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Duderstadt Familie Osburg: 40 Jahre Grenzübergang Duderstadt-Worbis
Die Region Duderstadt Familie Osburg: 40 Jahre Grenzübergang Duderstadt-Worbis
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19:37 14.06.2013
Grüße von der Grenze: Postkarte aus der Zeit der deutschen Teilung.
Grüße von der Grenze: Postkarte aus der Zeit der deutschen Teilung. Quelle: EF
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Gerblingerode

Der ideologische und reale Graben zwischen Bundesrepublik und DDR zur Zeit der deutschen Teilung verlief direkt vor ihrer Haustür und trug dazu bei, sie zu denen zu machen, die sie heute sind.

Im Juni 1945, kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen wird die Bundesstraße B 247 mit Schlagbäumen geschlossen. In den folgenden Jahren erwächst mitten im Eichsfeld an der Nahtstelle von sowjetisch zu britisch verwaltetem Sektor eine Landesgrenze – im Oktober 1949 wurde die DDR gegründet. Die B 247 wird im Dezember 1964 durch eine Sprengung endgültig unterbrochen.

Niemals für möglich gehalten

Dass sich diese historische Entwicklung bereits im nächsten Jahrzehnt wieder umkehren würde, hätten Margot und Dieter Osburg niemals für möglich gehalten. 1973 hatten sie im grenznahen Gerblingerode „mit Einwilligung der Regierung auf Niemandsland gebaut“, erzählt die 69-jährige Margot Osburg. Es sollte das Jahr werden, in dem  in der Nacht vom 21. zum 22. Juni um 0 Uhr die Grenzen wieder durchlässiger wurden. Mit Inkrafttreten des Grundlagenvertrags zwischen der Bundesrepublik und der DDR wurden vier neue Grenzübergangsstellen (GüSt) eingerichtet. In 56 grenznahen Landkreisen und Städten des Bundesgebietes war es den Bewohnern wieder möglich, zu Tagesaufenthalten in die DDR zu reisen. Der Grenzübergang Duderstadt-Worbis sollte sich bis zum Fall der Mauer im November 1989 mit rund sechs Millionen Reisenden zu den am stärksten frequentierten im sogenannten kleinen Grenzverkehr entwickeln.

Die Lage an der Grenze war Gold wert

Klein war auch die bescheidene Würstchenbude, die man zu der Zeit betrieben habe, erzählt Margot Osburg. Damals – 1973 – hieß das heutige Hotel-Restaurant Hahletal noch Eichsfelder Klause und Familienoberhaupt Margot Osburg schmiss den Betrieb mit einigen Aushilfskräften aus dem Dorf alleine. Das war, bevor ihr Mann, der bisher auf Montage arbeitete, mit einstieg, weil das Geschäft sonst nicht mehr zu bewältigen gewesen wäre. Zur Zeit des kleinen Grenzverkehrs war die Lage im Zonenrandgebiet Gold wert. Das wenige Monate alte Baby Jessica und seine zwei älteren Schwestern Bianca (2) und Jeanette (6) hütete die Schwiegermutter, erzählt Margot Osburg, „sonst hätte ich das nicht geschafft“.

Es sei eine schöne Zeit gewesen mit vielen Gästen. Die seien aus dem ganzen Bundesgebiet gekommen, um ihre Verwandten im Osten zu besuchen. Am ersten Tag der Grenzöffnung reisten am Grenzübergang Duderstadt-Worbis 47 Personen von West nach Ost und elf Personen in die entgegengesetzte Richtung. „Wir waren auch so eine Art Zwischenlager für die verbotenen Einfuhrgüter. Wir haben dann für die Strafgelder manchmal sogar bis zu über hundert Mark ausgelegt“, berichtet Margot Osburg. Selbstverständlich habe man damals das Geld von den Reisenden zurückbekommen. „Das würde man heute nicht mehr machen“, sagt sie und schüttelt den Kopf.

Duderstädter kommen mit Mofas

Am kleinen Kiosk des Hauses wurden Dosencola, Süßwaren, Eis und Lutscher verkauft. Die älteste Tochter half nach Kräften mit: „Früher kamen noch viele Duderstädter mit Mofas. Die haben dann gesagt, wir brauchen keine Karte, wir essen Schnipipo. So war das. Alle haben Schnipipo gegessen“, erzählt Jeanette Osburg lächelnd. Schnipipo – das war die damals gängige Bezeichnung für ein beliebtes Menü mit Schnitzel, Pilzen und Pommes.
In den Jahren danach entwickelte sich der Betrieb. 1975 kauften Osburgs das Grundstück und erweiterten 1976 das Backstein-Gebäude. Nebenan entstand ein Großraumparkplatz, um das enorme Grenzverkehrsaufkommen abzufedern. Mit dem Verkauf von Bratwürstchen, Eis und Getränken sei man in der Zeit kaum hinterhergekommen.

