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Duderstadt Elektro-Schock in Eller: Fischbestand im Keller
Die Region Duderstadt Elektro-Schock in Eller: Fischbestand im Keller
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18:33 22.08.2011
Von Kuno Mahnkopf
Führt nach zwei dürren Jahren nur noch wenig Wasser: die Eller zwischen Brochthausen und Hilkerode.
Führt nach zwei dürren Jahren nur noch wenig Wasser: die Eller zwischen Brochthausen und Hilkerode. Quelle: Hellmold
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Brochthausen

Warum das so ist, erläutert – mit einem dicken Ordner zum Genehmigungsverfahren unter dem Arm – Thomas Schmidt von der Gesellschaft für Wasserwirtschaft, Gewässerökologie und Umweltplanung (Wagu) aus Kassel. Die Mitarbeiter des Fachbüros nehmen im Auftrag der Heinz-Sielmann-Stiftung Biotope und Biodiversität am ehemaligen Grenzstreifen unter die Lupe, waren bereits mit baldriangetränkten Lockstöcken für Wildkatzen und mit Fledermausnetzen unterwegs. Noch mehr Fingerspitzengefühl erfordert das elektrische Fischen. Dabei können die Fische zwar auch mit Impulsstrom betäubt werden, werden in der Regel aber nur mit einem Gleichstromfeld angelockt, nach dessen Linien sie sich ausrichten.

In Anglerhose stiefelt Schmidt durchs Gestrüpp der steilen Böschung und dann gegen den Strom in die Eller, einen Kescher mit Ringanode in der Hand, eine Kupferlitze hinter sich herziehend, ein Ladegerät im Ranzen, ein Steuergerät vor der Brust. Langsam fährt er den Strom hoch, die Einstellung erfolgt individuell und hängt extrem von der jeweiligen Gewässerchemie ab.

Nach zwei trockenen Frühjahren führt die Eller nur wenig Wasser, ist an den tiefsten Stellen des ausgewählten Abschnitts zwischen Brochthausen und Hilkerode nicht einmal einen halben Meter tief. Das Wasser trübt sich beim Staksen durch aufgewirbelten Schlamm. Ein paar Minuten vergehen, bevor Schmidt den ersten Fang melden kann: eine kleine Groppe. Eine Kollegin mit Klemmbrett notiert die Länge: vier Zentimeter. Ein paar mickrige Groppen später beginnt sich Schmidt über die Artenarmut zu wundern. Bis zu den Oberschenkeln im Wasser stehend, wird er schließlich in einem Unterstand fündig, hält eine 25 Zentimeter lange Bachforelle in die Kameras. Das geschätzte Alter – drei Jahre – wird ebenfalls notiert. Es soll Aufschluss über Populationsstruktur und Kapazitätsgrenze des verfügbaren Lebensraumes geben.

In den nächsten zwei Stunden kommen noch ein paar Forellen hinzu – alle gleich lang und mit dicken Bäuchen. „Extrem vollgefressen“, meint Schmidt. Dabei bleibt es dann aber auch. Und in den Eller-Zuläufen Schmalau, Solbach und Silke sieht es mit dem Artenspektrum nicht besser aus. Die Ausbeute im weiteren Verlauf des Tages bleibt mager, Schmerle, Gründling, Bachneunauge und Äsche scheinen unauffindbar. „Für ein Fließgewässer dieser Größe und dieses Strukturreichtums gibt es in der Eller eindeutig zu wenig Fische“, konstatiert Schmidt. Stutzig macht die negative Bilanz Begehungsscheininhaber Rudolf Mecke, Mitglied im Angelsportverein Gieboldehausen. Er begleitet die Wissenschaftler und hätte das Aneignungsrecht gehabt, falls beim Elektro-Fischen ein Tier auf der Strecke geblieben wäre.

„Die Eller hat vorzügliches Wasser, auch wenn sie nach einem Platzregen einmal braun wird“, merkt Mecke an und meint, die Fische seien durch die Stampferei vertrieben worden. Die Äsche als Edelfisch brauche gute Wasserqualität, besonders ihr Bestand sei durch Reiher dezimiert worden.“

Neben Äschen und Forellen hat Mecke auch hin und wieder mal einen Aal, einmal sogar einen Hecht in der Eller gefangen. Letzteres ist Bernhard von Minnigerode, der ebenfalls bei der Exkursion dabei ist, in 30 Jahren noch nicht passiert. Seit 1914 ist seine Familie Eigentümerin der Fischereigewässer in diesem Bereich. Alle zwei Jahre verstärken Angler den Forellenbesatz.

Für die Artenarmut macht Schmidt ebenso wie Maria Schaaf und Holger Keil von der Sielmann-Stiftung nicht den Reiher, sondern Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft verantwortlich. Das zeige schon der beim Stiefeln im Wasser aufgewirbelte feine Lehm. Der Schlamm sei nicht gut für Forellen, deren Eier sich in Kieslücken entwickelten, und reduziere den Sauerstoffgehalt des Wassers. In vielen Abschnitten reichten die Ackerflächen bis an die steilkantige Uferböschung heran. Auch der Nährstoffeintrag in Randbereichen werde untersucht. Breitere Acker- und Uferstreifen könnten die Situation verbessern und für ökologischen Mehrwert sorgen. Noch geprüft wird zudem die Durchgängigkeit des Fließgewässers, das der Eller-Rhume-Verband alle zwei Jahren von Hindernissen befreit. Weitere Untersuchungen sollen in der Eller bei Rüdershausen und in der Rhume folgen. Ausgeklammert bleibt der Seeburger See als Naturschutzprojekt des Landkreises Göttingen.

Die Biotop-Kartierung am Grünen Band – dem Naturschutzprojekt auf der ehemaligen Grenze – soll bis Ende Oktober abgeschlossen werden. Dann können mit der Pflege- und Entwicklungsplanung die Diskussionen beginnen. Gegen den Willen Betroffener werde nicht gehandelt, werden die Stiftungsvertreter nicht müde zu betonen – wissend, dass Interessenkonflikte beim Naturschutz nicht ausbleiben.

Grünes Band Eichsfeld-Werratal

Das Grüne Band Eichsfeld-Werratal ist ein länderübergreifendes Naturschutz-Großprojekt in Trägerschaft der Heinz-Sielmann-Stiftung und wird seit 2009 vom Bundesumweltministerium gefördert. Das Projektgebiet umfasst mehr als 31 000 Hektar Gesamtfläche in Niedersachsen, Thüringen und Hessen. Zwischen Harz und Thüringer Wald sollen 130 Kilometer des ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifens dauerhaft als Biotopverbund gesichert und gepflegt werden. Die Kerngebiete gelten als Rückzugsraum für rund 340 bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Bei der Sielmann-Stiftung sind Holger Keil und Maria Schaaf für das Projekt zuständig, das bereits touristisch vermarktet wird. Vor dem Abschluss steht die so genannte Biotopkartierung, bei der ein Fachbüro die vorhandenen Arten ermittelt, bevor über einen Pflege- und Entwicklungsplan weitere Schritte eingeleitet werden. Bis 2020 sollen elf Millionen Euro investiert werden, zu 75 Prozent vom Bund. Eingebunden sind sechs Landkreise und 120 Gemeinden.