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Duderstadt Gieboldehausen: Grünes Licht für schwarzes Dach
Die Region Duderstadt Gieboldehausen: Grünes Licht für schwarzes Dach
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18:18 12.09.2013
Von Kuno Mahnkopf
Stilistische Vielfalt von Haus- und Dachformen, gekrönt von Photovoltaik-Anlagen: Gieboldehäuser Neubaugebiet. Quelle: Thiele
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Gieboldehausen

Der Landkreis Göttingen als Bauaufsichtsbehörde hat zwar noch einmal zweifelsfrei den baurechtswidrigen Zustand des Daches hervorgehoben. Der Widerspruch des Bausünders, der einen Rechtsanwalt eingeschaltet hatte, war jedoch von Erfolg beschieden: Der Landkreis beruft sich auf den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und verzichtet auf Rechtsverfolgung.

Damit folgte der roten Karte, die die Gemeinde gezückt hatte, jetzt im Nachhinein grünes Licht vom Kreis.

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Der Landkreis selbst hatte das exponierte Baugebiet in Hanglage mit Blick auf das Landschaftsbild nur unter strengen Auflagen genehmigt – inklusive Grüngürtel auf der Kuppe. Im Sinne einer einheitlichen Dachlandschaft hatte dann die Gemeinde Gieboldehausen im Bebauungsplan rote Dachfarben mit Zwischentönen vorgeschrieben.

Bei allem Verständnis für individuelles Bauen

Der Bauherr mit den schwarzen Ziegeln hielt sich nicht daran und beantragte im Nachhinein eine Änderung der Bauvorschriften.

Das wurde im Gemeinderat einstimmig abgelehnt. Parteiübergreifend waren sich die Politiker in Gieboldehausen einig, bei den festgesetzten Dachfarben zu bleiben und bei allem Verständnis für individuelles Bauen den Regelverstoß zu sanktionieren.

Bei der damaligen Diskussion im Rat fielen deutliche Worte: Viele Bauherren hätten die Auflagen unter Murren hingenommen. Es könne nicht sein, dass jemand versuche, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen.

Genau das hat der Bauherr getan und ist damit durchgekommen. Gegen die kostenpflichtige Verfügung, die Dachfarbe seines Hauses den örtlichen Bauvorschriften anzupassen und das Dach umzudecken, legte er Widerspruch ein. Und den hielt der Landkreis nach nochmaliger Prüfung für berechtigt.

Mit hohem Aufwand verfolgt

Begründung: Die Abwägung zwischen dem öffentlichen Interesse an Einhaltung des örtlichen Baurechts und den Belangen des Betroffenen hätte dazu geführt, dass der verfügte Eingriff schwerer wiegen würde, als es der verfolgte Zweck rechtfertigen würde. Auch die Kosten des Verfahrens werden dem Bauherren erlassen.

Verwundert über diese Entscheidung ist Gieboldehausens Bürgermeister Otmar Pfeifenbring (SPD): „Bauvorschriften sind nicht umsonst erlassen worden und dazu da, eingehalten zu werden.“ Der Fall sei mit hohem Aufwand verfolgt worden.

Der Landkreis sei im Laufe des Verfahrens umgeschwenkt und habe der Gemeinde geraten, den Bebauungsplan zu ändern und das Dach zu legalisieren. „Das haben wir aber nicht getan“, sagt Pfeifenbring und kritisiert die abschließende Entscheidung der Bauaufsichtsbehörde.

►Kommentar: Dachschaden

Von der Entscheidung des Landkreises, einen Bauherren für ein unerlaubtes schwarzes Dach ungeschoren davonkommen zu lassen, mag man halten, was man will. Sicher besteht die Gefahr eines Präzedenzfalles nach dem Motto Frechheit siegt.

Andererseits baut man in der Regel nur einmal. Und es ist verständlich, dass man sich dabei nicht reinreden lassen will. Das schwarze Schaf in Gieboldehausen ist besonders augenfällig, aber kein Einzelfall. Verstöße gegen die sogenannten RAL-Farbmuster gibt es immer wieder.

Die Farbpalette ist nach dem Reichsausschuss für Lieferbedingungen benannt, der 1925 gegründet wurde. Damals war der Wohnungsbau in aller Regel noch weit entfernt von Fragen des Landschaftsbildes und der baulichen Selbstverwirklichung. Unsere Neubaugebiete spiegeln immer auch gesellschaftliche Entwicklung wider.

Die wird zunehmend von Individualismus – böse Zungen sprechen von Egoismus – bestimmt. Die Ziegelwirtschaft hat längst auf den Geschmackspluralismus reagiert, die Kommunen folgen ihm zögernd und lockern immer mehr die Zügel.

Der Spielraum für Bauherren ist größer geworden. Anders als in historisch gewachsenen Ortskernen stehen in Neubaugebieten verklinkerte Säulentempel neben Block- und Schwedenhäusern, geradlinige Pultdächer neben verspielten Dächern mit Gauben, Türmchen und Erkern.

Schön ist die architektonische Beliebigkeit nicht. Zu den wenigen Einschränkungen, die es noch gibt, gehören neben der – interpretationsfähigen – Geschossigkeit, Mindestdachneigung, Baulinien und Firsthöhe eben die RAL-Farbvorgaben, um zumindest die chromatische Kakophonie der Dachlandschaft einzudämmen.

Gerade letztere sind aber nicht mehr zeitgemäß. Nicht etwa, weil die Industrie blau glasierte Tonziegel verkaufen und Bauherren Narrenfreiheit haben wollen, sondern weil auf vielen Dächern dunkle Photovoltaikmodule die Farbe angeben und die Bauvorgaben konterkarieren.

Die Energiewende hat die Gestaltungssatzungen längst ausgehebelt.