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Duderstadt Gieboldehäuser sucht 70 Jahre nach Grab des Bruders
Die Region Duderstadt Gieboldehäuser sucht 70 Jahre nach Grab des Bruders
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18:59 19.09.2014
Mahnmal für den Frieden: Die Gräber bei Kiew geben Gefallenen des Zweiten Weltkrieges die letzte Ruhe und erinnern an die Folgen der Gewaltherrschaft.
Mahnmal für den Frieden: Die Gräber bei Kiew geben Gefallenen des Zweiten Weltkrieges die letzte Ruhe und erinnern an die Folgen der Gewaltherrschaft. Quelle: Volksbund
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Jeden Morgen habe die Mutter am Fenster auf den Briefträger gewartet. Doch Post kam nur noch selten, damals 1943, mitten im Krieg, erinnert sich der 93-jährige Heinrich Bode. Im Dezember kam endlich doch ein Brief – aus Russland. Dort kämpfte Heinrichs  jüngerer Bruder Alois bei Kiew. Der dritte Bruder Willi war in Griechenland, und auch von ihm hatte die Familie lange kein Lebenszeichen erhalten.

Der Brief aus Russland enthielt die offizielle Nachricht vom Tod des jungen Alois Bode. Wenige Tage nach seinem 20. Geburtstag war er in Morosowka gefallen, hieß es in dem Schreiben des SS-Oberscharführers Knopf. „Im Glauben an Großdeutschland, im Glauben an seinen Führer erfüllte er seine Pflicht, stand da. Die Trauer war schon schlimm genug, aber diesen Satz empfanden meine Eltern als Demütigung“, empört sich Heinrich Bode.

Sein Vater sei Zeit seines Lebens überzeugter Gewerkschafter und Sozialdemokrat gewesen. Die Familie hatte sich nie mit Hitlers Gedankengut und Zielen anfreunden können. Ganz sicher habe Alois nicht an Großdeutschland und den Führer geglaubt, weiß Heinrich Bode, der selbst jahrzehntelang in der SPD aktiv war.

H. Bode.

1943 aus der Wehrmacht entlassen

Aber die beiden jüngeren Brüder entsprachen dem Nazi-Ideal der Herrenrasse: Großgewachsen, blonde Haare, blaue Augen. „Als sie gemustert wurden, sollten sie einen Zettel unterschreiben, dass sie zur SS wollten. Den haben sie nicht unterschrieben und mussten dann zum Arbeitsdienst. Später hat man sie doch zur SS geholt“, sagt Bode.

Sein zweiter Bruder Willi erlitt an der Front einen Kopfschuss, den er aber wie durch ein Wunder überlebte. Heinrich selbst war nach einer Schussverletzung 1943 aus der Wehrmacht entlassen worden.

Viele Familien wurden durch den Krieg zerrissen. „Angst und Trauer beherrschten den Alltag. In manchen Familien sind drei Söhne gefallen. Am meisten haben die Mütter gelitten. Nur die schwere Arbeit, die sie ohne ihre Männer bewältigen mussten, lenkte sie ab“, beschreibt der Gieboldehäuser die Kriegsjahre. Therapeutische Hilfe habe es für niemanden gegeben. Jeder musste selbst sehen, wie er mit Trauer und Not umging.

„Die Familie wollte wissen, wo Alois begraben war“

Zur Verarbeitung der traumatisierenden Erlebnisse blieb erst nach dem Krieg Raum und Zeit. „Die Familie wollte wissen, wo Alois begraben war“, sagt Bode. In der offiziellen Todesnachricht stand nur, dass der Bruder zusammen mit gefallenen Kameraden „ein würdiges Grab“ in Morosowka erhalten hatte.

Doch daran wollte Heinrich Bode nicht so recht glauben. Er war selbst an der Front gewesen. Das Grauen steht ihm heute noch im Gesicht bei den Erinnerungen: „Das kann sich niemand vorstellen. Die Panzer fuhren einfach über die Deckungslöcher, in denen die Soldaten lagen. Da war das Grab fertig.“

Außerdem habe es im Krieg zur Taktik der Einheitsführer gehört, bei Todesbenachrichtigungen falsche Ortsangaben zu machen. Die Briefe sollten keine Rückschlüsse auf den tatsächlichen Frontverlauf ermöglichen, um die Nazi-Propaganda aufrechtzuerhalten, erklärt Bode.

Botschaft konnte nicht weiterhelfen

Die Suche nach dem Grab des Bruders wurde dadurch erschwert, dass es vier Morosowkas gibt. Die Botschaft in der heutigen Ukraine konnte auf dieser Grundlage nicht weiterhelfen. Das Grab des Sohnes und Bruders nicht zu kennen und die Ungewissheit darüber, ob er überhaupt begraben war, belastete die Familie, doch die Hoffnung sank, jemals fündig zu werden.

Dann kam wieder ein Brief. Fast 70 Jahre nach Kriegsende hatte der Volksbund 87 deutsche Soldaten aus oberirdisch nicht mehr erkennbaren Gräbern im ukrainischen Solowijewka exhumiert und zum Sammelfriedhof in Kiew überführt. Darunter waren auch die sterblichen Überreste Alois Bodes.

„Ich bin sehr erleichtert über diese Nachricht. Dort in Kiew sind die Gräber sicher vor Bau- oder Ackermaschinen“, sagt Heinrich Bode. In Stein wurden Name und Daten des Bruders graviert, ein Foto des Friedhofs an die Familie in Gieboldehausen geschickt. Die Ungewissheit hat nach 70 Jahren ein Ende gefunden.

Kriegsgräberfürsorge

Ermahnung zum Frieden

„Im Gedenken an die Millionen Toten der Kriege und der Gewaltherrschaft, in der Erkenntnis, dass das Vermächtnis dieser Toten alle Völker zu Verständigung und Frieden mahnt, in dem Bestreben, das Leid der Hinterbliebenen zu lindern, hat sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Sorge um die Gräber dieser Toten zur Aufgabe gesetzt.“

So lautet die Präambel der Satzung des Volksbundes. Gegründet 1919 nach dem Ersten Weltkrieg arbeitet der Volksbund heute im Auftrag der Bundesregierung. Seine Aufgabe ist es, die Gräber der deutschen Kriegstoten im Ausland zu erfassen, zu erhalten und zu pflegen und Angehörige in Fragen der Gräberfürsorge zu betreuen.

Außerdem solle an die Folgen von Krieg und Gewalt erinnert werden. Bei internationalen Jugend-Workcamps werden friedenspädagogische Projekte angeboten. Infos bei volksbund.de.

Von Claudia Nachtwey

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