Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Duderstadt Falsche Polizisten: Bandenmitglied kommt für mehrere Jahre hinter Gitter
Die Region Duderstadt Falsche Polizisten: Bandenmitglied kommt für mehrere Jahre hinter Gitter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:41 20.12.2018
Insgesamt hatten falsche Polizisten eine Seniorin aus Duderstadt um 290 000 Euro geprellt. Jetzt wurde ein 27-Jähriger verurteilt. Quelle: dpa
Anzeige
Duderstadt

Das Gericht befand den aus dem westfälischen Rheine stammenden Angeklagten des gewerbsmäßigen bandenmäßigen Betruges in zwei Fällen für schuldig. Der 27-Jährige hatte gestanden, für die mit dem „Falsche-Polizisten-Trick“ arbeitende Bande als Läufer agiert zu haben. Eines der Bandenopfer war eine 86-jährige Frau aus Duderstadt, die mit perfiden psychologischen Tricks dazu gebracht wurde, nach und nach insgesamt 290 000 Euro herauszugeben. Beim dritten Übergabetermin war der 27-Jährige als Kurier eingesetzt gewesen und hatte 200 000 Euro abgeholt. Drei Wochen später wurde er mit zwei Komplizen bei einer fingierten Geldübergabe in Coburg festgenommen.

Der in Untersuchungshaft sitzende 27-Jährige hatte bereits kurz nach seiner Festnahme ausgesagt und auch Angaben zu den Bandenstrukturen gemacht. Demnach hatte ihm ein Bekannter den Kontakt zu einem Mann vermittelt, der ihm Arbeit bieten könnte. Der arbeitslose 27-Jährige, der zwei Lehren abgebrochen und beruflich nie Fuß gefasst hat, sollte bei seinem ersten Auftrag in Mainz ein Paket abholen. Danach lud man ihn nach Istanbul ein, wo er Einblicke in ein Callcenter bekam, von dem aus offenbar solche betrügerischen Anrufe getätigt werden. „Sie wussten dann, wie der Hase läuft“, sagte der Vorsitzende Richter. Der Angeklagte sei zwar das letzte Glied in der Kette gewesen, habe aber gleichwohl eine wichtige Funktion innerhalb der Bande gehabt: „Ohne Sie funktioniert`s auch nicht.“

Anzeige

260 Euro für Kurierdienst

Das Gericht folgte mit seinem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte dagegen auf eine mildere Gesamtstrafe von einem Jahr und elf Monaten plädiert. Bei der Strafzumessung spielten auch generalpräventive Aspekte eine Rolle. Man wolle deutlich machen, dass sich derartige Straftaten nicht lohnen. „Das war eine Sauerei, eine alte Frau so auszunehmen“, sagte der Richter. Zugunsten des Angeklagten sei zu werten, dass er Reue gezeigt und zur Aufklärung beigetragen habe. Er habe selbst nur 260 Euro für den Kurierdienst bekommen, im Vergleich zur Gesamtsumme ein winziger Betrag.

Zuvor hatte die 86-Jährige anschaulich geschildert, wie sie wochenlang von der Bande auf äußerst raffinierte Weise bearbeitet worden war. Zunächst hatte sich ein Anrufer bei der früheren Lehrerin gemeldet und sich als Beamter der Polizei in Nordhausen ausgegeben. Der angebliche „Kriminaloberrat Thomas Müller“ berichtete, dass die Polizei zwei Verbrecher geschnappt habe, die gerade auf dem Weg zu ihr gewesen seien, um sie zu überfallen. Diese hätten einen Zettel bei sich gehabt, auf dem ihre kompletten finanziellen Verhältnisse aufgelistet seien. „Ich war völlig schockiert“, sagte die Rentnerin.

Falscher Polizist erfindet „Maulwurf“ in Bank

Der vermeintliche Polizist sagte, dass sie ihr Geld in Sicherheit bringen müsse, da offenbar ein Mitarbeiter ihrer Bank ein „Maulwurf“ sei und vertrauliche Informationen weitergegeben habe. Da die Ermittlungen höchster Geheimhaltung unterlägen, dürfe sie niemandem davon erzählen. Die Seniorin folgte seinen Anweisungen, kündigte mehrere Immobilienfonds in Höhe von 60 000 Euro, deponierte das Geld in einem eigens angemieteten Schließfach bei der Bank und übergab es später einem angeblichen Polizeikollegen.

Einige Tage später teilte der „Top-Ermittler“ ihr mit, dass man leider nicht die erhofften Fingerabdrücke des „Maulwurfs“ habe finden können. Er überredete sie dazu, 30 000 Euro von ihrem Sparbuch abzuheben, ins Schließfach zu legen und dann für neue Untersuchungen einem Abholer zu übergeben. Sollte jemand bei der Bank Fragen stellen, sollte sie sagen, dass sie das Geld ihren Nichten und Neffen übergeben wolle.

Haus für 200 000 Euro verkauf

Später hatte der vermeintliche Polizist eine neue Schreckensnachricht: Man habe einen falschen Notar verhaftet, der über Grundbuchauszüge ihres Hauses verfüge. Um zu verhindern, dass ihr das Haus abhanden komme, sollte sie so schnell wie möglich zum Schein ihr Haus verkaufen. Die Rentnerin schaltete einen Makler und einen Notar ein, wenige Wochen später war ihr Haus für 200 000 Euro verkauft. Nachdem der Käufer die Summe überwiesen hatte, hob sie auf Geheiß des Polizisten das Geld in bar ab. Diesmal klingelte der Angeklagte bei ihr, um das Geld abzuholen. „Ich komme von Herrn Müller“, sagte er nur. Sie habe danach mehrere Tage vergeblich auf einen weiteren Anruf des Polizisten gewartet. „Dann habe ich endlich gemerkt, dass ich betrogen wurde.“ Sie kann es bis heute nicht fassen: „Es geht mir nicht aus dem Kopf, wie geschult dieser Anrufer war.“

Von Heidi Niemann