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Duderstadt Ein Denkmal am russischen Gräberfeld des St.-Paulus-Friedhofs in Duderstadt
Die Region Duderstadt Ein Denkmal am russischen Gräberfeld des St.-Paulus-Friedhofs in Duderstadt
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19:50 11.04.2014
Von Nadine Eckermann
Modell des Denkmals: In der Umsetzung sollen die Metallplatten ein Maß von je zweieinhalb mal drei Metern haben. Quelle: Schauenberg
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Duderstadt

Unterschiede – durch Herkunft, Konfession oder Bildung – scheinen keine Rolle zu spielen. Einen ähnlichen Grundsatz verfolgt der Bildhauer Reuven Schärf. Er fertigt derzeit ein Denkmal für das russische Gräberfeld auf dem St.-Paulus-Friedhof in Duderstadt – und setzt damit ein Zeichen für den Gleichheitsgrundsatz.

Reuven Schärf ist jüdischer Herkunft. Als Kind lebte er in Deutschland, spricht bis heute die Sprache. Dann ergriffen die Nationalsozialisten die Macht – Schärf lernte während des Zweiten Weltkrieges Tod und Vertreibung kennen, ging gemeinsam mit seiner Familie ins Exil nach Israel.

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Dort lebte er das einfache Leben, half in der Landwirtschaft und lernte, körperlich schwer zu arbeiten. Auch als er anfängt, sich für Kunst zu interessieren, ist er weiter ein Mann aus dem Kibbutz – schwer zu verarbeitende Materialien schrecken ihn nicht ab.

Das anstrengende Behauen von Steinen ebenso wenig wie das Schweißen von Stahl. Er entscheidet sich für ein Leben zwischen seinem Studio auf dem Land und dem Herumreisen um die ganze Welt.

Mehr Beachtung

Seine jüngste Station führt den 76-Jährigen nach Duderstadt zu Peter Menge. Menge ist 63, Deutscher, Katholik, lebt die russisch-orthodoxe Liturgie. Und er hat eine Herzensangelegenheit: dem russischen Gräberfeld auf dem Friedhof in Duderstadt mehr Beachtung zukommen zu lassen, an die dort begrabenen Menschen zu erinnern.

Bis 1945 seien auf dem Friedhof russische Menschen „verscharrt“ worden, so Menge. Später habe man ein eigenes Gräberfeld angelegt – in dem aber die Russen nach eigener Tradition in ungeweihter Erde lagen. Die Weihe habe man vor einiger Zeit nachgeholt. „Und doch braucht es noch einen weiteren Schritt, um den Menschen dort endgültig ihre Würde wiederzugeben“, glaubt Menge.

Im Gespräch mit David Schärf, dem 33-jährigen Neffen des Bildhauers, berichtet Menge von seinem Vorhaben – und erhält die Zusage des in Hamburg lebenden Atheisten, sich der Sache anzunehmen und den Onkel aus Israel um Mithilfe zu bitten. Zugleich bittet er dessen Bruder Hermann aus Barcelona, sich ebenfalls in Duderstadt einzufinden und das Projekt Denkmal für das russische Gräberfeld anzugehen.

Die Männer der Familie Schärf und Menge verbringen derzeit eine gemeinsame Woche in der Stadt, in der das Kunstwerk entstehen soll. Schärfs Idee: In zwei zweieinhalb mal drei Meter große Stahlplatten werden Ausschnitte eingefügt, die es möglich machen, das Metall abzuspreizen.

„Eingang“ zum Kunstwerk

Gegenüber, im Abstand von knapp einem Meter angebracht, soll sich daraus der Eindruck zweier Türen ergeben, durch die der Betrachter hindurchgehen kann. Das Denkmal soll auf einer Erhebung aufgestellt werden, so dass es ein wenig schwerfalle, dort heranzutreten. „Der Weg zu den Türen soll mit Kies belegt sein“, so Reuven Schärf.

„Er soll spürbar  und zu hören sein und man soll nicht schnell darauf laufen können“, beschreibt er den Zugang. Habe der Betrachter den „Eingang“ zum Kunstwerk erreicht, solle er sich mit dem Metall konfrontiert sehen, das eine Assoziation mit dem Krieg möglich mache. „Es ist der Stoff, aus dem Panzer gemacht werden“, erläutert er.

Und es sei ein vergängliches Material, das mit der Zeit rosten und vergehen solle. Betrete der Betrachter das Kunstwerk, befinde er sich zwischen Wänden aus Metall. „Er kommt von der Erde und geht wieder zurück zur Erde. Dieses Stück dazwischen, das ist das Leben. Das Leben ist klein.“

Allein mit sich und den Gedanken

Der kleine Zwischenraum symbolisiert für Menge das Denkmal, „im Sinne von denk mal“, beschreibt er. Zwischen den beiden Türen sei der Betrachter ganz mit sich und seinen Gedanken allein. Dabei richte sich der Blick im Verlassen des Kunstwerks auf das Gräberfeld – und damit auf die Gegenwart der Vergangenheit und die eigene Zukunft.

Die mögliche Interpretation des Kunstwerks sei nicht religiös zu verstehen, sind sich Menge und Schärf einig. Es sei ebensogut möglich, in den beiden Türen politische Richtungen – Nationalsozialismus und Kommunismus beispielsweise – zu sehen oder ganz eigene Assoziationen herzustellen.

Bis zum Sommer soll das Kunstwerk, dessen Planung drei Jahre in Anspruch nahm, fertiggestellt sein. Ein Teil der Arbeit wird aktuell in einer Duderstädter Schlosserei erledigt. Bis zur Fertigstellung will Menge auch die nötigen 15 000 bis 18 000 Euro zusammenhaben, die zur Finanzierung nötig sind.

„Dann ruhen sie in Frieden“

„Es sieht gut aus“, sagt er. Der Bauhof habe bereits Unterstützung zugesagt, die Stadt schieße Geld hinzu und der Rest werde über Spenden finanziert. Das Land Niedersachsen müsse nicht beispringen, um das Geld zusammenzubekommen.

Wenn das Denkmal aufgestellt sei, komme den russischen Menschen, die auf dem Friedhof begraben seien, endlich die ihnen zustehende Ehre zu, so Menge. „Dann ruhen sie in Frieden.“ So sagt es wiederum die Bibel – und auch mit dem Sprichwort nach dem Psalm dürften alle Menschen gemeint sein.

Das Denkmal ist nicht das einzige Mahnprojekt, das derzeit auf dem St.-Paulus-Friedhof läuft. Auch die Geschichtswerkstatt Duderstadt engagiert sich für eine bessere Erinnerungskultur.