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Duderstadt Graffiti statt Getreide: Kornhaus Kunterbunt
Die Region Duderstadt Graffiti statt Getreide: Kornhaus Kunterbunt
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18:42 13.08.2014
Von Kuno Mahnkopf
Kreativität aus Dosen: die jungen Künstler und ihre Unterstützer vor dem werdenden Wandgemälde. Quelle: Richter
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Bilshausen

Das geschieht nicht etwa im Schutz der Dunkelheit, sondern am hellichten Tage, mit Anleitung und unter den Augen erwachsener Funktionsträger. Die Graffiti-Streetart-Aktion ist Teil des Ferienprogramms. Und Samtgemeinde-Jugendreferent Dieter Seliger freut sich, dass die Jugendlichen ohne den Nervenkitzel des Illegalen mit viel Enthusiasmus bei der Sache sind „In den nächsten Wochen wird Bilshausen zugesprayt“, unkt Seliger und spielt damit auf die „anfangs leichten Bedenken“ gegen die Aktion an.

Die sind schnell breiter Unterstützung gewichen. Gebäudeeigentümer Alexander Jung gab spontan grünes Licht für die Sprayer, der Malerfachbetrieb Wüstefeld stellte ein Gerüst, Sparkasse und Landkreis Geld und Manpower zur Verfügung, Bürgermeisterin Anne-Marie Kreis (CDU) ist bei der Abnahme des Kunstwerks ebenso dabei wie Ortsjugendpflegerin und Ideengeberin Iris Blumenthal.

Graffiti ist als Straßenkunst längst im Mainstream angekommen“, sagt Tobias Moench. Malte Reinker-Dieker von der aufsuchenden Jugendarbeit des Landkreises pflichtet ihm bei. Moench, der in einem Künstlerbedarfsladen in Berlin arbeitet, hat mit Reinke-Dieker schon den Bauwagen am Duderstädter Busbahnhof gestaltet, in seiner Studienzeit in Göttingen über das Institut für angewandte Kulturforschung eine Graffiti-Aktion zum Thema fairer Handel organisiert. Er hat auch für die Street-Art-Farbdosen gesorgt, die es nicht im Baumarkt, sondern nur im Fachhandel gibt.

Die Tristesse übertüncht

Bevor es ans Eingemachte geht, führt Moench im Bilshäuser Jugendhaus 14 Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren an die Materie heran, informiert über Geschichte und Techniken der Sprayerszene. Auf einer Tafel wird erst einmal geübt, am nächsten Tag geht es ins Gewerbegebiet. Von den Anhängern mit Getreide, die hier noch vor gut zehn Jahren zur Erntezeit Schlange standen, zeugt als Relikt nur noch der abblätternde Schriftzug „Kornhaus Duderstadt“, das Gebäude wird inzwischen von einer Metallbau- und einer Innenausbaufirma als Lager genutzt.

Die Tristesse, die die Vorderfront ausstrahlt, wird nach und nach von kunterbunten Motiven übertüncht. Denen liegt ein Entwurf der 17-jährigen Angela Moor zugrunde, der während der Umsetzung wächst und ergänzt wird. So wird über dem Bilshäuser Ortswappen kurzerhand ein Regenbogen integriert, der am Himmel erscheint, als sich die Jugendlichen bei einem Regenguss unter die Überdachung flüchten.

Die Motivwahl spiegelt auch die Befindlichkeiten einer Jugend auf dem Lande wider. Man hängt im Jugendraum oder der Bushaltestelle ab, hört Musik, ist hin- und hergerissen zwischen Geborgenheit, Gemeinschaft, Langeweile, Fluchtgedanken, Sehnsucht nach urbanem Leben und  der großen weiten Welt.

Eine bleibende Erinnerung

An der Haltestelle wartet man nicht nur auf den Bus, sie wird zum Warte-Symbol für das Leben, von dem man noch nicht weiß, was es bringen wird. Die jungen Sprayer stehen alle vor dem Start in eine Ausbildung, im Bilshäuser Jugendhaus rückt die nächste Generation nach. Mehr als die Hälfte von ihnen ist mit dem Motorroller gekommen. Der findet sich auf dem Wandgemälde ebenso wieder wie der Schriftzung ihres Heimatortes und die Bushaltestelle („weil wir da immer sitzen“), aus einer Lautsprecherbox steigen Noten auf.

Für die großen Hintergrundflächen kommt der Pinsel zum Einsatz, gesprayt wird freihändig. Schablonen benutzen die Jugendlichen nicht, nur Kreppband für saubere Übergänge. In kleinen Kreisbewegungen werden die Binnenstrukturen mit Farbe gefüllt. Wenn etwas nicht ganz so gelungen ist, wird es in einem neuen Versuch einfach übersprüht. Zum Schluss bleibt eine bunte Wand, auf der sich die Jugendlichen verewigt haben. Und eine bleibende Erinnerung. Wie im Song 100x von Prinz Pi und Casper: „Wir waren mal hier, beweist die Wand. Wir haben uns mal auswendig gekannt.“

Graffiti statt Getreide: Jugendliche gestalten Fassade im Duderstädter Gewerbegebiet. © Richter