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Duderstadt Abiturienten erarbeiten Ausstellung zu Migration
Die Region Duderstadt Abiturienten erarbeiten Ausstellung zu Migration
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14:17 26.06.2019
Gehen jetzt größtenteils selbst in die Fremde: Die Ausstellungsmacher mit ihrem Lehrer Ben Thustek (links). Quelle: Michael Caspar
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Duderstadt

Die schlesische Großmutter, die nach dem Krieg mit den Eltern von polnischen Soldaten aus der Heimat vertrieben wurde, der jugoslawische Gastarbeiter, der nach einem Streit mit dem Vater nach Deutschland ging, der britische Soldat, der sich in eine Deutsche verliebt: Mit ganz unterschiedlichen Migranten-Schicksalen haben sich die Zwölftklässler unter Anleitung ihres Lehrers Ben Thustek befasst. Sie schrieben Seminarfacharbeiten und erstellten Präsentationen, die es in der Ausstellung auf eigens beschafften iPads zu sehen gibt. Banner mit der zentralen Botschaft der Recherchen entstanden. Vitrinen zeigen abgegriffene Wörterbücher und Einbürgerungsurkunden.

„Türkin zweiter Klasse“

Lennart Stange interviewte seine Mutter. Sie war nach der Wende von Heiligenstadt nach Göttingen gezogen, um eine Ausbildung zur Buchhalterin zu machen. Wie viele andere Migranten, die in der Ausstellung zu Wort kommen, erlebte sie Diskriminierungen. „Meiner Mutter wurde gesagt, dass sie eine Türkin zweiter Klasse sei“, erfuhr Stange. Später heiratete die Mutter einen Hilkeröder. „Wenn die Grenze nicht gefallen wäre, würde es mich nicht geben“, sagte der Schüler.

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Abiturient Felix Obermann aus Worbis besuchte die Flüchtlingsunterkunft in Bodenstein. „Mit einem der Bewohner spiele ich Fußball“, erzählte er. Die Bewohner lernen dort Deutsch und erfahren, was für ein Verhalten Deutsche von Mitmenschen erwarten, fand Oberstein heraus. Eine 40-jährige Afghanin schilderte dem Schüler ihre neun Monate lange Flucht vor den Taliban. Sie fühle sich in der Bundesrepublik wohl und vor allem sicher, berichtete sie.

Tochter von Displaced Persons in Moringen

Gina Gedeon nahm per E-Mail Kontakt zu einer Frau auf, die 1946 in Moringen in einem Lager für sogenannte Displaced Persons, durch das Dritte Reich entwurzelter Menschen, zur Welt gekommen ist. Die Familie, die aus Polen stammte, wanderte später nach Kanada aus. Die Frau wurde Lehrerin. Dankbar für die positive Wendung, die ihr Leben nahm, unterstützt sie heute eine syrische Flüchtlingsfamilie. Das hat Gedeon beeindruckt.

Eichsfelder wanderten in die USA aus

Mit Eichsfelder Bauern und Handwerkern, die im 19. Jahrhundert für sich keine Perspektiven in der Heimat sahen und daher ihr Glück in den USA suchten, befasste sich Vincent Nolte. Um 1850 gab es einen Auswanderungsagenten in Duderstadt, der für eine Reederei arbeitete, erfuhr er vom Stadtarchivar. Der Abschied der Auswanderer hatte etwas von einer Beerdigung, da sie ihre Angehörigen oft nie wieder sahen. Bis zu 13 Wochen dauerte 1840 die Überfahrt. Das Zwischendeck war kostengünstig, aber feucht, schmutzig und beengt. Ärmere Eichsfelder konnten die Überfahrtkosten in den USA abarbeiten.

Schulleiter Thomas Nebenführ zeigte sich begeistert von der Ausstellung. Bei der Eröffnung erinnerte er an das Jahr 1991. Zahlreiche Menschen seien damals vor dem Krieg aus dem zerbrechenden Jugoslawien geflohen. Gegen die Aufnahme der Flüchtlinge habe es Widerstand gegeben. „Das Boot ist voll“ hätten einige Deutsche gemeint. Und: „Diese Menschen müssen sich ihre Würde erst einmal verdienen.“

Solche Vorstellungen gibt es auch heute. „Nachdem ich auf Facebook die Eröffnung der Ausstellung angekündigt hatte, gab es es rechte Propaganda im Internet“, berichtete Lehrer Thustek. Ihm sei vorgeworfen worden, dass er die Schüler „indoktrinieren“ würde. Er mache ihnen weis, dass Migration etwas Gutes sei.

Die Ausstellung im Duderstädter Eichsfeld-Gymnasium, Auf der Klappe 39, ist Donnerstag und Freitag sowie Montag und Dienstag von 8 bis 17 Uhr zu sehen und am Mittwoch, 3. Juli, von 8 bis 10.30 Uhr.

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