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Duderstadt Ein Besuch bei lokaler Gruppe des Sehbehinderten-Verbandes
Die Region Duderstadt Ein Besuch bei lokaler Gruppe des Sehbehinderten-Verbandes
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18:58 03.01.2011
Schreibmaschine für Blinde: sechs Haupt-Tasten für die sechs Punkte der Brailleschrift. Quelle: Tietzek
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Christian Lurels Finger fliegen über die Seiten des Buches. Wo die rechte Hand noch an den letzten Buchstaben der einen Zeile hängt, erkundet seine linke schon den Anfang der neuen. Der Wollbrandshäuser, dessen gläserne Augen einen unsichtbaren Punkt in der Ferne fixieren zu scheinen, beginnt vorzulesen. „Ich habe diese meine Geschichte aus der eigenen Erinnerung aufgeschrieben...“ Es ist ein großer Wälzer, dessen Seiten noch makellos scheinen. Buchstaben sind nicht zu sehen. Denn Christian Lurel ist blind. Doch die „Die Dunkelheit, die niemand kennt“, der Inhalt der Autobiografie von Manon Liedermann, bleibt ihm trotzdem nicht verschlossen. Denn das Leihbuch aus der Deutschen Zentralbücherei für Blinde in Leipzig ist in der aus sechs Punkten zusammengesetzten Schrift von Louis Braille verfasst. Punktmuster sind als leichte Erhebungen von der Rückseite aus dem Papier gepresst. Jeder Buchstabe des Alphabets, jedes Satzzeichen wird durch die Anordnung der Punkte in einem Raster dargestellt. 64 Möglichkeiten ergeben sich aus den Kombinationen der sechs Punkte in der „klassischen“ Braille.

Dass es sich um eine geliehenes Buch handelt, ist kein Wunder: Die Bücher in Blindenschrift sind fast zehnmal so teuer wie ihre Gegenstücke für Sehende. Im Falle der „Dunkelheit, die niemand kennt“ entspräche das einem Preis von knapp 100 Euro. Finanziell wäre das für den Vielleser Lurel, der als Telefonist arbeitet, kaum machbar. „Er frisst die Bücher nur so weg“, erklärt seine Mutter Anneliese Kopp, die ebenso am Tisch sitzt wie Andrea Holzapfel, Leiterin der regionalen Untergruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbands, Kreisgruppe Göttingen.

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„Er kann das so schnell“, sagt Holzapfel. „Ich bin wesentlich langsamer.“ Die engagierte Frau ist späterblindet – erst im Erwachsenenalter verlor die heute 50-Jährige nach und nach ihr Augenlicht. Heute verfügt sie noch über ein Prozent Sehkraft – auf einem Auge. Sie musste lernen, sich in der zunehmenden Dunkelheit zurechtzufinden, alles zu ertasten, hören, riechen. Im Gegensatz zu Lurel, der von Geburt an vollständig blind ist. Holzapfel nahm an einem einjährigen Kurs an der Blindenschule in Hannover teil – der Wollbrandshäuser absolvierte die gesamten Bildungsweg an speziellen Schulen für Blinde.

Die Ausbildung umfasste nicht nur das Lesen, sondern auch Schreiben, wie Lurel mit flinken Fingern demonstriert, als er die Schreibmaschine bedient, die ebenfalls auf Braille eingerichtet ist. Sechs Tasten für Buchstaben und Satzzeichen, die Leertaste, dazu noch Tasten für Sonderzeichen – ihre Anzahl ist reduzierter als auf „normalen“ Maschinen. Da diese Geräte kaum transportabel sind, greifen die Mitglieder der Gruppe, die sich einmal im Monat zum Erfahrungsaustausch trifft, auch auf kleinere Streifenschreiber oder Diktiergeräte zurück. Die Schreiber sind handlicher, die Notizen von unterwegs lassen sich auf den Computer übertragen. Der ist eine große Erleichterung bei vielen Aufgaben, zumal seit dem Fortschreiten von Spracherkennungsprogrammen und Brailletastaturen. Der 47-jährige Lurel könnte seine Arbeit als Telefonist ohne den Rechenknecht kaum verrichten: „Es gibt heute keinen Arbeitsplatz für Blinde ohne PC.“

Auch andere elektronische Hilfsmittel wie Barcodescanner erleichtern den Alltag – so lässt sich zuhause schnell feststellen, ob die Sprühdose im Regal zum Haarstyling geeignet ist oder zum Reinigen des Backofens dient. Früher, beschreibt Holzapfel, war man noch viel mehr auf menschliche Hilfe angewiesen – inzwischen ist ein selbstständigeres Leben als blinder Menschen möglich.

Seit einigen Jahren wird auch mehr Wert auf integriertes Lernen gelegt, erklärt Lurel. Kinder nehmen einfach am regulären Schulunterricht teil. Das wäre nicht möglich ohne Computer. Doch ersetzen kann der PC die Brailleschrift auch 200 Jahre nach ihrem Entstehen nicht.

Was sich weniger geändert hat, sind die Vorurteile, denen sie ausgesetzt sind. Das Getuschel, die offene oder heimliche Aggression, Sprüche wie: „Behinderte haben hier nichts zu suchen.“ Aber das passiere immerhin etwas seltener als früher.

Die Gruppe trifft sich monatlich. Informationen bei Andrea Holzapfel unter 05 5 27 / 99 91 23.

Von Erik Westermann