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Duderstadt Göttingens Polizeipräsident Robert Kruse im Redaktionsgespräch
Die Region Duderstadt Göttingens Polizeipräsident Robert Kruse im Redaktionsgespräch
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17:15 27.10.2013
Von Ulrich Lottmann
Präsenz in der Fläche: Als gut vernetzt sieht der Polizeipräsident das Duderstädter Kommissariat, sieht darin aber auch Probleme. Quelle: Bachert
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Duderstadt

Eingehend hat er sich mit der Prügelattacke zweier junger Männer auf einen 69-Jährigen befasst, die trauriger Höhepunkt monatelanger Streitigkeiten im Ort war und bei der das Opfer lebensbedrohlich verletzt wurde. Als Einzelfall bezeichnet der Polizeipräsident die Vorkommnisse.

Wegen der besonderen Eskalation der Gewalt hat er sich intensiv mit der Tat befasst. Kruse, verantwortlich für die Polizei zwischen Hann. Münden und dem südlich von Bremen gelegenen Hoya und Dienstherr von mehr als 2300 Beamten, informierte sich im Duderstädter Polizeikommissariat über die aktuelle Lage und Entwicklungen des vergangenen Jahres. Im Anschluss stellte er sich den Fragen der Tageblatt-Redakteure.

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Die aufsehenerregende Gewalttat in Seulingen war sowohl im Kommissariat als auch in der Redaktion ein Thema. Ihr waren eine Reihe von Vorfällen bis hin zur Körperverletzung vorangegangen. Hätte die Polizei mit einer Eskalation rechnen können oder sogar müssen?

„Ja, es ist etwas vorgefallen. Aber wir haben ja auch reagiert“, verweist Kruse im Redaktionsgespräch auf Polizeieinsätze im Ort, Gespräche mit den Beteiligten und weiteren Akteuren im Umfeld. „Dass es sich dann so entwickelt, war nicht vorherzusehen“, fasst Kruse zusammen. Nach der Tat habe es eine massive Polizeipräsenz im Ort gegeben, die erst nach dem Wegzug der Familie des Opfers aus dem Ort wieder zurückgenommen worden sei.

Kombination mehrerer Maßnahmen

Aufsehen erregte auch eine weitere Polizeiaktion: der Blitzermarathon. Die großflächige Tempomessung an vielbefahrenen Straßen bezeichnet Kruse als Erfolg. „Wir haben Diskussionen ausgelöst“, argumentiert er. Ziel sei nicht eine möglichst große Zahl von Verwarnungen für Autofahrer gewesen.

Vielmehr sei es darum gegangen, ein Bewusstsein für Gefahren auf der Straße zu schaffen. „Bei den Hardcore-Rasern ist es schwer“, bei vielen anderen Autofahrern zeigten Aktionen wie der Blitzermarathon aber Wirkung. Sie würden künftig wiederholt, kündigt Kruse an.

Präventiv wirke hier die Kombination mehrerer Maßnahmen, „wie ein Breitbandantibiotikum“. Neben Kontrollen und Geldbußen sei die Öffentlichkeitsarbeit wichtig, wie die Begleitung von Blitzermarathon und weiterer Großeinsätze auf Facebook.

Der Nutzung neuer Medien und sozialer Netzwerke misst der Polizeipräsident große Bedeutung zu – und sieht hier Nachholbedarf: „Im Vergleich mit Ländern wie Großbritannien ist Deutschland da Entwicklungsland.“ Bundesweit sei Niedersachsen jedoch führend.

Die offensive Offenheit nennt der Spitzenbeamte einen „Bruch mit Polizeitraditionen“, räumt auch Grenzen und Probleme ein. So müsse die Balance gewahrt werden zwischen gesicherter Information und Schnelligkeit. Bei der Glaubwürdigkeit gälten für die Polizei besondere Maßstäbe, denen müsse sie gerecht werden.

Zunahme der Internetkriminalität

Neue Medien stellen die Polizei aber auch auf ihrem ureigenen Terrain vor Herausforderungen, wird bei der Frage nach Trends bei der Kriminalität deutlich. Die Zahl der Taten, bei denen Computer und Internet eine Rolle spielten, nehme beständig zu, bestätigt Kruse mit Blick auf die Statistik.

Wie reagiert die Polizei? „Fortbildung ohne Ende“, antwortet der Präsident. Zwar setzt er auch auf Spezialisten und die Zentralisierung der Fahndung bei komplexen Sachverhalten. Gleichzeitig erwartet er von seinen Beamten in den Kommissariaten, dass sie als Ansprechpartner vor Ort kompetent die ersten Maßnahmen treffen. Bürgernähe ist ein Stichwort, das im Gespräch immer wieder fällt.

Das hat ihn auch nach Duderstadt geführt, das Kommissariat in der Herzberger Straße sei da beispielhaft. Hier sei die Polizei in der Fläche präsent, gut vernetzt, hier seien erfahrene, in der Region verwurzelte Beamte tätig. Die Strukturen seien „gewachsen“, sagt Kruse.

Das habe aber auch Nachteile. Der Altersdurchschnitt sei hoch, Pensionierungswellen müssten im Blick gehalten werden. Das Einstellen auf Internetkriminalität und das Verständnis der neuen Medien sei manchmal auch eine Frage des Alters, formuliert er vorsichtig. Letztlich ist ihm jedoch eines wichtig: „Für die Region hat es Vorteile, wenn es hier eine integrierte Beamtenschaft gibt“, setzt er auf Vernetzung und lokale Kompetenz. Das befördere das Sicherheitsempfinden und somit die Lebensqualität einer Region.

Veränderungen stehen deshalb im Kommissariat auch nicht an – zumindest nicht kurzfristig. Aktuell laufe landesweit eine Überprüfung des Bedarfs an Polizeibeamten. Hintergrund sind die aktualisierten Bevölkerungszahlen. „Wir sind eine Region, die Einwohner verliert“, sagt der Polizeipräsident.

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