Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt Erlebnisbericht: Joachim Kukuk erzählt vom Glück bei seiner Flucht aus der DDR
Die Region Duderstadt Erlebnisbericht: Joachim Kukuk erzählt vom Glück bei seiner Flucht aus der DDR
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:41 08.11.2019
Joachim Kukuk ist im April 1989 aus der DDR geflohen. Quelle: Rüdiger Franke
Anzeige
Breitenworbis / Duderstadt

Joachim Kukuk und Karl Pfützenreuter sind 1989 aus der DDR geflohen, etwa ein halbes Jahr bevor die Grenze aufging. Kukuk erzählt von der Flucht und den glücklichen Umständen, die dabei halfen.

Pfützenreuter habe ihn auf der Baustelle angesprochen, erinnert sich Kukuk. „Er fragte, ob ich mitkommen würde.“ Kukuk sagte zu. Nicht ganz ungefährlich, denn „es hätte auch eine Falle sein können“. Als Termin suchten sie die Nacht des 19. April 1989 aus. An dem Abend lief das Rückspiel im UEFA-Pokal-Halbfinale zwischen Dynamo Dresden und dem VfB Stuttgart. „Ich erzählte meiner Mutter, dass ich das Spiel bei einem Kumpel schaue und dort übernachte.“

Die beiden Monteure hatten einen Auftrag bei der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) Gemüseproduktion Teistungen. „Die produzierten Gemüse für den Westexport.“ Ohne die Klempnerstelle hätte er nie einen Passagierschein für die Sperrzone an der Grenze erhalten, sagt Kukuk.

Kontrolle im Bus

Am 19. April stieg Joachim Kukuk in den Betriebsbus und fuhr zur Baustelle. „Sonst wurden wir immer durchgewunken“, sagt er. An dem Morgen aber seien in Ferna die Passagierscheine kontrolliert worden. Kukuk hatte einen Rucksack dabei, gepackt mit einem dicken Pullover, einem Fernglas, einem Messer, einem Paar Schuhe und allen Papieren. „Wenn der Grenzbeamte den Inhalt gesehen hätte, hätte er gewusst, was ich vorhatte.“

Joachim Kukuk zeigt den Fluchtweg auf der Karte. Quelle: Rüdiger Franke

Als die anderen abends die Baustelle verließen, schlossen sich Kukuk und Pfützenreuter zunächst im Keller ein. „Dort hat Karl mir erzählt, wie es funktionieren soll. Wir lassen uns schnappen und vom Westen freikaufen. Wenn er das vorher gesagt hätte, wäre ich nicht mitgegangen. Wir haben geheult, denn ich hab uns schon im Gefängnis gesehen. Aber zurück konnten wir nicht mehr.“

Aufbruch um 3 Uhr morgens

Um 3 Uhr morgens brachen sie auf. Sie hatten eine A-Leiter und eine Anstellleiter ineinandergesteckt für den den ersten Zaun. Dazu hatten sie ein gebogenes Rohr mit Steighilfen gebastelt, um den zweiten zu überklettern. Nach einer Weile der erste Schreck: ein Schwarm Krähen flog auf. „Wir waren wie erstarrt und warteten. Da habe ich gemerkt, dass ich in der Aufregung meinen Beutel vergessen hatten. Also bin ich noch einmal zurück und hab ihn geholt.“

Dann erreichten sie den ersten Zaun, etwa drei Meter hoch, oben drauf ein V aus Signaldrähten. Hinter dem Zaun ein Hundelaufgitter. „Überall lagen große Schweineknochen, aber es war kein Hund zu sehen. An der Stelle befand sich ein Tor, durch das die Grenzer den Bereich gefahren sind, deshalb war der Hundelauf unterbrochen.“ Die beiden bauten die Leiter auf. „Sie war genau bündig.“ Kukuk sprang als erster. „Der rechte Fuß stand auf der vorletzten, der linke auf der obersten Sprosse“, erzählt er. Aus der Stellung musste er das einen Meter breite V überspringen.