Familientradition: Margot und Dieter Osburg haben die Leitung des Hotel Hahletal an Tochter Jeanette übertragen

Nachträglicher Schock: Die Stasi-Akte

Vom DDR-Regime jenseits des Stacheldrahts hätten sie damals wenig gespürt. Ein Schock sei nachträglich die Stasi-Akte gewesen, die offensichtlich über den Familienvater angelegt worden sei. Sie befindet sich heute im Besitz der Osburgs. Die Akte beinhalte aber nur Informationen, die leicht über Mundpropaganda zu beschaffen gewesen seien. „Da stand zum Beispiel drin, wo wir gebaut haben und wann. Lauter blödes Zeug“, wiegelt Margot Osburg ab. 

Was sich mit dem kleinen Grenzverkehr seit 1973 schon andeutete, wurde 1989 schlagartig Realität. „Es war ein Donnerstag“, erinnert sich Margot Osburg, „und wir waren gerade wieder vom Einkaufen zurück, da lief es im Radio.“ Unwirklich kam es dem Ehepaar vor, denn die beiden 1943 (Margot) und 1941 (Dieter) geborenen Gerblingeröder hatten noch nie bewusst ein ungeteiltes Deutschland erlebt. „Es hieß, die Grenze sei offen. Wir haben nur gedacht, was erzählen die da für einen Mist?“, berichtet Margot Osburgs. Kurze Zeit nachdem sie die Nachricht gehört hätten, seien ihnen aber schon die ersten Menschen aus der maroden Volksrepublik entgegen gekommen. „Jeder hatte ein Glas Sekt in der Hand, es war eine irre Stimmung. Und das ging tagelang so weiter“, schmunzelt die 69-Jährige.

„Hexenkessel“ an der Grenze

„Sie haben uns buchstäblich überrannt“, erinnert sich Margot Osburg und erzählt von kilometerlangen Autoschlangen, sieben Stunden Wartezeit, dem raschen Aufbau von Not-Toiletten und einem regelrechten „Hexenkessel“ an der Grenze. „Wir haben zwei Wochen lang durchgearbeitet. Tag und Nacht. Wir kamen nicht mal aus dem Haus. Wir wurden vom Bundesgrenzschutz mit Nachschub versorgt. Die Leute haben angerufen und gesagt: Dieter, unsere Tante kommt aus Worbis, gib ihr was zu essen und einen Kaffee. Wir kommen und lösen sie aus“, berichtet Margret Osburg. Ein besonderer Höhepunkt seien die in endlosen Schlangen vorbeifahrenden Trabanten gewesen. Das Geräusch werde man nicht mehr vergessen: „Brütt, brütt, brütt, hup, hup“, imitiert die 69-Jährige das typische DDR-Gefährt.

1991 wurde der Komplex dann noch einmal großflächig ausgebaut mit Hotelräumen und einem Pavillon. Heute führt Tochter Jeanette, eine ausgebildete Hotelfachfrau, den Familienbetrieb. Der große Reiseverkehr sei nicht mehr da, sagt sie. „Die Besucher von damals kommen noch ab und zu vorbei. Die Lage ist eine andere.“ Klagen könne man aber nicht, Stammgäste aus dem Raum Thüringen und Niedersachsen habe man reichlich.

Programm zum Jahrestag

Anlässlich des 40. Jahrestags der Eröffnung des Grenzübergangs Duderstadt-Worbis lädt das Grenzlandmuseum Eichsfeld zu einem Tag der offenen Tür ein. Am Freitag, 21. Juni, wird um 16 Uhr der neue Pavillon „Grünes Band“ und um 17 Uhr die Sonderausstellung „40 Jahre Grenzübergang Duderstadt-Worbis“ eröffnet. Um 18 Uhr beginnt die Festveranstaltung.

Am Sonnabend, 22. Juni, besteht um 11 Uhr die Möglichkeit, bei einem Zeitzeugengespräch dabei zu sein. Um 15 Uhr beginnt eine Führung durch das Museum. Am Sonntag, 23. Juni, gibt es um 11 Uhr und um 16 Uhr ein Zeitzeugengespräch. Um 14 Uhr wird eine Museumsführung angeboten, und um 15 Uhr beginnt eine Wanderung über den Grenzstreifen mit Besichtigung des Wachturms.

Von Anna Kleimann