabersorten fallen dann weg“.

Verlust eines Kulturgutes

Grund seien die hohen Kosten, die auf Kleinbauern zukämen, wenn sie beispielsweise Zulassungen für ihre alten Apfelsorten beantragen müssten. „Das würde sich nicht rechnen“, prophezeit der Fachmann. Er ärgert sich über den darauf folgenden Verlust eines Kulturgutes.

„Jahrhundertelang wurde durch ausgewählte Zucht eine Sortenvielfalt hervorgebracht, die den jeweiligen Bodenverhältnissen und dem regionalen Klima angepasst und gegen vorkommene Schädlinge resistent ist. Das ist ein wertvoller Schatz, den unsere Vorfahren erarbeitet haben, und der durch solche EU-Erlasse gefährdet wird“, warnt Rölleke.

Kulturgut, das sich in Generationen über Jahrhunderte entwickelt habe, gehöre allen, und es sei nicht rechtens, dass die EU über die Köpfe der Bürger hinweg solche Entscheidungen treffe.

"Alles wird nur noch über Kartelle kontrolliert“

Reinhard Karlen vom Naturschutzbund (Nabu) Untereichsfeld befürchtet durch die EU-Pläne zur Neuregelung des Saatgutmarktes einen negativen Einfluss auf die Landwirtschaft. „Was passiert, wenn der Anbau in der EU zu sehr vereinheitlicht wird, sehen wir ja bereits beim Kartoffel- oder Maisanbau. Alte Strukturen und Arten verschwinden, kleine Landwirte haben immer größere Schwierigkeiten zu überleben, und alles wird nur noch über Kartelle kontrolliert“.

Ein Problem sei, dass Riesenbetriebe der Einheitsregelung zustimmten und kleine sich nicht äußern würden, bedauert Karlen.

Hobbygärtner, Kleinbauern und Naturschützer können eine Petition gegen die EU-Pläne unterzeichnen bei ►freievielfalt.at. Infos gibt es auch beim gemeinnützigen Verein Dreschflegel unter ►dreschflegel-verein.de.

Von Claudia Nachtwey