Ein dunkler Schatten

Kukuk landete auf der anderen Seite. „Dann sah ich einen dunklen Schatten auf mich zukommen. Es war ein Hund. Ich dachte, jetzt ist es vorbei, doch er schnupperte nur und bellte nicht.“ Pfützenreuter sprang auch. Die Leiter fiel, berührte aber nicht den Zaun. Bei der Landung brach er sich das linke Handgelenk.

Die Fluchtstrecke über den Lindenberg Quelle: Rüdiger Franke

Die beiden gingen weiter in den Wald. 500 Meter waren es bis zum zweiten Zaun. Das wussten sie. Doch den fanden sie nicht, wechseln mehrfach die Richtung, verzweifelten fast. Das Problem: Sie hatten eine Stelle gewählt, an der der Zaunverlauf einen Knick machte. Es waren zwei Kilometer. Das Knacken der Zweige schreckte die Hunde auf. Aus allen Richtungen war Gebell zu hören. „Wir haben abgewartet.“ Als sie weitergingen, kamen sie zu einer Lichtung und sahen die Lichter von Duderstadt. Endlich erreichten sie den Zaun. „Wir hängten das gebastelte Steigeisen ein und ich hievte Karl über den Zaun, der wegen des Bruchs nicht allein klettern konnte. Dann kletterte ich hinterher.“ Es waren noch 60 Meter Niemandsland zu überqueren, bis sie westdeutsches Gebiet erreichten. „Dort wurde zunächst vermutet, dass wir zur Staatssicherheit gehörten, denn so eine Stelle suche sich keiner für die Flucht aus.“

„Meine Mutter hat mir das nie verziehen“

„Meine Mutter hat mir das nie verziehen“, sagt Kukuk. „Dabei habe ich das gemacht, um sie vom Westen aus zu unterstützen.“ Nach der Wende gingen die beiden zurück in ihre Heimat. Seit 1999 sind sie verschwägert, denn Pfützenreuter heiratete Kukuks Schwester Margit

„Es ist Besuch für Euch angekommen“

Joachim Kukuk hat nach Einsicht seiner Stasi-Akten erfahren, dass er und Karl Pfützenreuter bei ihrer Flucht viel Glück hatten. Von 21.30 bis 5.30 Uhr war in dem Bereich, in dem sie die Grenze überquerten, eine Streife unterwegs. „Wir müssen genau das Zeitfenster erwischt haben, wo die Schichtwechsel hatten“, sagt er. Um 6.20 Uhr sei auf DDR-Seite dann ein Funkspruch des Bundesgrenzschutzes abgehört worden, der auf ihre Flucht hindeutete: „Es ist Besuch für Euch angekommen.“ Um 8.25 Uhr seien die Spuren der Flucht entdeckt worden. Um 11.20 Uhr habe die dpa die Flucht gemeldet. Am Fluchtabend hatte in Worbis ein Einwohnerforum stattgefunden, bei dem die Einheit als beste Grenzeinheit geehrt wurde. Der Major wurde befördert, die Beförderung am Tag darauf wieder zurückgenommen und der Major versetzt. Zur Auswertung der Flucht sei eine Soko gegründet worden. Eine Folge sei gewesen, dass die Streifen verstärkt wurden. Auch mussten Monteure abends ihre Passierscheine abgeben, um feststellen zu können, ob alle aus der Sperrzone zurückkehrten.

Von Rüdiger Franke

Das Eichsfeld schmeckt nicht nur den Eichsfeldern: Der Slogan verspricht auch Genießern in größerer Entfernung nur Gutes: 15 000 Besucher erwarten die Veranstalter beim Duderstädter Wurstmarkt am 9. und 10. November.

08.11.2019

Es gibt viele Gründe, Polen zu lieben, meint Matthias Kneip. 111 davon hat er im Buch „111 Gründe, Polen zu lieben – Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt“ aufgelistet.

08.11.2019

Telefonanrufe von falschen Polizisten: Diese Masche kommt im Raum Duderstadt derzeit im großen Stil zum Einsatz. Die Polizei warnt vor den Schreckensgeschichten, die die Betrüger am Telefon erzählen.

08.11.2019